Quellort der Kirche

14. So A: Mt 9,36-10,8   

                        
I
Das Apsisbild in der Kirche meiner Heimatgemeinde ist nichts Besonderes. Es entstand 1927, in der Zeit, da man in der Sakralkunst durch einen strengen Realismus Abstand zum Nazarener-Stil der Epoche vorher suchte. Überlebensgroß füllt ein Christus im Brustbild den oberen Teil der Rundung – umgeben von stilisierten Engelscharen, darunter im Halbkreis nebeneinander die Apostel und Evangelisten. Und genau dort, wo die himmlische und irdische Sphäre zusammenstoßen, steht ein Vers aus dem Matthäus-Evangelium, aus der Passage, die wir eben gehört haben. In der damals gebräuchlichen Übersetzung lautet sie: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

II
Je mehr ich ins Evangelium und auch in die Fragen der Theologie hineinwuchs, desto bedeutsamer ist mir dieses Bild geworden, bis heute. Wenn ich es anschaue, sagt es mir: Jenes Herrenwort, das die Geplagten und Beladenen zum Ausruhen einlädt, ist der Kirche – symbolisiert durch die Zwölf und die Evangelisten – buchstäblich auf die Schultern gelegt, also auferlegt als ihre Wesens-Aufgabe. Eben damit aber macht mir dieses Bild auch anschaulich, was im heutigen Evangelium steht.

III
So weisen mich diese Verse aber zugleich zurück auf jene Szene, da alles anfing mit der Jüngerschaft Jesu, also auf die Berufung und Beauftragung der Apostel. Wenige Seiten vor dem heutigen Evangelium überliefert uns Matthäus Jesu sogenannte Aussendungsrede, nach der Bergpredigt die zweite Redekomposition, in der der Evangelist verdichtet, was er über Jesus, seine Absicht und sein Geheimnis weitersagen will. Und so wie bei der Bergpredigt kann man auch diese Rede nur recht verstehen, wenn man ihre ersten Worte genau genug betrachtet. Die lauten: Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen.

Mitleid also das ist der Grund für alles, was folgt: die Worte von der großen Ernte und den wenigen Arbeitern, die Bevollmächtigung und Aussendung der Jünger, die Regeln, die sie dafür mit auf den Weg bekommen – also das Wichtigste, was Matthäus über die Kirche zu sagen hat. Aus guten Gründen gilt das Matthäus-Evangelium seit je als das Evangelium von der Kirche, kein anderer der Evangelisten hat sich so intensiv mit der Gemeinschaft der Jesusleute befasst. Es versteht sich von selbst, dass Matthäus an einer so zentralen Stelle seines Evangeliums nicht einfach auf eine Gefühlsregung Jesu neben anderen rekurriert. Entsprechend wichtig wird man nehmen müssen, dass der Evangelist Mitleid für den Ursprung der Kirche hält – gerade so, wie es die Einladung an die Mühseligen und Beladenen zum Ausdruck bringt.

Um dessen wirklich inne zu werden, müssen wir hinter unser Wort „Mitleid“ zurückgehen, so nahe wie möglich an den jesuanischen Originalton heran. „Mitleid“ klingt im Grunde viel zu gefühlhaft, zu ungeschützt dagegen, dass sich Momente von Äußerlichkeit und Überhobensein einschleichen. Ganz anders im Hebräischen und Aramäischen, das Jesu Muttersprache war. Sein Wort für Mitleid heißt „rechamim“ – und das kommt von „rechem“ – Mutterschoß. Mitleid hat, wer jemandem so gut ist, dass er ihn am liebsten gegen alle Unbill mit dem eigenen Leibe schützte und nährte, ja in sich selber bergen möchte; wer, was dem anderen aufgeladen ist, am liebsten selber trüge. Mitleid haben heißt: für den anderen mit allem, was man selber ist und hat, einstehen und aufkommen.

Wenn Matthäus von Jesus sagt, er habe Mitleid gehabt, dann erschöpft sich, was er damit meint, aber auch nicht in dieser Grundhaltung elementarer Menschlichkeit. Denn alles, was der Evangelist vom Menschen Jesus sagt, steht zugleich in einer auf Gott hin geweiteten Dimension. Jesus ist für Matthäus der „Immanuel“, der Gott-mit-uns. So stellt ihn auch das eingangs erwähnte Bild meiner Heimatkirche dar. Nicht als Pantokrator, nicht als Triumphator, nicht als Weltenrichter, sondern mit weit geöffneten Armen, die alle und alles aufnehmen und ans Herz drücken möchten. In Worte unserer Sprache von heute übersetzt: Jesus gilt dem Evangelisten als lebendiges Gleichnis Gottes in Menschengestalt: Was Jesus sagte, was er tat, wie er war, so ist Gott. Im Mitleid-Haben Jesu kehrt sich darum das Innerste Gottes in das Äußere einer menschenmöglichen Wahrnehmbarkeit. In ihm teilt Gott sich selbst von Wesen mit. Offenbarung heißt der alte Name dafür.

