Die vormoderne arabisch-islamische Kultur (8.–19. Jh.) zeichnet sich gegenüber dem Abendland durch eine weit größere Ambiguitätstoleranz aus. Dies zeigt sich in vielen Bereichen der islamischen Wissenschaften (etwa in Koranexegese, im Islamischen Recht und in den Sprachwissenschaften, wo man besonders in der Rhetorik noch heute maßgebliche Resultate erzielte), in zahlreichen Gattungen der Literatur, aber auch in der Mentalität der Menschen und in den sozialen Verhältnissen (Toleranz gegenüber religiösen Minderheiten; Wahrnehmung von Fremdheit; hohe soziale Mobilität). Bezeichnend ist auch die weitgehend konfliktfreie Koexistenz religiöser und säkularer Diskurse in der klassischen islamischen Kultur, die in auffälligem Kontrast zur heute postulierten Untrennbarkeit zwischen Islam und weltlicher Sphäre steht. Unter diesen spezifischen Voraussetzungen blieben dem Islam viele der Krisen des Abendlandes erspart, doch liegt hierin auch eine wichtige Ursache für die aktuellen Konflikte zwischen Islam und westlicher Moderne.

Der Zusammenstoß des Islam mit einer Kultur, die eine solche Ambiguitätstoleranz kaum kannte und tendenziell ablehnte, musste zu einer Neuformulierung der Grundlagen des Islams in Form modernitätskonformer Ideologien führen, die sich sowohl in ihrer liberalen pro-westlichen Ausprägung als auch in ihrer aggressiven islamistischen Variante gleichermaßen durch die weitgehende Ablehnung der eigenen kulturellen Tradition auszeichnen.

Die Erforschung kultureller Ambiguität verspricht nicht nur Einsichten in andere Kulturen, sondern auch ein besseres Verständnis der eigenen kulturellen Grundlagen, deren Relativität anders als kulturvergleichend nicht erkannt werden kann.

Ihr Ansprechpartner ist Prof. Dr. Thomas Bauer