„Praxis des richtigen Handelns und Denkens“

Historiker Lucian Hölscher über Geschichte und Konzept protestantischer Frömmigkeit

News Konzept Protestantische Froemmigkeit
Prof. Dr. Lucian Hölscher
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Über Geschichte und Konzept der protestantischen Frömmigkeit in Deutschland hat der Inhaber der „Hans-Blumenberg-Gastprofessur“, Historiker Prof. Dr. Lucian Hölscher, am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster gesprochen. “‚Frömmigkeit’ verstehe ich als einen sozialwissenschaftlichen Begriff, der die Normen und Praktiken des richtigen Lebens in modernen Gesellschaften in den Blick nimmt“, erläuterte der Wissenschaftler. Er zeichnete in seinem Vortrag den Wandel des Begriffs „Frömmigkeit“ von der Frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert nach und zeigte an ihm, dass „religiöse Begriffe Indikatoren für gesellschaftliche Strukturen und ihre Veränderungen“ sein können. Der Titel des Vortrags lautete „Geschichte und Konzept der protestantischen Frömmigkeit“. Der Historiker widmete sich zunächst dem mittelhochdeutschen Begriff von „Frömmigkeit“, der „nicht für eine religiöse, sondern für eine bürgerliche Tugend“ gestanden habe. Der Begriff habe sich im 18. Jahrhundert auf eine „spezifisch religiöse Bedeutung“ verengt, so der Wissenschaftler. An der Entwicklung zu einem „protestantischen Verhaltensideal“ zeige sich die damalige Wende der Religionskultur zur Innerlichkeit.

„Ausdruck einer inneren Disposition“

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Ton-Mitschnitt des Vortrags

Ausgehend von Frömmigkeit als „Ausdruck einer inneren Disposition“ konstatierte der Wissenschaftler Formen nicht-christlicher Frömmigkeit für das 19. und 20. Jahrhundert. Humanistisch gebildete Personen wie etwa höhere Beamte, Juristen und auffallend viele hohe Militärs hätten eine kirchen- und religionskritische Haltung gehabt, ihre Frömmigkeit habe sich aus den „Tugenden und Überzeugungen der antiken Griechen und Römer“ gespeist. Die säkulare Gesellschaft des 20. Jahrhundert habe von ihren Mitgliedern eine Art von Frömmigkeit gefordert, „nämlich eine Praxis des richtigen Denkens und Handelns“, erläuterte der Wissenschaftler. Entkleide man die Frömmigkeit ihrer christlichen Begründung, dann bleibe ein Tugendkanon zurück, der mit Werten wie Treue und Verlässlichkeit, Ehrfurcht und Respekt vor der Würde des Menschen auch in der Zivilgesellschaft gelte.

Die Vorträge der „Hans-Blumenberg-Gastprofessur“ sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr in Hörsaal F2 im Fürstenberghaus am Domplatz 20-22 in Münster zu hören – am Platz der öffentlichen Ringvorlesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“. Der Start der Ringvorlesung verschiebt sich damit im Sommersemester auf den 10. Mai 2016. Sie trägt den Titel „Religionspolitik heute. Problemfelder und Perspektiven in Deutschland“. (maz/ska)