Neue Gastprofessur für Religion und Politik

Für neue internationale und interdisziplinäre Impulse – Historiker Lucian Hölscher kommt als erster Hans-Blumenberg-Gastprofessor an den Exzellenzcluster in Münster

Pressemitteilung des Exzellenzclusters vom 31. März 2016

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© wikipedia/Vilallonga

Der international renommierte Bochumer Historiker Prof. Dr. Lucian Hölscher ist der erste Inhaber der neu eingerichteten „Hans-Blumenberg-Gastprofessur“ am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster. Er wird sich im Sommersemester in öffentlichen Vorträgen und in seinen Forschungen mit dem Reformationsjubiläum 2017 und der protestantischen Frömmigkeitskultur in Deutschland befassen. Die neue „Hans-Blumenberg-Gastprofessur für Religion und Politik“ soll dazu beitragen, innovative Impulse aus der internationalen Forschung nach Münster zu bringen, und die interdisziplinäre Anschlussfähigkeit am Exzellenzcluster stärken. Dem Verbund gehören 200 Mitglieder aus 20 geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern an.

In seinem Auftaktvortrag am 12. April 2016 will Lucian Hölscher kritisch unter die Lupe nehmen, wie Staat und Kirche an die Reformation vor 500 Jahren erinnern. „Zur Diskussion steht die Möglichkeit einer neuen Lesart der Reformation“, so Prof. Hölscher, „nicht als Manifestation der konfessionellen Trennung, sondern als Teil der Erneuerung des Christentums an der Schwelle zur Moderne.“ Die Differenzen zwischen Katholiken und Protestanten seien im Alltag zwar meist verschwunden. Es stelle sich aber die Frage, ob dies auch für die gesellschaftspolitischen Impulse der Reformation gelte. Dem Auftaktvortrag „500 Jahre Reformation in Deutschland – Wie erinnern wir uns daran?“ folgen im April und Mai drei weitere öffentliche Vorträge zur Geschichte der protestantischen Frömmigkeitskultur.

Herausgehobener Standort für interdisziplinäre Religionsforschung

Während der Gastprofessur in Münster wird Prof. Hölscher an seinem zweiten Band zur „Geschichte der protestantischen Frömmigkeit“ arbeiten. Der erste Band, der von der Reformation bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts reicht, zählt zu seinen bedeutendsten Werken. „Lucian Hölscher gehört zu den international führenden Vertretern der Sozial-, Kultur- und Religionsgeschichte der Neuzeit und hat wichtige Impulse für eine Theorie der Geschichte gegeben“, unterstreicht der Sprecher des Exzellenzclusters, Religionssoziologe Prof. Dr. Detlef Pollack. „Seine Forschungsergebnisse sind für unsere Arbeit von hohem Interesse. Wir versprechen uns wichtige Anstöße für unsere historischen und sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekte.“

In den kommenden Semestern werden weitere renommierte Forscherinnen und Forscher aus wechselnden Disziplinen auf die Hans-Blumenberg-Gastprofessur berufen, etwa aus der Soziologie, der Ethnologie und Rechtswissenschaft. Die Gastprofessur – benannt nach dem einflussreichen Münsteraner Philosophen Hans Blumenberg (1920-1996) – wird auf Vorschlag der Hauptantragstellerinnen und Hauptantragsteller des Exzellenzclusters für je ein Semester besetzt. Die Mitglieder des Exzellenzclusters arbeiten kultur- und epochenübergreifend, historisch und gegenwartsbezogen sowie bekenntnisneutral und bekenntnisgebunden. Damit ist Münster zu einem in Größe und Vielfalt herausgehobenen Standort für interdisziplinäre Religionsforschung geworden.

Die Vorträge der „Hans-Blumenberg-Gastprofessur“ sind ab dem 12. April 2016 an vier Dienstagen von 18.15 bis 19.45 Uhr in Hörsaal F2 im Fürstenberghaus am Domplatz 20-22 in Münster zu hören – am Platz der öffentlichen Ringvorlesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“. Der Start der Ringvorlesung verschiebt sich damit im Sommersemester auf den 10. Mai 2016. Sie trägt den Titel „Religionspolitik heute. Problemfelder und Perspektiven in Deutschland“.

Prof. Dr. Lucian Hölscher ist emeritierter Professor für Neuere Geschichte und Theorie der Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und seit 2008 Vorstandsmitglied des Käte-Hamburger-Kollegs „Dynamics of Religion Between Asia and Europe“ der RUB, das die Dynamiken der Religionsgeschichte zwischen Asien und Europa untersucht. Dort leitet er den Themenbereich 3 „Die Entstehung des Religionsbegriffs“. (vvm/ska)

Öffentliche Vortragsreihe „Hans-Blumenberg-Gastprofessur“

Sommersemester 2016
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F2 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster

12.04.2016 Vortrag 500 Jahre Reformation in Deutschland – Wie erinnern wir uns daran?

Im nächsten Jahr erinnern Staat und Kirche in Deutschland an die Reformation vor 500 Jahren. Aber wie? Die Differenzen zwischen Katholiken und Protestanten sind aus dem Alltag der meisten Christen fast verschwunden, aber gilt das auch für die gesellschaftspolitischen Impulse des reformatorischen Aufbruchs? Sind die Hoffnungen, die sich einst an die Reformation knüpften, noch realistisch – oder gar schon eingelöst? Die Frömmigkeit des Reformationszeitalters ist uns ferner gerückt – gelten seine früheren Botschaften deshalb auch heute noch? Zur Diskussion steht die Möglichkeit einer neuen Lesart der Reformation: nicht als Manifestation der konfessionellen Trennung, sondern als Teil der Erneuerung des Christentums an der Schwelle zur Moderne.

