„Sprichwörtliche Toleranz des Hinduismus“

Religionswissenschaftlerin über religiöse Transfers zwischen Indien und dem Westen

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Prof. Dr. Annette Wilke

© ska

Über die Rezeption hinduistischer Konzepte im Westen und westlicher Konzepte im Hinduismus hat die Religionswissenschaftlerin Prof. Dr. Annette Wilke vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ in der Ringvorlesung „Transfer zwischen Religionen“ gesprochen. In ihrem Vortrag behandelte sie die besonders intensiven religiös-kulturellen wechselseitigen Transfers seit Ende des 19. Jahrhunderts zwischen Indien und der westlichen Welt, darunter auch Deutschland. Unter den westlichen Vermittlern waren Persönlichkeiten wie der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer und der Literat Hermann Hesse. „Im Ergebnis bewirkte die Rezeption hinduistischer Konzepte im Westen und umgekehrt auf beiden Seiten, dass Neues entstand und Überkommenes neu gedacht werden konnte“, so die Religionswissenschaftlerin in der Ringvorlesung des Exzellenzclusters und des Centrums für religionsbezogene Studien (CRS) der WWU.

Im Zentrum der Ausführungen standen Persönlichkeiten, die „Indien-Wellen“ in Europa mitausgelöst hätten: um die Jahrhundertwende, in der Weimarer Zeit der 1920er Jahre und in den 1960er bis 1970er Jahren. Zu diesen „Vermittlern zwischen den Kulturen“ gehörten der indische Mönch und Reformer Swami Vivekananda (1863-1902), der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860), der Indologe und Schopenhauer-Schüler Paul Deussen (1845-1919), der Theologe und Religionsphänomenologe Rudolf Otto (1869-1937), der Literat und Lebensreformer Hermann Hesse (1877-1962) und der indische Mönch Swami Chinmayananda (1916-1993), der in Indien als zweiter Vivekananda gilt.

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Ton-Mitschnitt des Vortrags

Vor allem die indische Tradition der Alleinheitslehre des Vedanta, der Einheit von Göttlichem, Mensch und Welt, – eine Richtung der indischen Philosophie –stand für die „Meinungsmacher“ im Zentrum ihres Hinduismus-Verständnisses, wie die Religionswissenschaftlerin darlegte. Wichtig waren dabei die Grundschriften des Vedanta, „Upanisaden“ und „Bhagavadgita“ in der nicht-dualen Deutung des Philosophen und Wanderaskesen Adi Shankara (etwa 788-820). „Damit schufen sie machtvolle geistige Landkarten, die bis heute weiterwirken, beispielsweise die sprichwörtliche Mystik und Toleranz des Hinduismus.“

Für die westlichen Rezipienten war die vedantische Philosophie den Ausführungen der Wissenschaftlerin zufolge immer wieder ein „Sehnsuchtsort der Einheit und Ganzheit“ und ein „Schlüssel zu wahrer Selbsterkenntnis“. Dies war oft verbunden mit einer Christentums- und Zivilisationskritik, aber auch einer Neuinterpretation christlichen Gedankenguts wie dem Liebesgebot. „Die vedantische Philosophie wurde zum Impulsgeber für eine spirituelle Erneuerung und eine moderne, religionsübergreifende multi- oder transreligiöse Spiritualität, die schon in Hesses Siddharta von 1922 greifbar wird.“ Das Ergebnis seien Glaubensformen gewesen, die nicht mehr nur rein östlich oder westlich waren.

Auch der Hinduismus und der Vedanta der indischen Reformer waren bereits selbst geprägt von der europäischen Aufklärung, Romantik, christlicher Ethik und einem modernen Wissenschaftsideal, wie Prof. Wilke erläuterte. „Ihre kreative Adaption verwandelte das Eigene und das Andere: Wahre Ganzheitlichkeit, Toleranz, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe sowie wahrhaft ethisch-selbstloses soziales Handeln können nur aus der Erfahrung von Alleinheit und Erkenntnis des wahren Selbst, tat tvam asi (Das bist Du), resultieren.“ Bei dem Vedanta handle es sich um „die Wissenschaft der Selbstvervollkommnung, das kleine Ich zu überschreiten und aus dem universalen Bewusstsein und der angeborenen inneren Fülle und Göttlichkeit heraus zu leben“.

Für die indischen Denker waren der Vedanta und seine Grundschriften der Forscherin zufolge aber auch politisch wichtig: im nationalen Selbstfindungsdiskurs, in der Verteidigung der eigenen Zivilisation gegen Vorwürfe der Rückständigkeit und des Götzendienstes, in der Etablierung einer philosophischen Basis der Götter- und Religionsvielfalt sowie in der Verbindung von Spiritualität und Aktion in der Welt. Mittels des Vedanta hätten sie den Hinduismus als eine dem Christentum ebenbürtige beziehungsweise überlegene Religion präsentiert, die in einer überkonfessionellen „universalen Wahrheit“ gründe, die alle Religionen umspanne und ihnen Raum geben könne – ohne Verfolgungen, Intoleranz und missionarischem Eifer, sie zur selben Auffassung bringen zu müssen.

Plakat der Ringvorlesung

Plakat

© wikipedia

Der Vortrag trug den Titel „Rezeption hinduistischer Konzepte im Westen und westlicher Konzepte im Hinduismus“. Prof. Wilke leitet das Seminar für Allgemeine Religionswissenschaft an der Universität Münster und forscht am Exzellenzcluster im Projekt C2-20 Globaler Hinduismus – Die Chinmaya Mission in Indien und weltweit. Zu ihren Forschungsinteressen zählen Hinduismus, Ritual- und Mystikforschung. Am Dienstag, 2. Juni, spricht der Philosoph Prof. Dr. Wilhelm Schmidt-Biggemann aus Berlin über „Politische Theologie der christlichen Kabbala. Der Fall Guillaume Postel (1510–1581)“. Der Vortrag beginnt um 18.15 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22.

Die Vortragsreihe „Transfer zwischen Religionen. Wenn religiöse Traditionen einander beeinflussen“ untersucht, wie es zwischen Religionen in verschiedenen Kulturräumen und Epochen zu vielfältigen Formen des Austauschs religiöser und kultureller Traditionen kam. Die Themen der Ringvorlesung reichen vom christlich-muslimischen Dialog im Nahen Osten über Transfer in der regulierten Religionsvielfalt Chinas bis zu Wechselwirkungen zwischen dem Buddhismus und anderen indischen Religionen. Auf dem Programm stehen auch der Kulturaustausch zwischen Juden, Christen und Muslimen durch Buch und Bild im Mittelalter, der Reliquientransfer zwischen dem östlichen und dem westlichen Christentum sowie die christliche Kabbala. Am Exzellenzcluster werden Transfer-Phänomene seit 2012 im Forschungsfeld „Integration“ untersucht. (ska/vvm)


Ringvorlesung „Transfer zwischen Religionen. Wenn religiöse Traditionen einander beeinflussen“

Sommersemester 2015
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F2 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster