Buddhismus in Japan
Der Buddhismus gelangte im 6. Jahrhundert über die koreanische Halbinsel nach Japan und entwickelte sich dort in enger Wechselwirkung mit dem einheimischen Shintō. Heute gehören verschiedene buddhistische Schulen – darunter Zen, Reines Land (Jōdo) und der esoterische Shingon-Buddhismus – zu den prägenden religiösen Traditionen des Landes. Obwohl sich viele Menschen in Japan nicht ausdrücklich als religiös bezeichnen, spielen buddhistische Tempel und Rituale bis heute eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben, etwa bei Bestattungen, Gedenkfeiern oder religiösen Festen. Gleichzeitig steht der japanische Buddhismus vor Herausforderungen wie dem demografischen Wandel, der Landflucht und der Frage, welche Rolle Religion in einer zunehmend säkularen Gesellschaft einnehmen kann.
Über was für ein Projekt sprechen wir heute?
Im vergangenen Dezember habe ich eine internationale Tagung zum Thema Umweltethik aus christlicher und buddhistischer Perspektive veranstaltet, über zwei Tage, am 17. und 18. Dezember. Eingeladen hatte ich unter anderem drei Kolleg*innen aus Japan, dazu kamen weitere Vortragende aus verschiedenen Disziplinen, insgesamt waren wir 13 Vortragende. Im Zentrum stand die Frage, wie sich religiöse Konzepte, Werte und Praktiken positiv oder negativ auf umweltethische Fragen auswirken können. Grundsätzlich war die Tagung offen für alle, wir haben sie aber bewusst nicht zu breit gestreut, weil sie in erster Linie als wissenschaftliche Tagung für die Universität gedacht war. Ein paar Leute von außerhalb waren trotzdem dabei, und sie wurde zusätzlich übertragen, sodass auch online noch weitere Personen zuhören konnten. Die eigentliche Besonderheit der Tagung war aber eine sprachliche: Wir haben sie nicht auf Englisch, sondern konsequent zweisprachig auf Deutsch und Japanisch durchgeführt, mit einer Dolmetscherin an unserer Seite. Die Vorträge selbst mussten vorab eingereicht und in die jeweils andere Sprache übersetzt werden, sodass alle Texte am Ende in beiden Sprachen vorlagen; die anschließenden Diskussionen wurden dann konsekutiv gedolmetscht.
Was war Ihre persönliche Motivation, diese Tagung ins Leben zu rufen?
Da sind bei mir eigentlich zwei Stränge zusammengekommen. Der eine ist regional und fachlich: Ich arbeite schon länger zum Buddhismus in Japan und wollte unbedingt etwas gemeinsam gerade auch mit japanischen Kolleg*innen auf die Beine stellen, deren primäre Publikationssprache Japanisch ist. Durch meine jetzige Anbindung an die Theologie kam dazu der Wunsch, ganz bewusst einen christlich-buddhistischen Vergleich zu thematisieren.
Der andere Strang ist thematisch: Ich arbeite seit etwa vier, fast fünf Jahren zum Thema Umweltethik und finde die Frage spannend, was buddhistische Texte, Tugenden und Praktiken einer Welt zu sagen haben, die – wie Deutschland – nicht grundlegend buddhistisch geprägt ist. Der Buddhismus als Dialogpartner kann, glaube ich, gerade von außen betrachtet dazu beitragen, dass man das eigene Verhältnis zu diesen Fragen noch einmal neu reflektiert. Aus diesen beiden Strängen ist dann die Idee zu dieser Tagung entstanden.
Wie kam der Kontakt zu den japanischen Forscher*innen zustande, die Sie eingeladen haben?
Das waren tatsächlich Kontakte aus meiner Postdoc-Zeit. Ich war vorher schon an verschiedenen Universitäten in Kyoto, unter anderem an der Kyoto-Universität, und dann etwas länger an der Ryūkoku-Universität, einer buddhistischen Universität – dort hatte ich erst ein Postdoc-Stipendium für knapp zwei Jahre und danach noch einmal zwei Jahre eine Postdoc-Stelle. Einige dieser Kontakte kannte ich schon davor, andere sind während und nach dieser Zeit entstanden und bestehen bis heute. Für mich waren und sind das gerade zum Thema Umweltethik ganz wichtige Gesprächspartner*innen, und ich war froh, dass sie bereit waren, dafür den weiten Weg nach Münster auf sich zu nehmen. Auch innerhalb der Fakultät gibt es solche gewachsenen Verbindungen: Prof. Dr. Simone Sinn, deren Gespräch über die Indonesien-Kooperation in dieser Reihe bereits erschienen ist, sowie Prof. Dr. Arnulf von Scheliha sind beide enge Kolleg*innen von mir und haben bei meiner Tagung selbst einen Vortrag gehalten.
Warum haben Sie sich für dieses aufwendige zweisprachige Format entschieden statt für Englisch als gemeinsame Sprache?
Weil ich glaube, dass viel verloren geht, wenn man alles nur auf Englisch macht. Es gibt natürlich pragmatische Gründe für Englisch, gerade wenn man über zwei Sprachräume hinaus Leute einladen möchte – aber ich bin überzeugt, dass dadurch auch andere Diskurse überhaupt erst möglich werden. Manche Kolleg*innen hätten an einem rein englischsprachigen Format schlicht nicht teilgenommen, weil sie sich auf Englisch zu einem bestimmten Thema nicht sicher genug fühlen und dadurch Einblicke gefehlt hätten, die sie auf Deutsch oder Japanisch ganz selbstverständlich mitbringen. Einen Effekt hatte ich im Vorfeld gar nicht erwartet: Durch die Zeit, die das Dolmetschen braucht, hat sich die ganze Tagung ein Stück weit entschleunigt. Wir hatten alle plötzlich viel mehr Zeit, über Fragen und Antworten nachzudenken, das war ein wirklich schöner Nebeneffekt.
Wie unterschiedlich denkt und schreibt man eigentlich auf Deutsch, Englisch und Japanisch über dasselbe Thema?
Ich publiziere in allen drei Sprachen, je nachdem, wo ich denke, dass ein Beitrag am besten aufgehoben ist. Aber es ist eben nicht so, dass man einen Aufsatz einfach von einer Sprache in die andere übersetzen könnte – jede Sprache trägt eine eigene Forschungskultur in sich, und zwar auf ganz praktischer Ebene: das vorausgesetzte Grundwissen ist ein anderes, und auch die Art und Weise, wie man ein Argument aufbaut oder mit Quellen umgeht, unterscheidet sich. Einen Aufsatz auf Japanisch würde ich anders strukturieren und anders argumentieren als denselben Gedanken auf Deutsch, zum Teil, weil ich dabei auf anderes Vorwissen aufbauen kann und bestimmte, sehr westlich geprägte Theorien im japanischen Kontext erst einmal anders einführen müsste. Das Ideal für mich ist, eine Brücke zwischen diesen Wissenskulturen zu bilden – ob das gelingt, weiß man natürlich nie ganz genau.
Es hat aber auch einen sehr konkreten Wissenstransfer-Effekt: In Japan habe ich einmal gemeinsam mit einem Kollegen einen offenen Vortragsabend zur Umweltethik auf Japanisch gehalten, zu dem viele Menschen aus der Zivilgesellschaft kamen, und ein ganz ähnliches Format haben ich auf Deutsch ebenfalls gemeinsam mit Prof. Dr. Simone Sinn und meiner studentischen Hilfskraft Lara Axtmann beim Campus Earth Day hier in Münster ausprobiert. Dass es uns wichtig ist, in beiden Sprachen sichtbar zu sein, zeigt sich übrigens auch ganz praktisch: Unsere Tagungs-Website gibt es nicht nur auf Deutsch, sondern direkt auch auf Japanisch.
Was hat inhaltlich das Programm der Tagung ausgemacht?
Es war ein sehr diverses Programm. Beispielhaft ließe sich ein Vortrag über buddhistische Mönchsgemeinden in Europa nennen, in dem es um die Frage ging, wie buddhistische Werte auf den Umgang mit Natur und Pflege übertragen werden können. Die Referentin hat das anhand konkreter Interviews sehr anschaulich gezeigt. Aus christlicher Perspektive ging es viel um den Schöpfungsgedanken und die daraus abgeleitete Verantwortung für die Welt, mit biblischen Bezügen dazu, was es bedeutet, für das Geschaffene Verantwortung zu übernehmen. Ein anderer Beitrag drehte sich um den Begriff des „Engaged Buddhism“, der eine recht lange eigene Geschichte hat und Gruppen bezeichnet, die sich religiös motiviert gesellschaftlich engagieren. Interessant war dabei, dass die Frage, ob Religion positiv oder negativ auf Umweltfragen wirkt, gerade von westlichen, buddhistisch geprägten Akteur*innen oft sehr eindeutig beantwortet wird: Das Christentum, so das – polemische – Argument, trage durch die Vorstellung vom Menschen als „Krone der Schöpfung“ eine Mitverantwortung für die Ausbeutung der Natur, während der Buddhismus als Religion des Miteinanders gilt, in der Mensch und Natur auf einer Ebene stehen. Ein Gedanke, der sich bis heute oft hält, den die Tagung aber gerade nicht bestätigt hat – es hat sich vielmehr gezeigt, dass beide Religionen für sich genommen weder besonders umweltkompatibel noch besonders umweltfeindlich sind. Der Buddhismus hat zum Beispiel selbst keinen Schöpfungsbegriff, aus dem sich leicht eine Verantwortung ableiten ließe, die Welt zu erhalten – wenn man konsequent davon ausgeht, dass ohnehin alles vergänglich ist, fehlt zunächst ein Grund, sich für den Erhalt der Welt einzusetzen. Es gibt sogar eine Lesart, nach der alles Lebendige Buddha-Natur besitzt und erleuchtungsfähig ist – zu Ende gedacht, müsste man dann letztlich auch ein Atomkraftwerk als erleuchtungsfähig ansehen, was zeigt, wie schwierig es wird, wenn man daraus konkrete Handlungsanweisungen ableiten will. Im Christentum ist der Rückgriff auf den Gedanken der Schöpfungsbewahrung dagegen vergleichsweise naheliegend. Im Buddhismus – gerade im Mahāyāna – begegnet einem eher eine andere Argumentationslinie: dass das eigene Erwachen an das Erwachen aller anderen Wesen gebunden ist, woraus sich die Verantwortung ergibt, die Welt so zu hinterlassen, dass auch andere buddhistische Praxis noch ausüben können. Oder man betont die Verbundenheit von allem – dann füge ich, wenn ich der Umwelt schade, letztlich auch mir selbst Schaden zu.
