Ingwer (Zingiber officinale ROSCOE)

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Antiemetisch, karminativ und antiphlogistisch wirkende Scharfstoffdroge mit weltweiter Verbreitung und Arzneipflanze des Jahres 2026.

von Tobias Niedenthal

 

Botanik

Der Ingwer (Zingiber officinale Roscoe) ist eine ausdauernde Staude aus der Familie der Ingwergewächse (Zingiberaceae). Die Pflanze erreicht Wuchshöhen bis über einen Meter und besitzt lineal-lanzettliche Blätter von über 20 cm Länge, deren röhrenförmige Blattscheiden einen Scheinstängel bilden. Das unterirdisch horizontal wachsende, verzweigte Rhizom dient als Überdauerungsorgan und ist innen gelblich gefärbt [Wichtl 2016].

Die Wildform der Pflanze ist unbekannt. Ingwer wird seit Jahrhunderten in Südasien kultiviert und heute in zahlreichen tropischen Ländern angebaut, wobei sich verschiedene Chemotypen entwickelt haben. Die Weltjahresproduktion beträgt annähernd 5 Millionen Tonnen. Indien, Nigeria und China zählen zu den Hauptproduzenten. Als besonders hochwertig gelten der Jamaika-Ingwer sowie der Australische und Bengalische Ingwer [Hook 2025].

Geschichte

Ingwer war bereits in der griechisch-lateinischen Fachliteratur der Kaiserzeit als Importware etabliert. Dioskurides beschrieb die Droge um 70 n. Chr. als erwärmend, verdauungsfördernd, milde den Stuhl anregend und magenstärkend. Zudem wirke sie gegen Verdunkelungen der Pupille und diene als Zusatz in Gegengiften. Celsus führt Ingwer als Bestandteil des Mithridatiums auf, Scribonius Largus in einem Theriak. Galen ordnete Ingwer in die Humoralpathologie ein und klassifizierte ihn als warmes Arzneimittel, dessen Wirkung im Gegensatz zum Pfeffer langsamer einsetze, aber länger anhalte [Mersi 2011].

Im Lorscher Arzneibuch (um 800) ist Ingwer in etwa 10 % der 482 Rezepte enthalten, darunter Tränke, Latwergen, Pillen und Pulver bei Magen- und Darmleiden, Erkrankungen von Leber, Milz und Nieren sowie bei Wechselfieber. Hildegard von Bingen widmete dem Ingwer in der Physica eine differenzierte Betrachtung: Für gesunde und beleibte Menschen sei der Verzehr schädlich, da die Hitze sie gedankenlos und hitzig mache. Wer jedoch in seinem Körper trocken sei und schon fast sterbe, für den sei Ingwer lebensrettend. Das Circa instans der Schule von Salerno führt Ingwer als Digestivum und Karminativum bei kalten Magenleiden, Blähungen und Ohnmacht [Mersi 2011].

Die Anwendung bei Reisekrankheit ist hingegen erst seit dem 19. Jahrhundert belegt. Im Reisebericht The Narrative of a Voyage to the Swan River (1831) beschreibt John Giles Powell ein Glas Branntwein mit Wasser, Muskatnuss und Ingwer als Mittel gegen Seekrankheit. John Woodalls The Surgions Mate (1617), das Standardwerk der englischen Bordmedizin, nennt Ingwer zwar bei Koliken und Skorbut, jedoch noch nicht bei Reisekrankheit [Powell 1831] [Woodall 1617].

Droge und Inhaltsstoffe

Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) hat im Mai 2025 eine aktualisierte Monographie zu Ingwerwurzelstock veröffentlicht (Revision 1).

Die Qualität der Droge (Zingiberis rhizoma) ist im Europäischen Arzneibuch beschrieben. Die Droge besteht aus den getrockneten, ganz oder teilweise von Kork befreiten Rhizomen und enthält mindestens 1,5 % ätherisches Öl. Dieses ist je nach Herkunft und Chemotyp unterschiedlich zusammengesetzt. Meist dominieren Sesquiterpene wie (-)-alpha-Zingiberen und (+)-ar-Curcumen. Für den charakteristischen Geruch ist Zingiberol verantwortlich, zum Aroma tragen auch Monoterpene bei, insbesondere Citral [Wichtl 2016].

Die nicht flüchtigen Scharfstoffe (ca. 1-2 %) gehören zur Gruppe der Arylalkanone. Hauptvertreter sind die Gingerole, unter denen [6]-Gingerol dominiert, sowie die schärfer schmeckenden Shogaole, die sich erst bei Lagerung durch Wasserabspaltung aus den Gingerolen bilden. Das Abbauprodukt Zingeron schmeckt kaum scharf. Ein höherer Gehalt weist auf Überlagerung hin [Wichtl 2016].

Ein erhebliches Problem stellt die Qualitätsvariabilität dar: In einer Untersuchung von Nahrungsergänzungsmitteln schwankten die Gehalte an [6]-Gingerol zwischen 0,0 und 9,43 mg/g. Die Mehrzahl der untersuchten Produkte wies zudem Shogaol-Gehalte oberhalb der USP-Spezifikationen auf, was auf unsachgemäße Lagerung oder Verarbeitung hindeutet [Hook 2025].

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Wirkungen

Die antiemetische Wirkung des Ingwers beruht auf einer antagonistischen Wirkung an 5-HT3-Rezeptoren. In humanpharmakologischen Studien erhöhte Ingwer postprandial signifikant die Phase III des migrierenden Motorkomplexes mit Kontraktionen und beschleunigter Magenentleerung in das Duodenum [Wichtl 2016] [HMPC 2025].

