

Forschungsvorhaben
Stadtmuseen befinden sich im Umbruch. Fragen nach gesellschaftlicher Relevanz, kultureller Teilhabe und der Repräsentation einer diversen, postmigrantischen (Stadt-)Gesellschaft haben in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Damit stellt sich auch die Frage nach dem Verhältnis von Museum und Stadt neu: Wie können Museen zu Orten werden, die nicht lediglich Stadtgesellschaft repräsentieren, sondern in denen gesellschaftliche Beziehungen entstehen, ausgehandelt und verändert werden? Welche Geschichten werden sichtbar, wessen Erinnerungen finden Eingang in museale Narrative und welche Möglichkeiten bestehen, hegemoniale Geschichtsbilder zu erweitern oder neu zu perspektivieren?
Das Forschungsvorhaben untersucht diese Formen der Beziehung zwischen Museum und Stadtgesellschaft. Im Zentrum steht dabei ein relationales Verständnis des Museums, das die Institution nicht als abgeschlossenen Ort der Sammlung, Bewahrung und Vermittlung begreift, sondern als Teil eines städtischen Beziehungsgefüges. Untersucht werden soll, durch welche musealen, künstlerischen, szenografischen und partizipativen Praktiken solche Beziehungen hergestellt und welche Formen von Teilhabe und Agency dadurch ermöglicht werden.
Besonderes Interesse gilt Praktiken, die die institutionellen und räumlichen Grenzen des Museums erweitern: mobile und dezentrale Outreach-Formate, die museale Arbeit in den Stadtraum verlagern, ebenso wie die Öffnung und Aneignung musealer Räume durch unterschiedliche Akteur*innen. Dabei wird Teilhabe explizit als eine körperlich-räumliche Praxis des Mitmachens, Nutzens, Aneignens und In-Beziehung-Tretens verstanden. Untersucht werden soll, welche Formen der Wissens- und Erinnerungsproduktion durch solche Praktiken hervorgebracht werden und wie sich dadurch museale und städtische Narrative verändern.
Als theoretische und historische Perspektive wird dabei auch die lateinamerikanische Museologie einbezogen. Insbesondere die seit der Santiago-Deklaration von 1972 entwickelte Vorstellung eines gesellschaftlich verantwortlichen und in seine Lebenswelt eingebetteten Museums („museo integral“) sowie Konzepte und Strategien der „museología social“, die Museen als Werkzeuge für gesellschaftliche Transformation versteht, eröffnen einen Blick auf Museumspraxis, der über das gegenwärtige westliche Partizipationsverständnis hinausweist. Anhand ausgewählter historischer und gegenwärtiger Beispiele soll untersucht werden, welche unterschiedlichen Vorstellungen von Museum, Öffentlichkeit, Teilhabe und städtischer Identität darin zum Ausdruck kommen und welche Praktiken und Ziele damit verfolgt werden.
Ziel des Forschungsvorhabens ist es, Bedingungen und Praktiken zu identifizieren, unter denen Stadtmuseen zu „dritten Orten“ (Ray Oldenburg) werden können. Zentral dabei ist die Frage, welche unterschiedlichen Formen des Verhältnisses von Museum, Stadt und Gesellschaft sichtbar werden, wenn etablierte museale Grenzen und institutionelle Rollen neu gedacht und erprobt werden.
Betreut wird das Promotionsvorhaben von Prof. Dr. Lioba Keller-Drescher.
Beteiligte