Exlibris 3

Wissenschaftsgeschichte als Buchgeschichte


Ein Exlibris (lat. „aus den Büchern“, sinngemäß: „aus der Bibliothek“) ist ein Buchbesitzzeichen, meist in Form eines kleinformatigen Blattes, das den Namen oder die Initialen des Bucheigners – ggf. auch des Schenkers oder Exlibristen – trägt und in den Bucheinband eingeklebt wird. Exlibris können farblich und motivisch aufwendig gestaltet sein,
es gibt verschiedene Formate und Herstellungstechniken. [7]

Grob unterschieden wird zwischen Gebrauchs- und Kunstexlibris, letztere wurden seit 1900 zum beliebten Sammlungsgegenstand. [8]

Zur Zeit der Buchkunstbewegung ab 1890 wurden nicht nur aufwendige Buchillustrationen populär. Eine wachsende Anzahl von Bibliophilen – darunter viele Akademiker – ließen sich zur individuellen Kennzeichnung und Verzierung kostbarer Bücher aus der Privatbibliothek personalisierte Exlibris anfertigen. [9] Auch kam es zur Gründung mehrerer Exlibris-Vereinigungen, etwa der Deutsche Exlibris Verein in Berlin, gegründet 1891. [10] Auch Museen begannen, Exlibris zu sammeln.

Bei der Gestaltung personalisierter Exibris war und ist die Verschlüsselung von „[Hinweisen] auf Vorlieben, den sozialen Status oder die Biographie des Besitzers“ [11] von Bedeutung. Namhafte Künstler machten Exlibris zu kleinen Kunstwerken; besonders raffiniert gestaltete Exlibris wurden in Vereinszeitschriften veröffentlicht und diskutiert. [12] Otto Lauffer erteilte den Exlibris-Auftrag an einen jungen Künstler, Arnold Haag, geboren 1885. Haag, Absolvent der Akademie der Bildenden Künste in München, war zwar kein etablierter Exlibris Künstler, engagierte sich jedoch in der Buchkunstbewegung: So hatte der Maler und Grafiker Haag für den Münchner Verlag der Jugendblätter 1908 eine Ausgabe des Swift-Klassikers „Gullivers Reisen nach Liliput und Brobdingnag“ illustriert und arbeitete für die avantgardistische Kunst- und Literaturzeitschrift „Jugend“. [13, 14]
Im Jahr 1913, als Otto Lauffers Bücherzeichen entstand, befand sich die Buchkunstbewegung auf ihrem Höhepunkt. Mit dem Exlibris kennzeichnet der 39jährige Wissenschaftler – dessen Großvater übrigens Buchhändler war [15] – eine (wissenschaftliche) Büchersammlung und markiert zugleich seinen Gelehrtenstatus. Die Verwendung einer lateinischen Sentenz untermauert diesen Status – war Latein doch Gelehrtensprache und gehörte zum Anwendungsgebiet der Altphilologie. Altphilologen gehörten im Kaiserreich zur gesellschaftlichen Oberschicht; ihre Stellung leiteten sie vom neuhumanistischen Bildungshintergrund ab. [16]
„Labor ipse voluptas“ – „Arbeit selbst ist ein Vergnügen“ – ist eine sprachliche Variante von „Labora et voluptas“, einem auf Exlibris häufig verwendeten Sinnspruch. [17] Der semantische Bezug dieser Wendung zum Arbeitsfleiß der Bienen wirkt wie eine ironisierte Kommentierung des Wissenschaftlerdaseins. [18]

Die Verwendung des Bienenkorbmotivs im Exlibris ist kein Einzelfall. Doch ist es die Entstehungszeit sowie das (wissenschaftliche) Milieu des Auftraggebers, das den Unterschied macht. Eine Kombination aus Buch und umherfliegenden Bienen, jedoch ohne Bienenkorb, findet sich im Exlibris der Bibliotheca Grundig. Bienen bzw. Bienenkörbe wurden, laut Aufzeichnungen in der Österreichischen Exlibris-Bibliographie aus dem Jahr 2004 [19] insgesamt über zehn Mal verwendet, jedoch – so gilt es hinzuzufügen, nie in Lauffers motivischer Zusammenstellung. Die Auftraggeber aus dem 17. oder 18. Jahrhundert waren Geistliche, Naturforscher oder Juristen.

Eine weitere Funktion, die das Exlibris erfüllen kann, ist mit der eines Bibliotheksstempels vergleichbar, wie man ihn aus Büchern in öffentlichen Leihbüchereien kennt. Beide Bücherzeichen sind für die Ermittlung der Provenienz von großer Bedeutung. [20]

Bücher, Bienen und Natur