Teilprojekt C02

Die Rolle des Übernatürlichen in Prozessen herrschaftlichen Entscheidens in Byzanz zwischen dem 6. und 12. Jahrhundert

Der byzantinische Kaiser fällte alleine und autoritär eine Entscheidung, doch geschah die Entscheidungsfindung selten spontan oder aus heiterem Himmel, sondern gründete auch auf Miteinbeziehung und Konsultation von unterschiedlichen Ressourcen, vor allem Wissensressourcen, und ‚Experten‘: So ermöglichte gespeichertes und gesammeltes Wissen den Rückgriff auf verschriftlichte historische Erfahrungen (v.a. in Archiven und Bibliotheken in der Hauptstadt Konstantinopel), die beim Entscheiden dienlich sein konnten. Dazu zählten auch Handbücher und Kompendien zu Astrologie, Traumdeutung und Erklärungen von Natur-erscheinungen. Neben der Einbindung von Ratgebern am Hof konnten auch Personen, die Kompetenz in der Deutung übernatürlicher Phänomene und Zeichen bzw. den Geheimwissenschaften besaßen oder die durch göttliche Eingebung prophetisch wirkten, eine wichtige Rolle im Prozess des Entscheidens spielen, wenn es um das Abwägen von Entscheidungsalternativen und das Finden der ‚richtigen‘ Entscheidung ging.

Leitfragen des Projektes sind: In welchem Kontext und in welchen Situationen wurde auf diese Experten bzw. das von ihnen verkörperte Wissen als Ressourcen des Entscheidens zurückgegriffen, welcher Techniken bediente man sich dabei, wie konnten damit eventuell Spiel- sowie Denkräume und damit Horizonte des Entscheidens erweitert und dieses zugleich auch (nicht zuletzt gegen nachträgliche Kritik) abgesichert werden? Welchen Rang hatte der göttliche Wink? Wurde der Rückgriff auf solche Ressourcen des Entscheidens als legitim angesehen, wurde dies geheim gehalten?

Untersucht wird, ob und wie herrschaftliches Entscheiden von der Deutungskompetenz solcher Experten abhängig war, inwieweit sich dies als ein Problem darstellte sowie ob und in welcher Form der Einbezug des Übernatürlichen in Prozesse herrschaftlichen Entscheidens öffentlich wahrgenommen und diskutiert wurde, welche Narrative dabei zum Einsatz kamen und inwieweit hierbei Spannungen zwischen Prophetie und Wahrsagerei auftraten. Im Unterprojekt A (Bearbeiter: Stefanos Dimitriadis) wird die Rolle von Geheimwissenschaften und Wahrsagern und im Unterprojekt B (Bearbeiter: Florin Filimon) diejenige von Propheten und des ‚göttlichen Winks‘ in Prozessen herrscherlichen Entscheidens am byzantinischen Kaiserhof untersucht.

Publikationen

Michael Grünbart

  • Unter einem guten Stern? Externe Instanzen bei kaiserlichen Entscheidungsprozessen in Byzanz, in: Prosopon Rhomaikon. Ergänzende Studien zur Prosopographie der mittelbyzantinischen Zeit, hrsg. von Alexander Beihammer, Bettina Krönung und Claudia Ludwig, Berlin, Boston 2017a, S. 17-29.
  • Anleitungen zum guten Regieren und kaiserlichen Entscheiden in Byzanz, in: Die gute Regierung. Fürstenspiegel in Religionen und Kulturen, hrsg. von Mariano Delgado, Fribourg 2017b, S. 62-77.
  • Securing and Preserving Written Documents in Byzantium, in: Manuscripts and Archives Comparative Views on Record-Keeping, hrsg. Von Alessandro Bausi, Christian Brockmann, Michael Friedrich und Sabine Kienitz, Boston, Berlin 2017c, S. 319-338.
  • Göttlicher Wink und Stimme von oben. Ressourcen des Entscheidens am byzantinischen Kaiserhof, in: Religion und Entscheiden. Historische und kulturwissenschaftliche Perspektiven, hrsg. von Wolfram Drews, Ulrich Pfister und Martina Wagner-Egelhaaf, Würzburg 2018a, S. 293-313 (im Druck).
  • Losen als Verfahren des Entscheidens im griechischen Mittelalter, in: Frühmittelalterliche Studien 52 (2018b), S. 217-252.
  • The Enemies of the Empire: Portrayed Images, in: A Companion to the Byzantine Culture of War, ca. 300-1204, hrsg. von Ioannis Stouraitis, Leiden 2018c, S. 124-129.
  • Nutzbringende Ressourcen bei kaiserlichem Entscheiden in Byzanz, in: Kulturen des Entscheidens. Narrative – Praktiken – Ressourcen (Kulturen des Entscheidens, 1), hrsg. von Ulrich Pfister, Göttingen 2019a, S. 269-286.
  • Das Parisurteil im griechischen Mittelalter, in: Mythen und Narrative des Entscheidens, hrsg. von Helene Basu, Bruno Quast und Martina Wagner-Egelhaaf, Göttingen 2019b (zum Druck angenommen).

Stefanos Dimitriadis / Florin Filimon

  • (zusammen mit Sebastian ROTHE et al.) Expertenentscheidungen in der Vormoderne. Politisierung von Expertise und Konkurrenz der Experten in politischen Entscheidungsprozessen des lateinischen und byzantinischen Mittelalters, in: Kulturen des Entscheidens. Narrative – Praktiken – Ressourcen (Kulturen des Entscheidens, 1), hrsg. von Ulrich Pfister, Göttingen 2019, S. 287-313.

Florin Filimon

  • The Prediction Method by Means of the Holy Gospel and the Psalter: A late Byzantine Case of a Reassigned Geomantic Text, in: Theories of Divination in Late Antiquity and Byzantium, hrsg. von P. Magdalino und A. Timotin (zum Druck angenommen).