„Fünf Fragen und ein Cafézinho“ mit Halvard Gremme

Forschungsorientierter Studienaufenthalt im Rahmen eines Mastermoduls (Molekulare Biomedizin) in Rio de Janeiro über eine Labor-Kooperation von Prof. Dr. Götte mit Prof. Pavão
© Video: Halvard Gremme, Bild: Brazil Centre
© Halvard Gremme

1. Brasilien-Zentrum: Wie hat Ihr Studienaufenthalt in Rio an der UFRJ zu deinem Werdegang beigetragen?

Halvard: Prof. Pavão, der der Kontakt von Prof. Götte und mein Gastgeber gewesen ist, ist in der medizinischen Biochemie tätig und ich hier in Münster bisher kaum Berührungspunkte mit dem Thema hatte. In dieser Art habe ich einmal eine komplett neue Thematik kennengelernt und neue Techniken im Labor erlernt. Was ich auch interessant fand, war, wie das Labor in anderen Ländern aufgebaut ist. Also, „sieht es da genauso aus wie in Deutschland oder sieht man schon Unterschiede?“ Und da war es ganz cool, einfach mal eine neue Erfahrung zu bekommen und zu sehen, wie es in anderen Ländern aussieht und wie die Menschen arbeiten!

Es waren schon große Unterschiede. Unter anderem hatte ich das Gefühl, dass da einfach alle viel, viel, viel gelassener sind. Aber die Gelassenheit habe ich auf jeden Fall als positiv empfunden. Es hat super Spaß gemacht, da zu arbeiten. Es war viel quatschen, es war halt nicht nur auf Arbeit getrimmt, sondern ein guter Mix, so dass man jetzt da nicht mit Burnout rausgeht (lacht).

Jetzt in meinen 2 Monaten hatte ich mit Algen gearbeitet. Das habe ich davor noch nie getan. Das war ganz cool, das einmal so als Modellorganismus kennenzulernen. Wir hatten uns dann darauf spezialisiert, zwei verschiedene Polysaccharide zu extrahieren. Und damit hatte ich jetzt methodisch noch nie gearbeitet. Deswegen war das schon ganz cool, das mal so kennenzulernen und diesen Einblick zu bekommen.

Zu dem Zeitpunkt stand das Labor über Prof. Pavão mit einem Start-up in Kontakt, die da eben gerade dabei ist, ein neues Produkt zu testen, eben diese Polysaccharide, die wir extrahiert haben. Und dann kamen die auch für eine Woche vorbei und hatten sich das mal angeschaut, was wir im Labor machen, und so habe ich dann auch noch mal die Leute vom Start-up kennengelernt. Da gab es dann auch noch Vorträge. Das war auch ganz cool zu sehen, wie dieser ganze Forschungsbereich auch dann wirtschaftlich umgesetzt werden kann.

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2. Brasilien-Zentrum: Gab es während deiner Zeit in Rio allgemein irgendwelche Schwierigkeiten oder besondere Herausforderungen? / 2. Gab es bei deinem Studienaufenthalt besondere Herausforderungen?

Halvard: Ich hatte vor der Abreise versucht, ein bisschen Portugiesisch zu lernen, weil ich auch im Internet gelesen und gehört hatte, dass die Leute eben super wenig Englisch sprechen. Das hat sich absolut bestätigt. Außerhalb des Labors habe ich in den ganzen zwei Monaten zwei oder drei Leute getroffen, die eher bisschen Englisch konnten. Außerhalb des Labors ging das gar nicht mit Englisch. Und im Labor war es so halb halb. Einige konnten relativ gut Englisch, andere eher weniger. Es war häufig eine Verständigung mit Händen und Füßen oder eben mit Übersetzer. Aber mit Händen und Füßen hat es erstaunlich gut funktioniert (lacht).

Vor allem, wenn die versucht haben, mir neue Methoden zu erklären, war es in dem Laborkontext herausfordernd. Weil ich kaum Portugiesisch konnte und sie eben kaum Englisch, war das immer so ein hin und her.

Neben der Sprache gibt es noch eine Sache, die mir aufgefallen ist: das Bus fahren. Ich bin da relativ viel Bus gefahren. Das Problem ist, dass die im Bus nicht anzeigen, an welcher Haltestelle die gerade sind. Dann sitz ich da in diesem Bus und der fährt einfach. Irgendwann weiß man einfach nicht mehr, wo man ist. Ich weiß auch nicht, wie der Ort aussieht, wo ich raus muss. Dann war das immer so ein bisschen rätseln, ob das jetzt schon meine Haltestelle gewesen wäre oder ob ich noch weiterfahren muss. Das war schon teilweise ein bisschen nervig bzw. da musste ich mich erstmal dran gewöhnen.

