„Die weiße Hausfrau als weibliche Leitfigur“

Wie konservative Frauen bereits im Amerika des 19. Jahrhunderts politisch wirken konnten

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Prof. Dr. Bruce Dorsey

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Im Amerika des 19. Jahrhunderts sorgten ausgerechnet Frauen mit konservativen Haltungen, die ein traditionelles Verständnis der Geschlechterrollen vertraten, laut US-Historiker Prof. Dr. Bruce Dorsey dafür, dass Frauen politisch aktiv sein konnten. „Als Verteidigerinnen althergebrachter und religiöser Wertvorstellungen konnten sie sich eher an öffentlichen politischen Debatten beteiligen als Frauen mit radikalen Ansichten“, sagte der Experte für Gender- und Kulturgeschichte aus Swarthmore in den USA in der Ringvorlesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“. Akzeptanz bei Männern fanden die Frauen demnach nur, weil sie sich als Fürsprecherinnen der viktorianischen Moral präsentierten und nicht zur Bedrohung für die öffentliche Ordnung wurden. Ihre Fürsorge richtete sich auf die eigene protestantische Gemeinschaft und gegen Einwanderer. Dorsey: „In unzähligen Artikeln ihrer eigenen Zeitung propagierten sie die weiße angelsächsische Hausfrau der Mittelschicht als weibliche Leitfigur.“

Die Gründe für den Erfolg heutiger konservativer US-amerikanischer Politikerinnen wie den Republikanerinnen Sarah Palin und Michele Bachmann reichen dem Historiker zufolge bis in die Zeit des 19. Jahrhunderts zurück. Welchen Anfeindungen politisch aktive Frauen mit radikaleren Ansichten ausgesetzt waren, beschrieb Prof. Dorsey anhand der Lebensgeschichte der Anne Royall: Die Witwe reiste in den 1820er Jahren alleine durch das Land, suchte politische Gespräche und verfasste Reiseberichte. „Ihr Auftreten und ihr Einsatz für die umstrittene Gruppe der Freimaurer passten nicht in das Rollenbild der Zeit. Royall wurde beschimpft, gedemütigt und zensiert.“

Politisches Engagement von konservativen Frauen, so der Historiker, sei in den Vereinigten Staaten außerdem im Zusammenhang mit den „Philadelphia Nativist Riots“ im Jahr 1844 entstanden, bei dem es zwischen den katholischen irischen Migranten und den in Amerika geborenen Protestanten zu blutigen Auseinandersetzungen kam. Unter den Protestanten sei damals das Gerücht aufgekommen, dass die wachsende Zahl an irischen Einwanderern die Bibellesungen aus öffentlichen Schulen verbannen wolle. „Die Bibel wurde als Grundpfeiler der Erziehung eines jeden weißen Amerikaners verstanden“, erläuterte der Wissenschaftler. In der Forderung der Katholiken, ihre Kinder vom protestantischen Religionsunterricht zu befreien, sahen viele Protestanten ihre Sorge bestätigt, dass fremde Gruppen und Mächte die Republik zerstören wollten. „Eine anti-katholische Kampagne sollte die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass Katholiken Feinde der Bibel waren und damit ungeeignet, amerikanische Bürger zu werden. 

Der Angst vor einer „katholischen Verschwörung“ traten die Frauen in Philadelphia mit den Erfahrungen ihrer Wohltätigkeitsarbeit und einer anti-katholischen Gesinnung entgegen, wie der Wissenschaftler sagte. Für die neu gegründete Volkspartei „American Nativist Party“ hielten sie öffentliche Reden und gaben die erste ausschließlich von Frauen erstellte Zeitung „American Women“ heraus. „Vier Jahre vor dem ersten Kongress der amerikanischen Frauenrechtsbewegung in der Stadt Seneca Falls setzte sich diese Gruppe bereits für mehr Mitwirkungsmöglichkeiten ein.“

Kulturhistoriker Dorsey plädierte in seinem englischsprachigen Vortrag „Religion, Geschlecht und die Politik der Verschwörung im Amerika des 19. Jahrhunderts“ dafür, die Bedeutung des Begriffes „Politik“ zu erweitern. Nur so seien Wissenschaftler in der Lage, Menschen zu erkennen, die sich „außerhalb der Politik großer Männer“ engagierten. Prof. Dorsey forscht vor allem zur US-Geschichte des 19. Jahrhunderts vor dem Bürgerkrieg. Sein 2002 erschienenes Buch „Reforming Men and Women: Gender in den Antebellum City“ wurde mit dem Philip S. Klein Prize der Pennsylvania Historical Association ausgezeichnet.

Die öffentliche Ringvorlesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ befasst sich im Wintersemester 2011/2012 unter dem Titel „Als Mann und Frau schuf er sie“ mit dem Verhältnis von Religion und Geschlecht. Aus der Sicht verschiedener Fächer und Epochen geht sie der Frage nach, wie Religionen die Geschlechterordnung beeinflussten. Zu Wort kommen Historiker, Soziologen, Theologen, Juristen, Ethnologen und Literaturwissenschaftler.

Am Dienstag, dem 10. Januar, spricht der Historiker Prof. Dr. Jürgen Martschukat von der Universität Erfurt über „,Every thing that can be shake will be shaken‘ Die ,Oneida Community‘ und die Familien- und Geschlechterordnung in den USA des 19. Jahrhunderts“. Der öffentliche Vortrag beginnt um 18.15 Uhr im Hörsaal F2 im Fürstenberghaus am Domplatz 20-22. (ska/vvm)


Ringvorlesung „,Als Mann und Frau schuf er sie.‘ Religion und Geschlecht“

Wintersemester 2011/2012
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F2 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster