Adaptive Anforderungen und Lernunterstützung als pädagogische Prinzipien
Die Entwicklungsaufgabe von Kindern besteht in allen Kulturen darin, nach und nach diejenigen Kompetenzen und Werte des sozialen Umgangs zu erwerben, die ihnen eine Teilhabe an der Gemeinschaft sichern. Erwachsene (Bezugspersonen) unterstützen Kinder bei der schrittweisen Lösung dieser Aufgabe durch Erziehung und Bildung.
Für diesen Transfer von Kompetenzen an die nachfolgende Generation hat der Entwicklungspsychologe Lev Vygotskij zwei Prinzipien formuliert, die in den Bildungswissenschaften weltweit Beachtung finden.
- Diagnostik zur Bestimmung adaptiver Anforderungen
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Die Zone der aktuellen Entwicklung. Damit bezeichnet Vygotskij Anforderungen einer Aufgabe oder eines Spiels, die ein Kind selbstständig ohne soziale Unterstützung meistern kann. Denn es hat die dafür notwendigen Kompetenzen bereits gelernt und kann sie zur Lösung ähnlicher Probleme anwenden.
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Die Zone der nächsten Entwicklung. Damit sind Anforderungen gemeint, die ein Kind noch nicht selbstständig, wohl aber mit Unterstützung eines kompetenten Anderen meistern kann, der bereits über die neu zu lernende Kompetenz verfügt.
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Von der Zone der aktuellen zur Zone der nächsten Entwicklung. Um ein Kind in seiner Entwicklung zu fördern, sollten ihm Anforderungen gestellt werden, die über das hinausgehen, was es bereits kann. Jedoch nur soweit, dass es mit etwas Lernunterstützung die neue Kompetenz erwerben kann und nicht überfordert aufgibt.
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- Lernunterstützung zum Erwerb neuer Kompetenzen
Lernunterstützung erfolgt im gemeinsamen Handeln von Kind und kompetentem Anderen (in der Regel eine seiner Bezugspersonen wie Eltern oder Kita-Fachkraft) und durchläuft idealtypisch drei Phasen:
- Modellierung. Die Bezugsperson wendet die neu zu erwerbende Kompetenz stellvertretend für das Kind an. So bietet sie ihm ein (Handlungs-)Modell zur Imitation an, wie die neuen Anforderungen gemeistert werden könnten.
- Koregulation. Nachfolgend erhält das Kind Gelegenheit(en), es selbst zu versuchen. Dabei ermutigt und unterstützt die Bezugsperson, federt Misserfolge und Frustrationen emotional ab, so dass das Kind (trotz Anstrengung und auch Misserfolgen) vornehmlich Freude erlebt, selbstwirksam zu sein. Die Meisterung der Anforderungen erfolgt in einem koregulierten Handeln.
- Übergang zur Selbstregulation. In dem Maße, wie das Kind selbständig die Anforderungen meistert, schleicht die Bezugsperson ihre Unterstützung aus und lässt es selbständig agieren. Aus der koregulierten Handlung des Kindes ist eine selbstregulierte Handlung des Kindes geworden, aus der Koregulation eine Selbstregulation.
In der BIKO-Konzeption sind die diagnostikbasierte Setzung von adaptiven Anforderungen und die Lernunterstützung zwei der vier Qualitätsstandards wirksamer Bildungsangebote.