Die Wohnungssuche war anfangs auch nicht so leicht. Aber ich hatte Glück, dass ich da von Prof. Pavão sehr unterstützt wurde. Ich konnte ihm dann immer die Adressen schicken, damit er mir dann auch sagen konnte, ob es eine sichere Gegend ist. Das ist so eine Sache, die vielleicht auch nicht so einfach war. Besonders wenn man keinen Kontakt in Rio hat, stelle ich das mir ziemlich schwierig vor, eine Gegend zu finden, die jetzt supersicher ist, aber auch nicht unbedingt, dass es das Touristen-Viertel ist, wo man dann dreimal so viel zahlt.

Aber witzigerweise habe ich dann am Ende doch so 10 Meter neben einem der größten Favelas gewohnt. Es gab auch noch andere aus dem Labor, die auf dieser Insel in der Nähe von mir gewohnt haben. Dadurch habe ich mich dann doch relativ sicher gefühlt. Die Dame, bei der ich gewohnt habe, die war auch super nett. Sie hat mir auch gleich gesagt: „Geh da besser nicht hin, meide einfach die Gegend und dann ist alles gut.“ Da habe ich mich dann doch relativ schnell aufgehoben und sicher gefühlt!

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3. Brasilien-Zentrum: Wie hat sich dein Aufenthalt auf persönlicher Ebene ausgewirkt?

Halvard: Ich glaube dadurch, dass ich jetzt noch mal so eine komplett neue Kultur kennengelernt habe, also davor war ich noch nie in Südamerika, immer nur in Europa. Das war schon eine ganz coole Erfahrung und die erweitert ja auch den Horizont von einem. Wenn man sieht, wie leben denn die Menschen hier? Was macht deren Alltag aus? Das ist schon ganz cool. Und da kann man sich ja die besten Sachen rauspicken und vielleicht weiter in seinem eigenen Alltag etablieren.

Rio an sich ist ja eine superriesige Stadt und sich da erstmal alleine zu finden und zu verstehen, was da überhaupt los ist und dann da alleine so klarkommen. Das war auch erst eine Herausforderung, aber man merkt dann auch, dass es gut machbar ist und man wächst daran!

Man muss auch sagen, die Leute waren alle super super nett. Wenn man Fragen hatte, bin ich teilweise auch mit Handy auf die zugegangen und habe denen die Übersetzung gezeigt und sie haben mir direkt geholfen. Da ist man auch nie komplett alleine, wenn man das nicht sein möchte. Wenn man Hilfe braucht, kann man da immer irgendwen ansprechen und hat dann meistens auch Hilfe bekommen!

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4. Brasilien-Zentrum: Würdest du einen Aufenthalt weiterempfehlen und warum?

Halvard: Ja, also ich würde es auf jeden Fall weiterempfehlen! Gerade wenn das die erste größere Reise ist, die man macht. Einfach weil man so viele Leute hat, die einem dabei helfen können. Ich hatte Hilfe von Prof. Götte, der mir eben den Kontakt klar gemacht hat in Rio. Dann hat mir der Professor Pavão geholfen, eine Wohnung zu finden. Ich habe super viele Kontakte im Labor geknüpft, die mir dann Tipps gegeben haben, wie ich mich am besten in Rio verhalte und was ich am besten machen kann. Die haben mir coole Orte gezeigt. Das hat schon die Reise doch sehr positiv beeinflusst. Das hat alles deutlich einfacher gemacht. Hätte ich alleine alles raussuchen müssen, hätte ich das wahrscheinlich wohl kaum gemacht.

Ich bin auch immer noch in Kontakt und schreibe noch mit den Leuten, die ich dort kennenlernen durfte. Da ist es jetzt auch mehr auf einer freundschaftlichen Basis. Nun ist es mehr als jetzt nur einfach über das Labor schreiben. Das ist ganz cool, dass man da dann auch neue Freunde gefunden hat!

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5. Brasilien-Zentrum: Lost or found in Translation? Kannst du diese Erfahrung in ein Wort, einen Satz oder ein Zitat übersetzen?

Halvard: Da würde ich noch mal das mit der Sprache nennen. Das war so der größte Punkt, dass ich da komplett ahnungslos war und am Anfang gar nichts verstanden habe. Wenn man die Sprache auch so selber lernt und sich das einfach selber vorspricht, klingt das auch nochmal dreimal anders, als wenn man die Muttersprachler hört und da war ich völlig überfordert.

Und dazu dann noch diese riesige Stadt… da fühlte ich mich am Anfang schon ziemlich verloren. Aber wie gesagt, die Leute aus dem Labor haben mir super viel geholfen, mich dann da auch einzufinden, wodurch ich wirklich am Ende auch nicht mehr so lost war (lacht).