Was war für Sie persönlich ein Highlight oder ein Meilenstein der Tagung?
Als Erstes einfach die Freude darüber, wie gut die Tagung angenommen wurde, dass mehr Menschen kamen als nur die direkt Beteiligten, das war für mich als Veranstalter schon ein sehr schöner Moment. Wir hatten vergleichsweise viel Diskussionszeit eingeplant, und trotzdem hat sie nie gereicht, was ich rückblickend als gutes Zeichen werte. Vor allem aber war es die Atmosphäre: die gemeinsamen Pausen, das gemeinsame Essen und dass wirklich alle miteinander ins Gespräch kamen. Ich glaube, das lag auch daran, dass wir ein gemeinsames Thema hatten, aber aus ganz unterschiedlichen Disziplinen kamen – Theologie, Religionswissenschaft, Sozialwissenschaft, Philosophie. Gerade weil man einander fachlich etwas fremd war, konnte man sich leichter auf neue Gedanken einlassen und auch ganz grundlegende Fragen stellen, ohne sich dafür zu schämen. Dass die Diskussionen dadurch so gut liefen, war für mich vermutlich der schönste Moment der ganzen Tagung.
Gab es auch Herausforderungen bei der Organisation?
Es war die erste größere Tagung, die ich selbst vorbereitet habe, insofern war vieles neu für mich. Ich hatte aber große Unterstützung durch eine studentische Hilfskraft und einen wissenschaftlichen Mitarbeiter, und alle Teilnehmenden waren sehr zuverlässig, sodass zum Beispiel die Manuskripte fast alle rechtzeitig vorlagen. Die Lehre, die ich für die nächste Tagung mitnehme, ist eigentlich ganz einfach: mehr Vorlaufzeit einplanen, mehr Diskussionszeit und längere Pausen, denn genau da entstehen erfahrungsgemäß die besten Gespräche.
Welche Perspektiven sehen Sie für die Zukunft dieses Austauschs?
Ich plane einen zweisprachigen Sammelband mit den Tagungsbeiträgen, damit auch nachzulesen ist, was dort besprochen wurde. Wissenstransfer braucht manchmal eben doch noch einmal ein anderes Format als die Tagung selbst. Und tatsächlich ist auch schon eine Anschlusskonferenz für Mai 2027 in Planung, wieder zweisprachig und über drei Tage, diesmal zum weiter gefassten Thema Nachhaltigkeit mit dem Ziel, aus buddhistischer und christlicher Perspektive möglichst viele der Nachhaltigkeitsziele in den Blick zu nehmen.
Was treibt Sie in Ihrer Forschung zu Japan grundsätzlich an?
Ich komme ursprünglich aus der Literaturwissenschaft und arbeite entsprechend viel mit Texten. Mir ist aber zunehmend wichtig geworden, danach zu fragen, wie Religion tatsächlich gelebt wird, also nicht nur, was in Texten diskutiert wird, sondern wie Tempel konkret aussehen, welche Rituale dort vollzogen werden und welche Rolle Priester*innen im gesellschaftlichen Leben spielen. Dafür betreibe ich viel Feldforschung, wenn auch nicht in Form von Interviews: Mir ist wichtig, einen Ort, über den ich schreibe, mindestens einmal selbst besucht zu haben, um ein Gefühl für seine Räumlichkeit und seine Struktur zu bekommen. Die Umweltethik ist für mich ein Ausschnitt dieser größeren Frage, wie religiöse Texte und Konzepte in gelebte Praxis übersetzt werden und was das für das Leben in der jeweiligen Gesellschaft bedeutet.
Ich bedanke mich herzlich bei Herrn Jun.-Prof. Rüsch für das schöne Gespräch!
Jun.-Prof. Markus Rüsch ist Juniorprofessor für Religionswissenschaft und Japanologe. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Religionsästhetik, Religionsphilologie, buddhistische Hagiographie sowie religiöse Ethik – insbesondere Umweltethik – mit Fokus auf den japanischen Buddhismus. Kontakt