Bereits seit 1970 werden in Einzelvorträgen münsteraner und auswärtiger Gelehrter und Nachwuchswissenschaftler Probleme vergleichender Städtegeschichte diskutiert. Bislang fand das Kolloquium alle zwei Wochen statt.

Seit dem Wintersemester 2021/2022 wird dieses Kolloquium in einem neuen Format angeboten. In drei Workshops, die jeweils freitags von 14 bis 18:30 Uhr im Seminarraum des IStG stattfinden, sollen einzelne Themenfelder fokussiert und intensiv besprochen werden. Wir hoffen, mit diesem Format die Diskussion und Vernetzung untereinander anzuregen, um persönliche Kontakte knüpfen und gemeinsam neue Ideen entwickeln zu können. Speziell möchten wir das Format „Junge Städteforschung“ etablieren, dessen Ziel es ist, neue Forschungsgenerationen für die Städtegeschichte zu begeistern und zu fördern.

Die früheren Veranstaltungen finden Sie als PDF-Versionen zum Download in unserem Archiv.

Aufzeichnungen der Kolloquiumsvorträge ab dem Sommersemester 2021 finden Sie auf dem YouTube-Kanal des IStG.

Aktuelles Programm - Sommersemester 2022
Programm Freitags-Kolloquium im Sommersemester 2022 - Bild zeigt eine Statue im Rathaus Innenhof in Basel (16. Jh)
Programm des Freitags-Kolloquiums im Sommersemester 2022
© IStG

Aktuelles Programm - Sommersemester 2022

13. Mai Workshop "Junge Städteforschung"

  • Margherita Mariani, M.A. (Hamburg), Erkundungsreisen für den ortsgebundenen Kaufmann: Die Pratica di Mercatura-Handschriften im spätmittelalterlichen Italien
    Die pratiche di mercatura sind Texte, die von italienischen Kaufleuten im Spätmittelalter verfasst und ausgiebig kopiert wurden. Sie erscheinen oft als Listen von Städten und ihren jeweiligen Märkten: Listen, in denen man Informationen über die Handelsbräuche und Warenpreise eines bestimmten Ortes finden konnte. Durch die pratiche di mercatura untersucht dieser Vortrag die Beziehung der Kaufleute zu den Städten, in denen sie lebten und mit denen sie Handel trieben.
  • Daniel Kaune, M.Ed. (Hannover), Diversarum rerum? Zur Gerichtsbarkeit und städtischen Überlieferung im spätmittelalterlichen Basel seit dem Erdbeben von 1356
    Wenngleich die Stadt Basel im Jahr 1356 durch ein Erdbeben »verfallen verbrennt und umb alle Ir bucher und briefe komen was« (StABS ÄHA Ratsb. A1, S. 1), so entstand am Rheinknie seitdem doch eine bemerkenswerte Vielzahl an Stadtbüchern. Zwar zeigt schon eine erste Annäherung an die Überlieferung, dass die systematische Schriftlichkeit der Basler Verwaltung dabei früher als andernorts einsetzte. Wie sich die schriftliche Stadtverwaltung im Spätmittelalter jedoch im Detail entwickelte, blieb bisher eher ununtersucht – wohl auch weil die Rats- und Gerichtsbücher weder registriert noch umfassend erforscht sind. Letzteres erschwerte und rechtfertigte das jüngst abgeschlossene Dissertationsprojekt gleichermaßen, welches unter dem Wortpaar „Rechtsnorm und Rechtspraxis“ nach der Gerichtsbarkeit des Basler Rats im 14./15. Jahrhundert fragte. Der Vortrag im Freitags-Kolloquium wird den (Forschungs-)Ansatz des rechtshistorischen Oberthemas besprechen, insbesondere aber über das methodische Vorgehen der Arbeit informieren. Denn die Thematisierung spätmittelalterlicher Ratsgerichtsbarkeit wird angesichts der städtischen Überlieferung zum Problem, wenn sie denn nicht nur als Normengeschichte, sondern auch als Rechtgeschichte der Praxis diskutiert werden soll.
  • Max Grund, M.A. (Kiel), Kleinstädtisches Wirtschaften im Spätmittelalter und die Nutzung von Stadtbüchern
    Spätmittelalterliche Stadtbücher sind eine der wichtigsten Quellen der Stadtgeschichtsforschung. Dennoch sind gerade die vermischten Stadtbücher und hier besonders die der kleineren Städte, noch nicht in befriedigender Weise in ihrer Genese untersucht und verglichen. Voraussetzungen und mögliche Erträge einer solchen Untersuchung sollen am Beispiel des Gubener Stadtbuch I dargestellt werden.

20. Mai Workshop "Alles Routine ?! Landesherrliche sowie städtische Verwaltungs- und Verfahrenspraktiken in Spätmittelalter und Früher Neuzeit"

