Religion, Nation und Identität

Neue Studie über Religionsvielfalt und Identitätsdebatten in Saudi-Arabien

Buchcover
© Ergon Verlag

Mit dem Einfluss religiöser Vielfalt auf Identitätsdebatten im heutigen Königreich Saudi-Arabien befasst sich ein neues Buch Exzellenzclusters „Religion und Politik“. Darin beschreibt der Islam- und Politikwissenschaftler Menno Preuschaft den Diskurs zeitgenössischer saudischer Intellektueller und religiöser Gelehrter zu religiöser und weltanschaulicher Pluralität im Kontext des „King Abdulaziz Center for National Dialogue“ (KACND, „König Abdulaziz’ Zentrum für Nationalen Dialog“). Die Arbeit entstand am Exzellenzcluster im Forschungsprojekt D12 Vergleichende Studie zu Strategien der Pazifizierung religiöser Geltungsansprüche und ist mit dem Dissertationspreis der „Deutschen Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient für gegenwartsbezogene Forschung und Dokumentation (DAVO)“ ausgezeichnet worden. Die Publikation trägt den Titel „Religion, Nation und Identität. Eine Untersuchung des zeitgenössischen saudischen Diskurses zum Umgang mit religiöser Pluralität“. Sie ist in der Reihe „Kultur, Recht und Politik in muslimischen Gesellschaften“ im Ergon-Verlag erschienen.

Preuschaft hat für seine Studie Publikationen staatlicher und halb-staatlicher Einrichtungen wie dem KACND ausgewertet. Hinzu kamen Texte von religiösen Gelehrten unterschiedlicher Konfession sowie von saudischen Intellektuellen. Ergänzend führte der Islamwissenschaftler im Rahmen eines Forschungsaufenthalts in Saudi-Arabien Interviews mit Vertretern der jeweiligen Gruppierungen.

„Das saudische Königreich sah sich um den Jahrtausendwechsel internationalen Vorwürfen der islamistischen Terrorförderung ausgesetzt“, erläutert der Autor. „Zugleich wurde es aber selbst Zielscheibe djihadistischer Angriffe.“ Daraufhin sei im Land eine lebhafte Diskussion über das Verhältnis von Religion, Staat und Gesellschaft entbrannt, die in der Gründung des KACND im 2003 gebündelt worden sei. Die Arbeit analysiert die dortigen Debatten und fragt, inwieweit sie sich angesichts eines starken, exklusivistischen Wahrheitsanspruches der staatlich protegierten wahhabitischen Lesart des Islams als Diskurs über die nationale Identität und das Verständnis der religiösen Lehren darstellen.

Die Untersuchung weist auf ein grundlegendes Interessendilemma im saudischen Identitätsdiskurs hin, wie Preuschaft darlegt. Es äußere sich im Spannungsfeld zwischen dem Interesse der Bewahrung religiös begründeten Kollektiv-Identität, der innersaudischen Vielfalt und einer Öffnung gegenüber der internationalen Gemeinschaft. „Als Auflösung des Dilemmas werden religiös begründete Toleranz- und Dialogkonzepte entwickelt und mit Forderungen nach größerer politischer Partizipation verbunden.“ Angesichts der derzeitigen Entwicklungen in der Nahost-Region dürfe die frühzeitige Hinwendung des Königshauses zum Dialogprojekt zumindest als vorausschauender Blick der Stabilitäts- und Machtkonsolidierung gewertet werden. Darin liegt nach Einschätzung des Wissenschaftlers Potential, die soziale und politische Identität auf Basis eines „toleranten und pluralitätsinklusiven Islamverständnisses“ neu zu definieren.

Gesellschaft und Politik des Königreichs Saudi-Arabien basieren auf der engen Bindung der politischen Herrschaft an die Schule des Wahhabismus, die in der Islamwissenschaft als exklusivistisch eingeschätzt wird, so der Forscher zum Hintergrund seiner Studie. Bis in die späten 1990er Jahre hinein habe das Königshaus auf dieser Basis ein Nationalgefühl propagiert, das neben der "Schicksalsgemeinschaft" von Königshaus und Untertanen vor allem die saudisch-wahhabitische Umma als zentrales Charakteristikum verbreitete, andere religiöse Schulen hingegen als "Falschgläubige" erklärte.

Die Untersuchung schlägt den Bogen von den politischen Implikationen der wahhabitischen Reformen über die Pluralisierung des Dialogs in den 1980er und 1990er Jahren bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 als wichtigstem Einzelauslöser für eine deutliche Veränderung von Inhalt und Form des innersaudischen Diskurses. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass der Diskurs teils kritische und innovative Ansätze des Umgangs mit dem "Anderen" hervorbringt, und weist eine lebhafte Debatte über die Begriffe "Bürgerschaft", "Dialog" sowie über die Bestimmung des nationalen und religiösen Selbstbildes nach. (Ergon-Verlag/ vvm)


Hinweis: Preuschaft, Menno: Religion, Nation und Identität. Eine Untersuchung des zeitgenössischen saudischen Diskurses zum Umgang mit religiöser Pluralität (Kultur, Recht und Politik in muslimischen Gesellschaften, Bd. 31), Würzburg: Ergon-Verlag 2014. 427 Seiten, ISBN 978-3-95650-071-8, 58 Euro.

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