Meine sprachlichen Basics haben dann so zum Einkaufen gereicht und um zu fragen, wie es jemandem geht und so weiter. Aber die haben mich halt am Anfang auch etwas schräg angeguckt, weil ich einfach diese ganzen Betonungen nicht konnte.

Der Cafézinho-Moment

Brasilien-Zentrum: Sollen wir unseren Cafézinho-Moment anfangen? Wie du schon weißt, ist der Cafézinho-Augenblick der Moment, in dem du uns gerne von einem Fettnäpfchen, einer Anekdote oder einer bemerkenswerten Geschichte über deine Erfahrung in Brasilien erzählen kannst. Kurz gesagt, eine Geschichte, die man bei einer Tasse Kaffee erzählt.

Welche Geschichte hast du erlebt, die einen bleibenden Eindruck während deines Aufenthalts hinterlassen hat?

Halvard: Ich glaube, da fällt mir was ein: Als ich in Rio ankam, habe ich mich schon auf die neue Kultur und so weiter gefreut. Und da zählt natürlich dann auch dazu zu testen, wie das Bier schmeckt!

Und dann bin ich da am Flughafen gewesen, da hatte mich der Prof. Pavão sogar noch abgeholt und hatte mir schon so ein bisschen Rio gezeigt. Das Allererste, was ich gesehen hab, war an so einem riesigen Hochhaus eine Riesenwerbung für ein deutsches Bier. Und ich war super erstaunt, dass ich da auf einmal in Rio ankam und ich weiß nicht, wahrscheinlich über 9000 Kilometer entfernt, auf jeden Fall einfach viele Kilometer entfernt, auf einmal wieder deutsches Bier sehe! Das war schon ein kleiner Schockmoment, damit habe ich einfach null gerechnet, dass ich auf einmal eben was Deutsches sehe. Aber ich habe dann gelernt, dass es dort auch einheimisches Bier gibt, das auch ganz gut schmeckte!

Dieses Bier war dort auch wirklich super prominent. Man hat ständig Werbung gesehen. An so Strandbars, war sehr häufig, was vom dieser Biermarke gesponsert. Das ist übrigens eine bayrische Biermarke. Mir hat auch nachher eine aus dem Labor erzählt, dass es ganz nah an Rio, ich glaub so eine Stunde mit Auto entfernt, eine traditionelle deutsche Stadt gibt. Sie sagte auch, dass es dort dann auch mal so deutsche Feste gibt. Ich hätte mir das sonst gern mal angeschaut, aber ich habe es leider nicht mehr geschafft dort hinzufahren.

Special Frage zum 15-jährigen Jubiläum:

Könntest Du dir vorstellen, in Zukunft irgendwann mal zu promovieren oder einen Forschungsaufenthalt in Brasilien oder jetzt auch in einem der lateinamerikanischen Länder, zu machen?

Halvard: Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher. Ich weiß ehrlich gesagt noch nicht, was ich genau nach meinem Master mache. Aber wenn ich promoviere, dann wahrscheinlich eher in Deutschland.

Es hat superviel Spaß gemacht und ist auf jeden Fall eine schöne Erfahrung gewesen. Deshalb spiele ich mittlerweile schon sehr mit dem Gedanken noch mal für einen Forschungsaufenthalt nach Südamerika zu fliegen. Ich hatte auch schon mal geschaut, was es denn da sonst noch so gibt. Ich sagte ja schon, dass Biochemie jetzt nicht so mein Hauptthema ist. Deswegen will ich gerade auch so auf der Suche, was für andere Labore es noch so gibt. Ich mache eher super viel mit Neurobiologie. Und da bin ich grad so ein bisschen am Schauen, welche Länder und was für Arbeitsgruppen es gibt.

Aber wie ich ja jetzt erfahren hab, kann ich mich ja auch noch beim Brasilien-Zentrum darüber informieren (lacht)! Das kann ich mir auf jeden Fall vorstellen!

Brasilien-Zentrum: Halvard, vielen Dank für dein wunderbares Testimonial! Es war eine Freude, deine Eindrücke zu lesen und zu sehen, wie offen und humorvoll du deine Erfahrungen teilst, vom ‚Cafézinho‘-Moment bis hin zu den sprachlichen Herausforderungen. Wir freuen uns sehr, dass du so viel Neues in Rio de Janeiro entdecken durftest und dass die Zusammenarbeit mit dem Labor und den dortigen Menschen dich so positiv geprägt hat. Wir wünschen dir für deinen weiteren akademischen Weg alles erdenklich Gute und hoffen, dass die Verbindung zu Brasilien und deinen neuen Freunden weiterhin bestehen bleibt!