Sportwissenschaftlicher Austausch mit Japan

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Rückblick: 10. Deutsch-Japanisches Symposium in Münster
Vom 13. bis 15. März 2018 war das Institut für Sportwissenschaft der Universität Münster Gastgeber des Symposiums. Organisiert wurde es vom Arbeitsbereich Sportpsychologie gemeinsam mit dem Willibald-Gebhardt-Institut (WGI) und der dvs. Unter dem Motto "Intercultural Sport Sciences" hielten vier internationale Keynote-Speaker Vorträge: Anne-Marie Elbe (Präsidentin der europäischen Sportpsychologie-Vereinigung FEPSAC) sprach über die integrative Rolle von Sport in multikulturellen Gesellschaften, Xavier Sanchez (Halmstad University) über sportpsychologische Betreuung im Taekwondo, und Prof. Kazutoshi Kudo (Universität Tokio) über Wahrnehmung und Bewegungssteuerung bei Spitzensportler*innen. Im Vortrag von Prof. Mieko Ae (Tokyo Women's College of Physical Education) präsentierte sie eigene Forschung zu körperlicher Bestrafung (jap. taibatsu, 体罰) von Schülerinnen im japanischen Schulsport – einem Thema, das bis heute auch politisch diskutiert wird, und zeigt, wie eng Sportwissenschaft in Japan mit Fragen von Macht, Geschlecht und pädagogischer Verantwortung verknüpft ist.
Das gastgebende Willibald-Gebhardt-Institut wurde übrigens 1992 in Essen gegründet und ist seit 2017 an der Universität Münster beheimatet.

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Im Gespräch mit:
Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Roland Naul

Was ist das Deutsch-Japanische Sportwissenschaftliche Symposium?
Das ist ein interkulturelles Symposium zu Forschungsfragen der Sportwissenschaft, das in diesem Jahr zum zwölften Mal stattfindet. Beteiligt sind zahlreiche Universitäten und Forschungsinstitute aus Deutschland und Japan, die sich jeweils absprechen, wer das nächste Symposium ausrichtet, es findet im Wechsel in beiden Ländern statt. Seit 2018 sind auf beiden Seiten die nationalen Wissenschaftsorganisationen mit im Boot: in Deutschland die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs), in Japan die Japan Society of Physical Education, Health and Sport Sciences (JSPEHSS). 

Wie sind Sie zu diesem deutsch-japanischen Austausch gekommen?
Das reicht eigentlich zurück bis in die 1920er und 1930er Jahre, als es nach dem Ende der Meiji-Zeit einen regen Austausch zwischen Pädagog*innen, Turner*innen, Sportler*innen und Wissenschaftler*innen zwischen Deutschland und Japan gab, getragen von den jeweiligen Universitäten. Nach dem Krieg herrschte lange Stillstand, bis sich deutsche und japanische Wissenschaftler*innen wieder über internationale Veranstaltungen trafen, etwa Olympische Kongresse oder Weltkongresse einzelner Disziplinen. In den 1980er Jahren gab es dann mehrere Studienreisen: Zwei, drei bekannte japanische Professoren (Prof. Dr. Jūjirō Narita, Prof. Dr. Meida, Prof. em. Dr. Soichi Ichimura) besuchten Westdeutschland, um die deutsche Sportwissenschaft und Fachkollegen kennenzulernen, und umgekehrt gab es Einladungen nach Japan. Die Urväter dieses Austauschs waren auf deutscher Seite der Bonner Sporthistoriker Hajo Bernett und der Tübinger Sportpädagoge Prof. Dr. Dr. h.c. Ommo Grupe, auf japanischer Seite Prof. Dr. Jūjirō Narita (成田十次郎) aus Tokio und der Psychologe Soichi Ichimura von der Universität Tsukuba. Ich selbst bin seit 1988 Teil dieses informellen Austauschs, vor allem mit Prof. em. Dr. Soichi Ichimura (市村操一). Damals war ich Hochschullehrer in Essen (1980-2013), bevor ich meine letzten Jahre als Seniorprofessor in Münster verbracht habe (2013-2020).