Antiphlogistische Wirkungen werden durch Hemmung der Cyclooxygenase-1 und -2 sowie der NO-Synthase vermittelt. Die Gingerole sind zudem potente Vanilloid-Rezeptor-Agonisten (VR1), was die analgetischen Effekte teilweise erklärt. Eine blutdrucksenkende Wirkung wird mit der Blockade spannungsabhängiger Calciumkanäle in Zusammenhang gebracht [Wichtl 2016] [HMPC Assessment 2025].

Pharmakokinetische Untersuchungen zeigen eine rasche Absorption der Gingerole und Shogaole mit Erreichen maximaler Plasmakonzentrationen innerhalb von 30-75 Minuten. Die Bioverfügbarkeit wird durch extensive Phase-II-Metabolisierung, insbesondere Glucuronidkonjugation, limitiert. Bemerkenswert sind die beobachteten multiplen Plasmakonzentrationsmaxima, die auf enterohepatische Rezirkulation hindeuten [HMPC Assessment 2025].

Indikationen

Die aktualisierte HMPC-Monographie von 2025 unterscheidet zwischen Well-established use und Traditional use. Als gut belegte Anwendung gilt die Prävention von Übelkeit und Erbrechen bei Reisekrankheit [HMPC 2025].

Für den traditionellen Gebrauch werden fünf Indikationen genannt: (1) Linderung der Symptome der Reisekrankheit, (2) symptomatische Behandlung leichter, krampfartiger Magen-Darm-Beschwerden einschließlich Blähungen und Flatulenz, (3) vorübergehende Appetitlosigkeit, (4) Linderung leichter Gelenkschmerzen sowie (5) Linderung von Erkältungssymptomen. Die letzten drei Indikationen wurden in der Revision 2025 neu aufgenommen [HMPC 2025].

Die klinische Evidenz für die verschiedenen Indikationen ist unterschiedlich robust: Von 109 analysierten randomisierten kontrollierten Studien erfüllten lediglich 43 das Kriterium hoher Evidenzqualität. Die beste Datenlage besteht für gastrointestinale Effekte, Schwangerschaftsübelkeit und als Adjuvans bei Chemotherapie-induzierter Übelkeit. Die Ergebnisse bei Reisekrankheit sind modellabhängig und nicht einheitlich [Hook 2025].

Präparate & Dosierungen

Well-established use (Prävention Reisekrankheit): Erwachsene 1-2 g gepulverte Droge, 1 Stunde vor Reiseantritt. Die Anwendung bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren wird mangels ausreichender Daten nicht empfohlen [HMPC 2025].

Traditional use (Reisekrankheit): Erwachsene und Jugendliche 500-750 mg, Kinder 6-12 Jahre 250-500 mg gepulverte Droge, jeweils 1/2 Stunde vor Reiseantritt. Bei längerer Reise kann alle 4 Stunden eine weitere Dosis eingenommen werden (Tageshöchstdosis: Erwachsene 2,5 g, Kinder 1,5 g) [HMPC 2025].

Traditional use (übrige Indikationen): Gepulverte Droge 0,18-1 g dreimal täglich, alternativ Tinktur 1:10 (Ethanol 90 %) 1,5-3 ml dreimal täglich oder Tinktur 1:2 (Ethanol 90 %) 0,25-0,5 ml dreimal täglich. Die Anwendung bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren wird nicht empfohlen [HMPC 2025].

Fertigarzneimittel: Zintona Kapseln (250 mg Ingwerwurzelstock-Pulver). Ingwertinktur ist Bestandteil der Bitteren Tinktur NRF 6.3 [Wichtl 2016].

Sicherheitshinweise

Unerwünschte Wirkungen: Häufig gastrointestinale Beschwerden wie Magenverstimmung, Aufstoßen, Dyspepsie, Sodbrennen und Übelkeit. Überempfindlichkeitsreaktionen sind möglich [HMPC 2025].

Schwangerschaft und Stillzeit: Moderate Daten aus Humanstudien (300-1000 Schwangerschaftsausgänge) zeigen keine Hinweise auf Fehlbildungen oder feto-/neonatale Toxizität. Tierexperimentelle Studien sind hinsichtlich Reproduktionstoxizität unzureichend. Bei Nagern wurden bei Dosen im Bereich oder oberhalb der humantherapeutischen Dosierung erhöhte Embryoresorptionen beobachtet. Aus Vorsichtsgründen wird empfohlen, die Anwendung während der Schwangerschaft zu vermeiden. Zur Anwendung in der Stillzeit liegen keine ausreichenden Daten vor [HMPC 2025].

Wechselwirkungen: Keine bekannt. In-vitro-Untersuchungen deuten auf eine mögliche Hemmung von CYP2C19 und P-Glykoprotein hin. Die klinische Relevanz ist unklar. Eine klinische Studie zeigte keine Interaktion mit Warfarin [HMPC Assessment 2025].

Quellen

HMPC. European Union herbal monograph on Zingiber officinale Roscoe, rhizoma. EMA/HMPC/885789/2022, Revision 1, Mai 2025

HMPC. Assessment report on Zingiber officinale Roscoe, rhizoma. EMA/HMPC/765220/2022, Revision 1, Mai 2025

Hook I, Krenn L, Steinhoff B, Wolfram E. Factors Influencing Clinical Trials of Herbal Medicinal Products - Using Ginger as Example. Planta Med 2025; 91: 880-890

Mersi J. Ingwer (Zingiber officinale ROSCOE) und Galgant (Alpinia officinarum HANCE) in der Geschichte der europäischen Phytotherapie. Diss. Würzburg 2011

Powell JG. The narrative of a voyage to the Swan River. London 1831

Wichtl M (Hrsg.). Teedrogen und Phytopharmaka. 6. Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2016. S. 704-706

Woodall J. The Surgions Mate. London 1617

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Strukturen relevanter Inhaltsstoffe

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