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Projektbeschreibung

Das Videoportal ProVision ist im Rahmen des Projektes Videobasierte Lehrmodule als Mittel der Theorie-Praxis-Integration entstanden. Dieses ist ein Teilprojekt der Qualitätsoffensive Lehrerbildung Dealing with Diversity – Kompetenter Umgang mit Heterogenität durch reflektierte Praxiserfahrung an der Universität (WWU) Münster.  Es wird durch die bundesweite Initiative Qualitätsoffensive Lehrerbildung des BMBF  (Bundesministerium für Bildung und Forschung) gefördert. Ziel des Teilprojekts ist es, die professionelle Unterrichtswahrnehmung von Lehramtsstudierenden zu fördern. Zu diesem Zweck wurden videobasierte Lehrmodule mit den Unterrichtsvideos des Videoportals konzipiert, durchgeführt und evaluiert.

Das Videoportal ProVision ermöglicht unterschiedlichen Zielgruppen aus der inner- und außeruniversitären Fachöffentlichkeit, die im Projekt entstandenen Unterrichtsvideos und das dazugehörige Begleitmaterial zu nutzen. Zum potenziellen Nutzerkreis gehören z. B. Lehrende und Lehramtsstudierende von Hochschulen, Seminarleitungen und Lehramtsanwärter*innen der Zentren für schulpraktische Studien sowie Lehrpersonen an Schulen und Fortbildner*innen bzw. Multiplikatoren*innen. Die Unterrichtsvideos und ihre Begleitmaterialien können in der Aus- und Weiterbildung von (angehenden) Lehrpersonen zur Veranschaulichung prototypischer Unterrichtssituationen und zur Förderung der professionellen Unterrichtswahrnehmung verwendet werden.

Professionelle Unterrichtswahrnehmung  bezeichnet die Kompetenz, lernrelevante Ereignisse im Unterrichtsverlauf zu erkennen und theoriegeleitet zu interpretieren (Sherin, 2007). Seidel und Mitarbeiter (Seidel, Blomberg & Stürmer, 2010) haben diesen Begriff als Übersetzung des international diskutierten Konzepts der „professional vision“ (Sherin, 2007) geprägt. Die professionelle Unterrichtswahrnehmung ist eine wesentliche Voraussetzung für ein adaptives und effizientes Lehrerhandeln im Unterricht.

Ausgangspunkt für den Aufbau dieses Videoportals ist die vielfach attestierte mangelnde Theorie-Praxis-Integration in der Lehrerbildung (Czerwenka & Nölle, 2011). Sie ist u. a. auch durch eine begrenzte Verfügbarkeit von realen Unterrichtssituationen in der Lehrerbildung bedingt, an denen eine theoriebasierte Reflexion von Unterricht eingeübt werden kann. Der methodische Ansatz, hierfür mit Unterrichtsvideos zu arbeiten, hat sich bereits vielfach als effektives Mittel der Theorie-Praxis-Integration erwiesen (Blomberg et al., 2013; Sherin & van Es, 2002). Empirische Studien auch der Betreiber dieses Videoportals konnten zeigen, dass der Einsatz von Videos in der universitären Lehrerbildung die professionelle Wahrnehmung und Reflexion lernrelevanter Unterrichtssituationen hinsichtlich effektiver Klassenführung (Hellermann, Gold & Holodynski, 2015) und Lernunterstützung (Sunder, Todorova & Möller, 2016) zu fördern vermag.

Das Teilprojekt Videobasierte Lehrmodule als Mittel der Theorie-Praxis-Integration  untergliedert sich in sechs fachgebundene Projekte, in denen Unterrichtsvideos aus den zugehörigen Schulfächern Deutsch, Geographie/Erdkunde, Mathematik, Sachunterricht, Sport und berufliche Pflegeausbildung professionell erstellt wurden. Unter Nutzung dieser Videos wurden videobasierte Lehrmodule konzipiert, durchgeführt und evaluiert. Das übergreifende Ziel der fachgebundenen Projekte ist, die professionelle Wahrnehmung von Studierenden hinsichtlich des kompetenten Umgangs mit einer heterogenen Schülerschaft im jeweiligen Fach zu fördern.

Die Förderung eines kompetenten Umgangs mit einer heterogenen Schülerschaft ist auch thematischer Schwerpunkt der Qualitätsoffensive Lehrerbildung Dealing with Diversity an der WWU Münster. Der Bedarf an einer Optimierung eines solchen Umgangs zeigt sich in den Ergebnissen großangelegter Schulleistungsstudien (Maaz & Baumert, 2012; Prenzel & Burba 2006). Eine Reihe konkreter politischer Maßnahmen und Initiativen (European Agency, 2014; BMAS, 2011) zielen darauf, diesen Optimierungsbedarf zu erfüllen. Dabei stehen diverse Heterogenitätsfacetten von Schülerinnen und Schülern im Fokus (z. B. soziale Herkunft, Migrationshintergrund, Geschlecht, Lernvoraussetzungen).