Wie wurde aus dem informellen Austausch ein Symposium – und was hat sich 2018 verändert?
Anfang der 1990er Jahre kam die Idee auf, den Kreis zu erweitern, also nicht immer nur zwei, drei deutsche mit zwei, drei japanischen Kollegen, sondern ein größeres, in beiden Ländern bekanntes Format. 1995 fand dann das erste Deutsch-Japanische Symposium statt, organisiert von Prof. Dr. Haag in Berlin und von Prof. Grupe. Von da an gab es, je nach Umständen, alle zwei bis drei Jahre ein Symposium in wechselnden Städten in Japan und Deutschland, immer angebunden an ein wissenschaftliches Institut oder eine Fakultät für Sportwissenschaft. 2018 war das siebte Symposium bei uns in Münster. Dort wurde ein Vertrag geschlossen, der die nationalen Wissenschaftsorganisationen stärker einbezieht. Seitdem liegt die Gesamtorganisation nicht mehr bei einer einzelnen Universität in Japan und einer in Deutschland, sondern bei der dvs und der JSPEHSS.

Wer kann teilnehmen, und was steht beim zwölften Symposium in Ludwigsburg an?
Es gibt einen Open Call für Vorträge, der sich an Wissenschaftler:innen aus allen Karrierephasen aus den beteiligten Universitäten richtet, aber auch generell an alle aus dem Fach. Dieses Mal federführend über das Bewerbungs- und Review-Verfahren ist Kollegin Prof. Dr. Annette Hofmann in Ludwigsburg, die früher selbst am Sportinstitut in Münster war. Ich werde beim zwölften Symposium gemeinsam mit meinem Kollegen Prof. Dr. Dieter Teipel von der Universität Jena teilnehmen, der mehrere Jahre als Professor im japanischen Hochschuldienst tätig war. Unser Thema wird ein persönliches: Wir erinnern an die Entwicklungsstufen des Symposiums über die letzten 40 Jahre und über die mittlerweile verstorbenen Freunde aus der Gründungsgeneration dieses Austauschs. Das ist inzwischen fast schon eine Tradition – bei jedem Symposium blicken wir auf verstorbene Kolleg*innen zurück und würdigen, was sie für die Entwicklung dieses Austauschs geleistet haben. Diesmal gilt das unserem Kollegen Prof. Ichimura, aber auch Prof. Dr. Dr. h.c. Herbert Haag, der ebenfalls verstorben ist. Das letzte Symposium liegt drei Jahre zurück, 2023 an der Sporthochschule in Tokio. 

Gibt es besonders prägende oder schöne Momente aus den vergangenen Jahren?
Viele. Als wir 1995 in Berlin waren, haben die japanischen Gäste mit großer Begeisterung das Olympiastadion besucht und Ausstellungen zu den Olympischen Spielen von München 1972 gesehen. Umgekehrt haben wir 1996 in Tokio im Olympischen Dorf der Spiele von 1964 gewohnt und uns das dortige Olympiastadion und Olympische Museum besucht – das waren schon besondere Momente. Genauso, wenn man verdiente Sportler*innen trifft, die anlässlich des Symposiums vorbeischauen. Und auch kulturelle Erfahrungen bleiben hängen: Wenn man zum Beispiel die großen Tempellandschaften in Japan sieht, ist das für sich schon ein Meilenstein.

Gab es auch Herausforderungen in der Zusammenarbeit?
Zwischen 2005 und 2010 gab es eine große ökonomische Krise, die auch die japanischen Universitäten getroffen hat. Dadurch kamen wir aus dem gewohnten Rhythmus von zwei, drei Jahren heraus: 2005 waren wir an der Universität Jena, und dann erst 2010 wieder in Tokio. Die finanzielle Gesamtlage im Land, aber auch an den einzelnen Hochschulen, hat also immer mitbestimmt, wie schnell oder langsam es zum nächsten Treffen kam. Finanziell war und ist das Symposium ohnehin ein Format mit kleinem Budget: Meistens wird die Unterkunft vom Veranstalter gestellt, Fahrtkosten dagegen wurden nie gegenseitig erstattet – wer nach Japan flog, musste das über sein Reisebudget an der eigenen Universität oder eines Forschungsprojekts abdecken, oder eben aus eigener Tasche zahlen. Daran hat sich im Grunde bis heute nicht viel geändert, aber dadurch, dass wir den Kreis der Teilnehmenden über Teilnahmegebühren und zusätzliche Sponsor*innen außerhalb der Universitäten erweitert haben, ist es finanziell insgesamt etwas leichter geworden. Auch bei der Dokumentation mussten wir aus Kostengründen umdenken: Fünf oder sechs frühere Symposien sind noch als Bücher erschienen, die späteren, vor allem aus den 2010er Jahren, gibt es nur noch digital als PDF. 