19.04.- 03.05.2016 Vorträge Protestantische Frömmigkeitskultur in Deutschland
19.04.2016 Das Konzept der Konfession
26.04.2016 Geschichte und Konzept der protestantischen Frömmigkeit
03.05.2016 Die Säkularisierung der modernen Gesellschaft

Frömmigkeit heißt richtiges Leben. Der Bedarf für eine Kultur des richtigen Lebens besteht zu allen Zeiten. Doch deren Bedingungen und Ausdrucksformen haben sich im Laufe der Zeit stark verändert. Drei Schneisen durch die protestantische Frömmigkeitsgeschichte der letzten Jahrhunderte in Deutschland sollen dies zeigen: Sie gehen dem schwierigen Konzept der „Konfession“ (19. April), dem Wandel der christlichen Gemeinde (26. April) und der Säkularisierung der modernen Gesellschaft (3. Mai) nach. Frömmigkeitsgeschichte in diesem ungewohnten Sinne wirft dabei einen neuen Blick auf die Religionsgeschichte, der sich von dem der Kirchengeschichte abhebt.

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Prof. Dr. Lucian Hölscher
© RUB, Nelle

Lucian Hölscher – Erster Hans-Blumenberg-Gastprofessor

Lucian Hölscher ist emeritierter Professor für Neuere Geschichte und Theorie der Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und seit 2008 Vorstandsmitglied des Käte-Hamburger-Kollegs „Dynamics of Religion Between Asia and Europe“ der RUB, das die Dynamiken der Religionsgeschichte zwischen Asien und Europa untersucht. Dort leitet er den Themenbereich 3 „Die Entstehung des Religionsbegriffs“. Zu seinen bedeutsamsten Werken zählt die Studie „Geschichte der protestantischen Frömmigkeit“, die den Wandel der protestantischen Frömmigkeit von der Reformation bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts beschreibt. Forschungsschwerpunkte von Lucian Hölscher sind die Politik-, Sozial- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, mit besonderem Schwerpunkt auf der Religionsgeschichte der Neuzeit, und die Theorie der Geschichte sowie Geschichte und Methodologie der Geschichtswissenschaft.

„In seinen Forschungen verbindet Lucian Hölscher die Untersuchung religiöser Semantiken, zum Beispiel von Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsvorstellungen, mit der Analyse von sozialstrukturellen und politischen Veränderungen“, erläutert der Sprecher des Exzellenzclusters „Religion und Politik“, Religionssoziologe Prof. Dr. Detlef Pollack. „Für viele Mitglieder des Exzellenzclusters, die in der bei uns stark vertretenen Neuzeit- und Moderne-Forschung arbeiten, sind seine Arbeiten einschlägig. Aber auch in methodologischer Hinsicht, etwa was die wissenschaftstheoretische Reflexion von in den Geschichtswissenschaften gebrauchten Methoden angeht, bestehen viele Berührungspunkte zu laufenden Forschungsarbeiten am Exzellenzcluster.“

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Hans Blumenberg
© Bildarchiv der Universitätsbibliothek Gießen und des Universitätsarchivs Gießen, Signatur HR A 603 a

Hans Blumenberg – Namensgeber der neuen Gastprofessur

Der renommierte Münsteraner Philosoph Hans Blumenberg (1920-1996) war von 1970 bis zu seiner Emeritierung 1985 Professor an der Universität Münster. Mit seinen Veröffentlichungen trug er wesentlich zur Neubestimmung des Ortes der Neuzeit in der geschichtswissenschaftlichen und philosophischen Diskussion bei. Er stellte die damals vorherrschende Säkularisierungsthese in Frage, nach der theologische Deutungsmuster aus dem Mittelalter über den Umbruch zur Neuzeit hinweg im modernen Staat fortwirken. Im Hauptwerk „Die Legitimität der Neuzeit“ plädiert Blumenberg dafür, die Entstehung der Neuzeit als Akt der humanen Selbstbehauptung gegen die theologischen Absolutheitsansprüche spätmittelalterlichen Denkens zu interpretieren. So prägte er, in kritischer Absetzung von den Philosophen Carl Schmitt (1888-1985) und Karl Löwith (1897-1973), entscheidend die geistesgeschichtlich argumentierende Säkularisierungsdebatte. Dies gilt als wichtiger Beitrag zur Theorie der historischen Periodisierung und zur Theorie der Moderne.

Der Philosoph befasste sich in seinen begriffs-, geistes- und philosophiegeschichtlichen sowie anthropologischen Studien auch mit der Interpretation von Mythen und Metaphern. So stellte er anekdotische und essayistische Betrachtungen über das Motiv des Löwen an. Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff greift dieses Motiv in ihrem Roman „Blumenberg“ auf. Der Wissenschaftler war Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz, des Senats der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Mitglied der Senatskommission für Begriffsgeschichte und Mitgründer der Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik“. Als junger Mann hatte er das Studium der Katholischen Theologie 1940 abbrechen müssen, da er im Nationalsozialismus mit Blick auf die Familie seiner Mutter als „Halbjude“ galt. Er studierte dann Philosophie, Germanistik und Klassische Philologie.