Den fachgebundenen Lehrveranstaltungen wurde jeweils einer der folgenden heterogenitätsbezogenen Analyseschwerpunkte zu Grunde gelegt:

  • Klassenführung in heterogenen Klassenverbänden (Mathematikunterricht, berufliche Pflegeausbildung)
  • Kognitiv aktivierende Lehr-Lern-Kultur im Mathematikunterricht
  • Allgemeine Lernunterstützung im Geographieunterricht
  • Sprachsensible Lernunterstützung im Sachunterricht
  • Lernunterstützung im Lesestrategietraining (Deutschunterricht)
  • Gleichberechtigte Teilhabe im Sportunterricht


Grundlage für die Arbeit mit Videos in den einzelnen Lehrveranstaltungen bilden die professionellen Videoaufzeichnungen von Unterricht in den genannten sechs Schulfächern, bei denen der Umgang von Lehrpersonen mit heterogenen Schülerschaften beobachtet und analysiert werden kann. Die Konzeption und Durchführung der Videoaufnahmen sowie die schnitttechnische Aufbereitung der Videos erfolgte in enger Abstimmung mit den beteiligten Fachdidaktiken und Bildungswissenschaften mit dem Ziel, das Material dem jeweils zugrundeliegenden Analyseschwerpunkt entsprechend optimal aufzunehmen und aufzubereiten. Das projekteigene Videoteam, das bei aufwendigeren Aufnahmen durch Mitarbeiter des ZIV Servicepunkt Film ergänzt wurde, setzte dabei bis zu sechs synchronisierte Kameras und bis zu 24 einzelne Mikrofone (eins für jeden Schüler und jede Schülerin) ein.


Literatur:

Blomberg, G., Renkl, A., Sherin, M. G., Borko, H., & Seidel, T. (2013). Five research-based heuristics focusing video in preservice teacher education. Journal for Educational Research Online, 1, 417-426.

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) (2011). Übereinkommen der Vereinten Nationen über Rechte von Menschen mit Behinderungen. Erster Staatenbericht der Bundesrepublik Deutschland. Verfügbar unter http://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/staatenbericht-2011.pdf? [Zugriff am 04.06.2018].

Czerwenka, K., & Nölle, K. (2011). Forschung zur ersten Phase der Lehrerbildung. In E. Terhart (Hrsg.), Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf (S. 362-380). Münster: Waxmann.

European Agency for Special Needs and Inclusive Education (Eds.). (2014). Profile of Inclusive Teachers. Verfügbar unter https://www.european-agency.org/projects/te4i/profile-inclusive-teachers [Zugriff am 04.06.2018].

Hellermann, C., Gold, B., & Holodynski, M. (2015). Förderung von Klassenführungsfähigkeiten im Lehramtsstudium. Die Wirkung der Analyse eigener und fremder Unterrichtsvideos auf das strategische Wissen und die professionelle Wahrnehmung. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 47, 97-109.

Maaz, K. & Baumert, J. (2012). Risikoschüler in Deutschland. In S. G. Huber (Hrsg.), Jahrbuch Schulleitung 2012. Befunde und Impulse zu den Handlungsfeldern des Schulmanagements (S. 77–89). Köln: Carl Link.

Prenzel, M. & Burba, D. (2006). PISA-Befunde zum Umgang mit Heterogenität. Kindern gerecht werden. In G. Opp, T. Hellbrügge & L. Stevens (Hrsg.), Kontroverse Perspektiven auf Lernen in der Kindheit (S. 23-33). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Seidel, T., Blomberg, G., & Stürmer, K. (2010). «Observer»: Validierung eines videobasierten Instruments zur Erfassung der professionellen Wahrnehmung von Unterricht. In E. Klieme, D. Leutner, & M. Kenk (Hrsg.), Kompetenzmodellierung. Zwischenbilanz des DFG-Schwerpunktprogramms und Perspektiven des Forschungsansatzes (56. Beiheft der Zeitschrift für Pädagogik) (S. 296–306). Weinheim: Beltz.

Sherin, M. G. (2007). The development of teachers' professional vision in video clubs. In R. Goldman, R. Pea, B. Barron & S. J. Denny (Eds.), Video research in the learning sciences (pp. 383–395). Mahwah, NJ: Erlbaum.

Sherin, M. G. & van Es, E. A. (2002). Learning to notice: Scaffolding new teachers’ interpretations of classroom interactions. Journal of Technology and Teacher Education, 10, 571-596.

Sunder, C., Todorova, M. & Möller, K. (2016). Förderung der professionellen Wahrnehmung bei Bachelorstudierenden durch Fallanalysen. Lohnt sich der Einsatz von Videos bei der Repräsentation der Fälle? Unterrichtswissenschaft, 44, 339 - 356.