Von der ersten Sorge

Trauung: Mt 6,25-33 (+ Spr 3,3-6; 1 Joh 4,16b-21)

I.

Jetzt heiraten Sie. Inmitten Ihrer Familien und Freunde, inmitten auch dieser Gemeinde erklären Sie vor aller Augen und Ohren, dass Sie ab jetzt ganz offiziell ihr ganzes Leben lang zusammen gehören und einander treu sein wollen. Und auch, dass Sie füreinander Sorge tragen und einander helfen. Das versprechen Sie sich. Und dieses Versprechen geben Sie sich in Gottes Namen: Trag diesen Ring im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, werden Sie hernach sagen.

II

Gottes Namen nennen Sie nicht, um Ihr Versprechen festlicher zu machen, und auch nicht, um hervorzuheben, was dieses Ihr Ja-Wort wiegt. In Gottes Namen trauen Sie sich einander an, weil anders als in Gottes Namen Menschen einander gar nicht trauen und einander gut sein können, gut sein zumal auf eine Weise, die sich unabhängig weiß von Gefühl und Stimmung bloß. Keiner von uns – wir müssen ehrlich sein – kann ja die Hand ins Feuer legen für sich, für seine schönsten Gefühle nicht einmal. Ein Wort der Treue ehrlich sprechen kann darum nur der, der weiß, dass dieses Wort auf einem Grund steht, den er ihm nicht selbst geben muss, geben kann.

III.

Dieser Grund ist uns geschenkt. Er ist das Ja-Wort, das Gott zu uns spricht. Er spricht es, bevor wir noch den ersten Atemzug tun. Und er spricht es dadurch, dass es uns gibt – jeder und jede so, wie er ist. Sein Versprechen, für uns der Treue und Verlässliche zu sein, – dieses sein Ja zu uns heißt in Menschenwort übersetzt: Sei Du Du. Ich will, dass Du bist. – Von einem wollen, dass er sei – und so sei, wie er ist –, das heißt, ihm sagen: ich liebe dich.

Nur wer sich selbst von Gott, dem Verlässlichen, so bejaht glaubt – Gottvertrauen sagen wir dafür – , nur der kann ja sagen zu sich selbst und zu anderen neben sich. Von selbst verstehen Sie jetzt, dass Ihr Ja-Wort, das sich für ein ganzes gemeinsames Leben zu verbürgen wagt, – dass das gar nicht anders ehrlich und ernstgemeint sein kann als dadurch, dass es sich auf das Ja-Wort Gottes stützt. Wenn und weil Sie Gott trauen, können Sie einander trauen. Trauen, dass nichts, was Ihre Zukunft bringen mag – Glück und Not und Freude und Sorge – ,dass nichts die Macht hat, sie zu trennen, weil Sie wissen, dass in allem, und besonders auch in dem, was dunkel und schwer zu sein scheint, der zu Ihnen steht, dem Sie zutrauen, der Treue zu sein.

IV.

Wenn zwei Menschen so aus Gottvertrauen ihr gemeinsames Leben beginnen, dann werden sich ihrem Tun und Lassen Spuren einzeichnen, die etwas erahnen lassen von dem Grund, auf den sie sich eingestellt haben. Jedenfalls weiß das Evangelium darum, dass der Glaube nicht nur nicht folgenlos bleibt, sondern einen Menschen gerade in dem formt, was sein Tiefstes, sein Wesen ausmacht. Und dieses unser Wesen als Menschen ist: die Sorge. Nicht nur, das wir uns nicht selbst ins Dasein bringen. Auch über sein Ende bestimmen wir nicht. Und in der Spanne dazwischen, die uns gegeben ist, müssen wir uns erhalten. Darum sorgen wir uns um uns. Wir haben nicht nur Sorgen, diese und jene. Wir sind Sorge. Immer. Sobald uns nicht mehr das Überleben Sorge macht, halten uns andere Sorgen in Atem: um Ansehen und Aussehen mühen wir uns, am Wohlstand ist uns gelegen, Ehre und Karriere fordern die Kräfte. Und dass es uns gut geht, darauf achten wir. Weil wir von all dem erwarten, es werde unserm Leben Geschmack geben, Geschmack, der uns mit ihm, mit uns zufrieden sein lässt.

Was braucht der Mensch dazu, dass er so zufrieden wird? Jedes gelebte Leben antwortet auf diese Frage. Aber treffen alle Antworten, die gegeben werden, das, was sie eigentlich meinen? Ich bin Seelsorger; oft und oft habe ich mit Menschen zu tun, die unglücklich sind, viele von ihnen krank. Krank an sich selbst, weil eine unüberwindliche Kluft liegt zwischen dem, was sie sein möchten oder was man ihnen eingeredet hat, dass sie sein sollen, und dem, was sie in Wahrheit sind. Sie sind nicht daheim bei sich, das ist ihr Elend. Und die Mühen und Sorgen, die sie sich täglich machen, führen sie immer nur weiter fort von dem, was sie eigentlich suchen.

