Auftakt zur Reformation
Den Auftakt zur Reformation in Lemgo bildete ein Ereignis, das sich um 1527/28 zutrug. Damals war es zu Auseinandersetzungen gekommen, weil ein altgläubiger Priester „wortgewaltig und frech“ an der Nikolaikirche predigte, was aufgebrachte Bürger veranlasste, vor und nach der katholischen Messe Lieder Luthers (wohl auf niederdeutsch) zu singen: „Nun bitten wir den heiligen Geist“, „Es soll uns Gott gnädig sein“, „Wir glauben alle an einen Gott“, „Allein Gott in der Höh‘ sei Ehr‘“. So berichtet es der Chronist der Reformation in Westfalen, Hermann Hamelmann, im Jahr 1567. Dies zeigt, dass bereits damals lutherisches Gedankengut und Schriften Eingang bei der Lemgoer Bevölkerung gefunden hatten. Einige Bürger gingen daraufhin nach Herford und warben den Herforder Minoriten Liborius Rudolphi als Prediger an. Dieser besorgte dann die Nachmittagspredigt an der Lemgoer Nikolaikirche. Allerdings bleiben die genauen Mechanismen der Anstellung unklar.
1528 oder 1529 forderte Rudolphi, vom Lemgoer Rat geduldet, den Pfarrer Piderit zur Disputation heraus. Beide Geistliche setzten sich im Rathaus in Anwesenheit von Rat und Bürgern über Rechtfertigung und Eucharistie auseinander. Rudolphi verwies dabei auf die einschlägigen Stellen des Römer- und des Hebräerbriefes sowie bezüglich der Eucharistie auf den Brief an die Korinther. Piderit rekurrierte, so der protestantische Berichterstatter Hamelmann 1567, auf die Kirchenväter und auf eine Verteidigungsschrift des katholischen Theologen und Widersacher Luthers, Johannes Eck, die kurz zuvor erschienen war.
Da die Disputation also unentschieden ausgegangen war und die lutherische Position sich nicht eindeutig durchgesetzt hatte, schloss sich der Rat der Linie des Bürgermeisters Conrad Flörken an, der vor den Gefahren für den Stadtfrieden warnte und zum Schutz der kirchlichen Einrichtungen aufrief. Daraufhin kehrte ein Jahr Ruhe in der Stadt ein. Doch dann geriet der Rat wieder unter Druck: Zu Ostern 1530 kam es zu Tumulten an St. Nikolai – hier war inzwischen der Prädikant Gläseker tätig –, und zudem wurden nun auch in der Marienkirche deutsche Lieder vom Schullehrer mit seinen Schülern angestimmt. Mehrfach musste sich der Rat gegenüber dem lippischen Grafen und auf den Landtagen dafür rechtfertigen.