Qualitätsstandards für Bildungsangebote
Was sind lernförderliche, kindgerechte Bildungsangebote?
Nicht jede Kita-Aktivität, die als Bildungsangebot deklariert wird, trägt zum Erwerb von Basiskompetenzen bei. Vielmehr sind Bildungsangebote insbesondere dann wirksam, wenn sie folgende vier Qualitätsstandards erfüllen, wie sich in wissenschaftlichen Evaluationsstudien gezeigt hat (Blair & Raver, 2014; Diamond & Lee, 2011; Geyer, Titz, Weber, Ropeter, & Hasselhorn, 2018; Siraj-Blatchford & Sylva, 2004; Tietze et al., 2013)
Bildungsangebote sind spielbasiert
Was begeistert insbesondere drei- bis sechsjährige Kinder am Spielen?
- Spielen erfolgt freiwillig und ohne Zwang. Die Person entscheidet, ob sie spielen will.
- Beim Spielen geht es vor allem um die Freude am Tun, weniger um das Erbringen einer Leistung.
- Darüber hinaus geht es bei Rollenspielen, Regelspielen und Konstruktionsspielen immer auch um ein So-tun-als-ob:
- Bei Rollenspielen tut man so, als ob man z.B. ein Superheld wäre, der fliegen könne und große Abenteuer erleben würde.
- Bei Konstruktionsspielen tut man so, als ob man ein konkretes Werk z.B. ein Haus oder eine Landschaft baut oder malt.
- Bei Regelspielen tut man so, als ob man in einer (fiktiven) Welt ein konkretes Ziel erreicht, wobei allerdings schon vereinbarte Spielregeln eingehalten werden sollen.
So-tun-als-ob baut eine Brücke zwischen den hochtrabenden Wünschen von Kindern, alles schon tun zu wollen, und ihren noch sehr begrenzten Kompetenzen, etwas realiter tun zu können. Das So-tun-als-ob ermöglicht, nicht Gekonntes durch Spielhandlungen zu ersetzen sowie Baupläne und Spielregeln zu ändern.
Ein solches Spielen eröffnet ein Ausprobieren der eigenen Kompetenzen und den Stolz beim Meistern freiwillig gewählter Anforderungen. Damit ist es für Kinder eine sinnstiftende und herausfordernde Tätigkeit zugleich.
Jedes Spiel hat einen konkreten Spielinhalt
Spielinhalte können so gewählt werden, dass sie Anforderungen zum Erwerb von sozio-emotionalen, motorischen, mathematischen und/oder sprachlichen Kompetenzen beinhalten. In dem Maße, wie Kinder diese spielerischen Anforderungen meistern, erwerben sie die jeweiligen Kompetenzen.
Gleichzeitig enthält jede Spielform (Konstruktions-, Rollen- und Regelspiele) auch altersangemessene Anforderungen zum Erwerb metakognitiver Kompetenzen etwa zur Planung (z.B. von Spielhandlungen für ein gemeinsames Rollenspiel) oder zur Regulation der eigenen Handlungen und Emotionen (z.B. die Einhaltung der Regeln bei Regelspielen).
Bildungsangebote sind materialbasiert
Bildungsangebote nutzen erprobtes Spielmaterial, das spezifische Anforderungen für einzelne Bildungsbereiche bereithält, die an das Kompetenzniveau eines Kindes angepasst werden können. Aus der Fülle an Spielmaterialien sind in den BIKO-Spielekisten geeignete Spiele und Aktivitäten zusammengestellt:
- BIKO-Mathe-Kiste für den mathematischen Bildungsbereich
- BIKO-Motorik-Kiste für den motorischen Bildungsbereich
- BIKO-Gefühle-Kiste für den sozio-emotionalen Bildungsbereich
Daraus können Sie geeignete Spiele auswählen. Die BIKO-Spielekisten sind nach Basiskompetenzen gegliedert. Sie enthalten für jedes der Spiele auch Hinweise zur Lernunterstützung sowie Spielvarianten für Einsteiger, Fortgeschrittene und Profis.
Bildungsangebote sind diagnostikbasiert
Damit Bildungsangebote gezielt Anforderungen in der Zone der nächsten Entwicklung eines Kindes bereitstellen können, basieren sie auf einer Diagnostik des aktuellen Kompetenzniveaus eines Kindes. Dazu wird das BIKO-Screening in vier Bildungsbereichen genutzt.

Materialien des BIKO-Screenings© Dorothee Seeger & Manfred Holodynski Bildungsangebote sind lernunterstützend
Damit Kinder Anforderungen in der Zone ihrer nächsten Entwicklung motiviert angehen und bei der Bewältigung sich als selbstwirksam erleben, benötigen sie eine adaptive Lernunterstützung durch die Kita-Fachkräfte. Dies gilt insbesondere für Kinder, die einen zusätzlichen Förderbedarf aufweisen.
Eine adaptive Lernunterstützung spricht motivationale, kognitive und auch emotionale Facetten des kindlichen Lernens an. Sie gelingt im gemeinsamen Spielen,- wenn Fachkräfte Interesse für ihre Bildungsangebote wecken und Kinder ermutigen, gemeinsam Neues zu erkunden,
- wenn sie ein Modell bieten, wie die im Spiel eingebetteten Anforderungen gemeistert werden können,
- wenn sie Erfolge ermöglichen und die Spielfreude mit dem Kind teilen,
- wenn sie emotionale Unterstützung bieten, wenn etwas nicht auf Anhieb gelingt.

Angeleitete, spielbasierte Matheförderung© Dorothee Seeger Alltagsintegrierte Förderung - ein Qualitätsmerkmal?
Alltagsintegrierte Förderung ist für sich genommen kein Qualitätsmerkmal. Denn auch Alltagssituationen tragen nur dann zum Erwerb von Basiskompetenzen bei, wenn
- dem Kind Anforderungen gestellt werden, die eine bereichsspezifische Basiskompetenz adressieren,
- diese Anforderungen nachweislich in der Zone seiner nächsten Entwicklung liegen und
- die Fachkraft auch in diesen (vielleicht stressigen) Alltagssituationen genügend Zeit und Ruhe für eine adaptive Lernunterstützung eines Kindes aufbringt, damit es die Anforderung sicher meistert und Stolz, Freude und Selbstwirksamkeit erleben kann.
Für die Qualität und den Erfolg einer Förderung ist am Ende entscheidend, inwiefern ein Kind in der Kita in ausreichendem Umfang adaptive Anforderungssituationen und Lernunterstützung erhalten hat. Nur dann kann es nachweislich Lernfortschritte beim Erwerb von Basiskompetenzen erzielen. Daran muss sich auch eine alltagsintegrierte Förderung messen lassen.
Dabei stellt sich die Frage: Was sind Alltagssituationen in Kitas?
Das sind nicht nur die Tagesroutinen wie Ankommen, An- und Ausziehen, Essenszeiten, Körperpflege, etc., sondern auch die lange Aufenthaltszeit jenseits dieser Routinen, die mit Aktivitäten gefüllt sind. Wenn diese Zeit nur mit dem Freispiel der Kinder ohne adaptive Lernunterstützung der Fachkräfte gefüllt wäre, wäre das keine Bildung, sondern nur Betreuung. Vielmehr sollten den Kindern in dieser Zeit auch Bildungsangebote unter Anleitung der Fachkräfte gemacht werden, die ebenso zu den Alltagssituationen einer Kita gehören.