V.

Einen Weg nur gibt es, der hinausführt aus diesem Teufelskreis. Jesus sagt es so: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt...und darum, das ihr etwas anzuziehen habt. Seht euch die Vögel des Himmels an: sie säen nicht und ernten nicht;... euer himmlischer Vater ernährt sie... Lernt von den Lilien…: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. – So kann nur einer reden, der zuinnerst weiß, was Gottvertrauen ist. Weil nur, wer sich ganz aufgehoben weiß bei dem, von dem er herkommt und auf den er zugeht, – weil nur so jemand überhaupt wahrnimmt, dass auch noch das bloße Dasein der Tiere von einem tiefen Geheimnis kündet und wie herrlich Lilien sind, einfach dadurch, dass es sie gibt. So unbeschwert durchs Leben kommen wie Vögel, die bald hier, bald da etwas finden, die heute wenig und morgen im Überfluss haben, die nicht horten und hasten, weil sie gar nichts wissen von einer Sorge, was denn morgen kommen könnte; und so selbstverständlich da sein und im Überschwang prangen wie eine wild blühende Lilie, die keiner am Feldrand erwarten würde, – das war es doch, was damals Menschen in Bann schlug an diesem Jesus.

Jesus verrät uns auch sein Geheimnis, wodurch er so ist, wie er ist, und wie einer wird, was das Gleichnis von den Vögeln und den Lilien meint: ... fragt nicht, was ihr essen und was ihr trinken sollt, und ängstigt euch nicht! Denn um all das geht es den Heiden in der Welt, – denen, die von Gott nichts wissen. Euer Vater weiß, dass ihr das braucht. Euch jedoch muß es um sein Reich gehen; dann wird euch das andere dazugegeben. Das ist eine Antwort, die passt zu dem, als was wir uns erfahren: dass wir vergänglich sind und nicht über uns selbst verfügen. Diese Antwort heißt: Gottvertrauen – dass es niemanden gibt und nichts, was uns trennen könnte von dem, der "ja" gesagt hat zu uns. Denn Furcht ist nicht in der Liebe, sagt der Erste Johannesbrief dafür - ein Wort so in die Mitte unserer Seele gesprochen, dass Menschen – gestützt auf diesen Zuspruch – es wagen dürfen miteinander in allem. Wer Gott so traut, dem geht es um das Gottesreich. Und er findet von selbst, was er braucht. Denn dies Vertrauen macht hellsichtig für alles, was an Schätzen und Geschenken auch noch im scheinbar so banalen Alltag verborgen liegt.

VI.

Sie beide möchten als Eheleute Christen sein und heiraten darum einander in Gottes Namen. Das bedeutet also: Sie bekennen, dass das Gottesreich für Sie die Mitte und Ihr Grund sein wird, und dass Sie vertrauen, alles andere, was auch wichtig ist, wird von selbst kommen. Erinnern Sie sich künftig immer wieder gegenseitig an dieses Bekenntnis! So schützen sie die Liebe und Treue, die sie einander aufs Herz geschrieben haben. Man vergisst das Fundament so leicht zwischen den vielen sogenannten guten Ratschlägen und dem Schwall geschwätzigen Geredes, dem wir ausgesetzt sind. Aber wenn Sie dem Versprechen treu bleiben, das Sie heute nicht nur einander, sondern miteinander auch dem geben, in dessen Namen Sie Ihr Ja-Wort sprechen, dann werden Sie überrascht sein, was er alles bereithält, um es Ihnen gratis – aus Gnade – hinzuzugeben zum Gottesreich. Ein Leben lang werden Ihnen Geist und Sinne geschenkt sein, die nicht unfähig werden, sich bezaubern zu lassen. Empfindsam werden Sie bleiben für alles, was menschlich ist und menschlich macht. Für das Lachen und das Weinen, für das Schweigen und für die Leidenschaft, die nicht duldet, bezähmt zu werden. Und in all dem werden Sie die Güte dessen erahnen, der hinter dem steht – und auch hinter Ihnen selbst als der, der sagt: ich will, dass es euch gibt. Darum haben Sie Grund, jetzt Dank zu sagen: füreinander und miteinander dafür, daß Sie sorglos sein dürfen. Und wenn Sie manchmal spazieren gehen und Feldblumen oder die Vögel draußen sehen, dann denken Sie daran: Sie sind ein Gleichnis. Für Sie – und darum für den, in dessen Namen Sie einander angetraut sind.