Teilprojekt C01

Mittelalterliche rabbinische Responsa als Praxis des religiösen Entscheidens

Innerhalb der jüdischen Tradition bildet die Responsaliteratur seit mehr als 1300 eine etablierte Praxis des religiösen Entscheidens. Ein Responsum ist ein Gutachten, das eine halakhische Autorität in Antwort auf eine schriftlich gestellte, zumeist religionsgesetzliche Anfrage hin verfasst. Responsa gehören damit zu den Verfahrensformen, in denen qua Autorität und Externalisierung entschieden wird. In dem Teilprojekt werden mittelalterliche rabbinische Responsa – darunter die Responsa des Solomon ibn Adret, der geistigen Führungspersönlichkeit des spanischen Judentums im 13. Jahrhundert, – als Praxis des religiösen Entscheidens untersucht.

Im Vordergrund steht dabei die Frage, wie sich die Praxis des Entscheidens in der jüdischen Responsaliteratur des Mittelalters darstellt, welche Entscheidungstechniken angewendet werden und wie durch Responsa Entscheidungen hergestellt werden. Die Responsa waren im Mittelalter nicht nur ein Kommunikationsmedium zwischen der Gemeinde, aus der die Anfrage stammte, und dem Respondenten. Vielmehr bildeten sie ein dichtes Kommunikationsnetzwerk zwischen den Gemeinden, das sich zum Teil in geographisch weit auseinanderliegende jüdische Kulturräume erstreckte. Im Fokus des Projekts stehen daher auch die räumliche Dimension von Entscheidungsprozessen und die Frage von Medialität und Materialität des Entscheidens. Da der Respondent seine Entscheidung auf der Grundlage der Halakha trifft und dabei auf alle Quellen jüdischen Rechts zurückgreifen kann, kommt zudem der Frage nach den Ressourcen des Entscheidens und ihre Bewertung im Hinblick auf den Entscheidungsakt eine zentrale Stellung innerhalb des Teilprojekts zu.

Publikationen

Regina Grundmann

  • „Lies nicht ‚mit Frieden‘, sondern ‚mit dem Saloon‘!“ Die Talmudparodie Massekhet Prohibition als kreativer Umgang mit religiösen Diskursformen, in: Neues finden – Neues schaffen. Betrachtungen zu Kreativität in Wissenschaft und Kunst, hrsg. von Dominik Höink, Christian Hornung und Anne Sanders, Paderborn 2016, S. 69-86.
  • Pluralität zwischen Inklusion und Grenzziehung: Responsa zu jüdisch-nichtjüdischen Ehen als Spiegel religiöser Vielfalt im gegenwärtigen amerikanischen Judentum, in: Ordnungen religiöser Pluralität. Wirklichkeit – Wahrnehmung – Gestaltung, hrsg. von Ulrich Willems, Astrid Reuter und Daniel Gerster, Frankfurt a. M., New York 2016, S. 351-382.
  • „Das Schwert ist die Tora.“ Übertragungen, Umdeutungen, Allegorisierungen – Rabbinische Auslegungen biblischen Kriegsrechts, biblischer Kriegserzählungen und -topoi, in: Zeitschrift für Altorientalische und Biblische Rechtsgeschichte / Journal for Ancient Near Eastern and Biblical Law 23 (2017), S. 263-278.
  • Responsa als Praxis religiösen Entscheidens im Judentum, in: Religion und Entscheiden. Historische und kulturwissenschaftliche Perspektiven, hrsg. von Wolfram Drews, Ulrich Pfister und Martina Wagner-Egelhaaf, Würzburg 2018, S. 163-178 (im Druck).
  • Responsa als Narrative des Entscheidens, in: Semantiken und Narrative des Entscheidens, hrsg. von Philip Hoffmann-Rehnitz et al., Göttingen 2019 (zum Druck angenommen).

Nicola Kramp-Seidel

  • (zusammen mit Maximiliane BERGER und Clara GÜNZL) Normen und Entscheiden. Bemerkungen zu einem problematischen Verhältnis, in: Kulturen des Entscheidens. Praktiken – Ressourcen – Narrative (Kulturen des Entscheidens, 1), hrsg. von Ulrich Pfister, Göttingen 2019, S. 248-265.
  • Semantiken des Entscheidens in mittelalterlichen Responsa, in: Semantiken und Narrative des Entscheidens, hrsg. von Philip Hoffmann-Rehnitz et al., Göttingen 2019a (zum Druck angenommen).
  • Isaak Alfasis Kodifizierung des talmudischen Rechts im Sefer ha-Halakhot zum Traktat Pesachim, Berlin, Boston 2019b (zur Veröffentlichung angenommen).