Was verbindet und unterscheidet deutsche und japanische Sportwissenschaft?
Jedes Symposium hat ein Überthema, das bewusst weit gefasst ist, damit es zur ganzen Bandbreite der Sportwissenschaft passt – dieses Jahr reicht das von Geschichte, Pädagogik, Psychologie und Philosophie bis zu naturwissenschaftlichen Themen wie Medizin, Biomechanik und Trainingswissenschaft. Daneben gibt es aber immer auch Sektionen zu ganz spezifischen Themen aus einzelnen Disziplinen. Sprachlich sind wir flexibel: Es wird auf Deutsch, Englisch und teils auch auf Japanisch vorgetragen – gerade japanische Kolleg*innen sprechen oft sehr gut Deutsch, weil sie sich für die deutsche Kultur interessieren, und präsentieren manchmal lieber auf Deutsch als auf Englisch. Ein deutscher Kollege von uns hat auf Wunsch der japanischen Seite sogar auf Japanisch vorgetragen und dazu ein englisches Abstract geliefert. Inhaltlich lernt man viel über unterschiedliche Wissenschafts- und Publikationskulturen. Besonders lehrreich fand ich immer die Diskussionen rund um japanische Kampfkünste wie Judo, Sumo oder Taekwondo: Da wird zum Beispiel diskutiert, ob das überhaupt „Sport“ im westlichen Sinne ist, weil Kampfkunst eine andere Philosophie und Zielrichtung hat. Das zeigt sich schon in den Begrüßungsritualen, man gibt sich nicht die Hand, sondern verbeugt sich, das ist eine ganz andere, formalere Körpersprache, als wenn man sich bei uns die Hand schüttelt. Solche Unterschiede spiegeln sich auch in Forschungsfragen: Als ich Anfang der 1990er Jahre in Deutschland zu Frauenfußball zu forschen begann, ein Thema, das damals hier kaum ernst genommen wurde, habe ich in Japan festgestellt, dass die ersten Studentinnen, die sich damit beschäftigten, fast alle aus dem Volleyball oder der Gymnastik kamen und sich ihren Gegnerinnen gegenüber auf dem Platz ganz anders verhielten als deutsche Fußballerinnen. Das war ein guter Gradmesser dafür, wie unterschiedlich die Sozialisation körperlicher Techniken in einem Land sein kann, selbst im selben Spiel mit denselben Regeln. Über die stärkere Internationalisierung des Frauenfußballs haben sich diese kulturellen Unterschiede in den letzten drei Jahrzehnten aber natürlich weitgehend nivelliert.

Wie sehen Sie die Zukunft dieser Zusammenarbeit? 
Ich würde mir mehr gemeinsame Projekte wünschen: ein japanisches Team von zwei Universitäten, ein deutsches Team von zwei anderen – und diese vier Partner erforschen gemeinsam über zwei, drei, vier Jahre eine Fragestellung als Längsschnittstudie, nicht nur punktuell. Japanische und deutsche Kolleg*innen wären dann direkt an derselben wissenschaftlichen Diskussion beteiligt, würden sich ergänzen, und die Ergebnisse ließen sich viel unmittelbarer vergleichen, als wenn man in Japan und in Münster oder Tübingen ähnliche, aber eben nicht ganz gleiche Studien parallel macht. Da sehe ich noch qualitativen Verbesserungsbedarf. Also alles in allem, stärker integrative, wirklich gemeinsame Forschung.

Ich bedanke mich herzlich bei Herrn Prof. Dr. Naul für das schöne Gespräch!

Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Roland Naul war Seniorprofessor für European Studies in Physical Education and Youth Sport am Institut für Sportwissenschaft der Universität Münster (2013-2020) und Direktor des Willibald-Gebhardt-Instituts, eines Forschungsinstituts für Sport und Gesellschaft in Essen (1992-2017). Naul war Präsident und Generalsekretär des Conseil Européen des Recherches en Éducation Physique et Sportive (CEREPS) und wurde 2017 von der Prager Karls-Universität mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet. Seit 1988 ist er Teil des deutsch-japanischen Austauschs in der Sportwissenschaft. Kontakt