IV
Und genau in diesem Akt der Entäußerung des Innersten Gottes nimmt – etwas kühn, aber durchaus matthäisch gesagt – die Kirche ihren Anfang. Weil er Mitleid mit den verstreuten und erschöpften Menschenkindern hat: verstreut, weil sie nicht wissen wohin; und erschöpft von dem, was ihnen das tägliche Bestehen abverlangt, – darum sendet er die Zwölf aus, die er um sich gesammelt hatte als Sinnbild der Neusammlung des Volkes Israel.

Kirche ist ein Reflex – Widerspiegelung – des Erbarmens Gottes mit uns im Gleichnis menschlichen Erfahrens. Sie ist innerstes Moment dessen, was das Besondere des biblischen Gottesbildes ausmacht. Darum haben Glaubende Grund, von Kirche mit Dankbarkeit und Achtung zu sprechen. Das ist manchmal nicht leicht, zumal in den letzten eineinhalb Jahren, wo so viel Schlimmes aus der jüngeren Geschichte auch unserer Kirche in Deutschland auf einmal ans Licht kam. Denn von jenem theologischen, jenem geistlichen Ursprung der Kirche her ist auch ein Maßstab aufgerichtet, an dem sich alles messen lassen muss, was in der Kirche geschieht, und genauso alle, die in dieser Kirche wirken. Niemand wird in der Kirche mit Berufung auf Jesus etwas tun können, das nicht mit jenem ihrem Ursprung – der barmherzigen Anteilnahme Gottes selbst am Geschick seiner Geschöpfe – in Einklang stünde. Natürlich braucht es menschliche Regeln, wie überall, wo Menschen einander in ihrer Verschiedenheit begegnen und miteinander zugange sind. Aber schon an der Praxis der Regelbefolgung muss Kirche ihre eigene Herkunft aus jesuanischem Mitleiden bewähren. Und wie anders sollte solche Bewährung geschehen als dadurch, dass man die durchaus anspruchsvollen Prinzipien christlicher Lebensführung so hochhält, dass man im begründeten Sonderfall auch einmal unter ihnen hindurch kann? Nicht nur bei Bagatellmaterien, sondern genauso, wenn es um Trennung von Partnern, um Abtreibung, um Laisierung von Priestern, um ein menschenwürdiges Lebensende geht. Genau das – und noch manches andere mehr – fällt doch in ebenjenen Bereich, wo Menschen sich buchstäblich verlieren, wo sie verstört werden und manchmal sich selbst zerstören bei dem Versuch, endlich ein Leben zu finden, das verdiente, ihr eigenes genannt zu werden.

V
Matthäus hat, als er mit dem heutigen Evangelium die geistliche Grundlegung der Kirche zu Papier brachte, nicht gezögert, die Jünger durch Jesus mit schier Unglaublichem beauftragt werden zu lassen: Sie sollten, sagte er, die Nähe des Himmelreiches vergegenwärtigen, indem sie Kranke heilten, Tote auferweckten, Aussätzige wieder in die Gesellschaft integrierten und Dämonen, also alles, was unfrei macht, vertrieben. Damit hat der Evangelist in Sprachbildern seiner Zeit der Kirche – versehen mit jesuanischer Autorität – das Wunderbare als Wesensmoment ins Stammbuch geschrieben. Für einen Ausrutscher aus dem Überschwang des Anfangs ist das Matthäus-Evangelium viel zu spät geschrieben. Sein Verfasser wollte wohl sagen:

Zu Kirche gehört eine Weise menschlicher Zuwendung, in der etwas von jener unbedingten Menschenliebe Gottes ahnbar wird, für die Jesus in erster Person einsteht. Die aber ist von Wesen wunderbar. Und – realistisch gefragt – kann es sie anders überhaupt geben? Mir will scheinen: Dass andere zum Beispiel neidlos – neidlos! und also ohne jeden Hintergedanken – anerkennen, eines Menschen Lage mache nötig, ihm gegen alle ansonst geltenden – und zu Recht geltenden – Prinzipien einen neuen Weg aufzutun, etwa in einer endlich gelungenen Partnerschaft nach einer zerbrochenen Beziehung, ist ungefähr soviel wie einen Toten wieder ins Leben zu rufen. Und manchmal mindestens genauso viel. Das Befremdliche des heutigen Evangeliums ist uns weit näher, als das eingespielte Kirchentum zulassen möchte.

Und noch eins: Keiner kann sagen: Das Christentum ist Vergangenheit, weil es in der Kirche keine Wunder mehr gibt. Denn wenn es so wäre, trüge die Kirche einzig und allein selber schuld daran.