  • Dr. Christina Fehse (Essen), Zollerhebung an der Weser 1571-1623: Verwaltung als Herrschaft und Routine
    Ist Verwaltung Routine, Herrschaft oder gar beides? Die Rintelner Zollregister zum Warenverkehr auf der Weser von 1571-1621 zeugen von einer Alltagssituation am Fluss, bei welcher Routine durchaus als Herrschaftsinstrument fungiert.
  • Dr. Maria Weber (München): Informationsmassen bewältigen: Aufzeichnungspraktiken als Ordnungsinstrumente und die Grenzen der Routine
    Routinen erleichtern das Leben – auch in der Verwaltung! Besonders die Verwaltung großer Informationsmassen machte es bereits in der Vormoderne erforderlich, Verwaltungspraktiken zu entwickeln, die zur Ordnung und Systematisierung, zur Memorierung und Aktualisierung der gesammelten und aufgezeichneten Informationen beitrugen und für das Funktionieren einer semi-schriftlichen Gesellschaft unabdingbar waren. Am Beispiel der Verwaltung von Geldschulden am Stadtgericht in Augsburg für das beginnende 16. Jahrhundert zeigt der Vortrag auf, dass sich eine routinisierte Schuldenverwaltung erst durch die mikrohistorische Analyse der Dokumentationspraxis rekonstruieren und in das Verwaltungshandeln der Zeit einordnen lässt.
    Während die routinisierte Schriftlichkeit der Schuldenverwaltung zielgerichtet für das Gericht verfahrensrelevante Informationen schriftlich fixierte und komprimierte, verschweigt diese routinisierte Schriftlichkeit aber Kontexte und Interaktionszusammenhänge – die Protokolle sind Einträge ohne Geschichte! Der Vortrag greift dieses methodische Problem auf und fragt danach, wie mit dieser entkontextualisierten empirischen Grundlage umgegangen werden kann.
  • Lasse Stodollick, M.A. (Konstanz), Von der Interaktions- zur Organisationskompetenz. Drei Thesen über die Kammerverwaltung in Minden und Ravensberg
    Am Beispiel der Kammerverwaltung in Minden und Ravensberg diskutiert der Vortrag drei Thesen über die Voraussetzungen und Folgen von Verwaltungsroutinen. Verfahren entstehen nicht einfach, sie müssen erprobt und eingeübt werden.

  • Sebastian Schröder, M.A. (Münster), Ravensbergische Routinen?! Akteure im Rahmen der preußischen Akzise- und Städtereformen in Westfalen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
    Die Akzise- und Städtereformen in den westfälischen Landesteilen Preußens führten in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu weitreichenden Diskussionen, in die eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure eingebunden war. Kommunikation und Interaktion schufen einen relevanten Beitrag zur Etablierung von Staatlichkeit und Behördenstrukturen. Inwiefern das Verwaltungshandeln von Routinen geprägt war und welche Umstände zur Ausbildung routinisierten Verhaltens führten, steht dabei im Fokus des Vortrags.

Der Workshop "Die Koelhoffsche Chronik" wird auf das Wintersemester 2022 verschoben

  • Prof. Dr. Carla Meyer-Schlenkrich (Münster), Einführung
  • Alina Ostrowski, B.A. (Köln), „dat si got vri wil haven” - Untersuchungen zum Selbstverständnis der Stadt Köln im Spiegel der Cronica van der hilliger Stat van Coellen
    Der Vortrag widmet sich dem in der Chronik vermittelten Verständnis Kölns als Freier Reichsstadt und als Heiliger Stadt. Anhand des Zusammenspiels dieser beiden Aspekte städtischen Selbstverständnisses wird dargelegt, wie der Verfasser der Chronik die Heiligkeit der Stadt nutzt, um weltliche Ansprüche zu legitimieren. Dabei wird auch Einblick in ausgewählte Textpassagen sowie deren paratextuelle Gestaltung gewährt.
  • Dr. des. Paul Schweizer-Martin (München), Lage für Lage zum gedruckten Buch: Der Produktionsprozess der Koelhoffschen Chronik
    Dieser Vortrag untersucht die Herstellung der über 700 Seiten starken Kölner Chronik aus Perspektive der Buchdruckgeschichte. Dabei sollen verschiedene Aspekte wie das Layout, der Satz und die Illustrationen in den Blick genommen werden. Gleichzeitig wird gefragt, welche Rückschlüsse diese auf den Herstellungsprozess erlauben, da nur wenige Quellen Einblicke in die Produktion dieser Inkunabel erlauben.
  • Nils Foege, M.A. (Münster), „quid observatu necesse sit in accommodatione librorum externis personi.“ Bibliothekszugang und -nutzung in der Kölner Kartause um 1500
    Jüngere Forschungen haben den Verfasser der „Koelhoffschen Chronik“ im Umfeld der Kölner Kartause und ihrer reichhaltigen Bibliothek verortet und damit ein neues Licht auf die noch immer ungeklärte Frage nach dessen Identität geworfen. Daran anknüpfend beleuchtet der Vortrag, wie und unter welchen Bedingungen die Benutzung der Bibliothek der Kölner Kartause um 1500 überhaupt Außenstehenden offen stand: Kann in ihr eine Art öffentlich „Stadtbibliothek“ gesehen werden oder muss der unbekannte Verfasser über besondere Beziehungen zur Kölner Kartause verfügt haben bzw. ein Ordensmitglied gewesen sein? Hierzu werden Überlegungen und Ergebnisse präsentiert, die im Rahmen der Masterarbeit des Referenten erarbeitet wurden.
  • Prof. Dr. Sita Steckel (Münster), Die Verehrung des Heiligen Bruno in der Koelhoffschen Chronik, in der Stadt Köln und im Kartäuserorden
    Ein klares Interesse der Koelhoffschen Chronik gilt der Darstellung der Kölner Heiligen als Individuen, die in besonderer Weise mit der Stadt selbst in Verbindung standen. So wird etwa der seit dem Hochmittelalter als Heilige verehrte Bruno, der Gründer des Kartäuserordens, in besonderer Weise als Sohn der Stadt Köln reklamiert - was unter anderem auf Anleihen aus der kartäusischen Geschichtsschreibung in der Chronik hindeutet. Wie ein genauerer Blick zeigt, wurde jedoch in der Stadt Köln und im Kartäuserorden ein durchaus unterschiedliches Bild Brunos gepflegt, so dass sich die Koelhoffsche Chronik als ein interessantes Verbindungsglied erweist.

Das Freitags-Kolloquium findet jeweils in der Zeit von 14 – 18:30 Uhr im F3 im Fürstenberghaus, Domplatz 20-22, 48143 Münster statt. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen!