Wort von drüben

5. Sonntag C: Lk 5,1-11

I.

Es gibt bald keine Zeitung mehr, die nicht ein Horoskop brächte: Die Bild-Zeitung eines für jeden Tag, andere stellen eines für die Woche oder den Monat auf. An den Sternen sollen wir ablesen können, was wir zu erwarten haben: beruflich und finanziell, in der Liebe, im Leben überhaupt. Es gibt Leute, die gehen tagelang nicht aus dem Haus, weil sie in der Zeitung gelesen haben, ihre Sterne stünden derzeit nicht so günstig.

Neulich hat sich einer die Mühe gemacht, solche Horoskope näher anzuschauen. 152 Voraussagungen wurden zum Jahreswechsel 2002/03 für das folgende Jahr gemacht. 104 waren total daneben. Die restlichen 48 waren so allgemein formuliert, dass sie gar nicht falsch sein konnten, z. B.: auch 1991 wird es Umweltkatastrophen geben. Kunststück, das vorauszusagen! Wann immer ein Hellseher eine genaue Behauptung mit Ort, Datum oder Name wagte, täuschte er sich. Das Erstaunlichste an der ganzen Sache aber: Die Sterngucker können sich irren soviel sie wollen – die Leute glauben weiter ans Horoskop.

II.

Das hat einen einfachen Grund. Wir Menschen sind uns selbst einfach nicht genug. Im Tiefsten weiß jede und jeder, wie wenig er über sich verfügt. Darum suchen wir nach Verlässlichem. Doch Verlässliches steht uns nicht zu Gebot. Es muss von anderswoher kommen, von jenseits dessen, wo wir stehen. Auch noch von jenseits der Sterne. Denn die reden nicht. Jenseits der Sterne, diesem Sinnbild des Unerreichbaren für uns, jenseits von ihnen ist nur noch der, der auch sie geschaffen hat. Und wäre nicht am verlässlichsten das, was der sagt, der sogar noch über den Sternen steht?

III.

Genau das meinen die Christinnen und Christen. Und Gott – so sind sie überzeugt – spricht nicht auf rätselhafte Weise zu ihnen, dass Fachleute ihnen erst wieder entziffern müssten, was er sagt. Sondern Gottes Wort ergeht in den Worten, im Tun und Lassen eines ihresgleichen, im Reden und Leben Jesu von Nazaret. Seine einfache Predigt, seine kurzen Gleichnisse, seine menschlichen Gesten der Güte, des Mitleids, der Freude, der Trauer sind Gleichnisse der Botschaft von drüben, von dort, wohin unsere Gedanken nicht reichen und von wo dennoch die verlässlichste Wahrheit unseres Lebens herrührt. Das bringt uns Lukas heute nahe in dem Bild, wie Jesus von einem Boot aus den Menschen predigt, die nach Gottes Wort verlangen. Jesus ist ihnen ganz nahe - und doch anderswo als auf dem Boden, auf dem seine Hörer stehen, nicht weit weg – und doch spricht er von jenseits dessen, wo sie sich befinden. Der See, das Meer, von dem her Jesus predigt, ist für den biblischen Menschen immer Sinnbild des Unbeherrschbaren, Erinnerung an die Urmächte, denen kein Mensch gewachsen ist und denen allein Gott Einhalt gebietet, dass sie uns nicht verschlingen – die Schöpfungsgeschichte, die Psalmen, das Buch Jona wissen davon. Die Oberfläche des Sees, diese gebändigten Mächte sind gleichsam die Kanzel, von der aus Jesus spricht.

IV.

Reden freilich tun viele und behaupten, sie wüssten, worauf es ankommt im Leben. Dieser Jesus aber redet nicht nur, er beglaubigt auch, was er sagt. Nach der Seepredigt fordert er den Simon, den Bootsbesitzer, auf, ins tiefe Wasser hinauszufahren und die Netze auszuwerfen. Simon ist skeptisch. Die ganze Nacht schon haben er und seine Freunde geschuftet, ohne etwas zu fangen. Wie sollten sie da jetzt, in der Taghitze zu etwas kommen, wo sich die Fische erfahrungsgemäß versteckt halten und nicht vom Platz rühren? Ein sinnloses Unterfangen. Das sagt der nüchterne Simon auch geradeaus. Doch er fügt hinzu: Weil du es sagst, werden wir die Netze nochmals auswerfen. Obwohl ihm verrückt vorkommen muss, was Jesus ihm sagt - er hört dennoch auf ihn. Genau das - will uns Lukas sagen - ist das Erste für einen Menschen, der das Evangelium ernst nimmt: Dass er zuerst sich selber Jesu Wort anvertraut, und nicht dem eigenen Kalkül von Nutzen und Zweck, selbst wenn er es gut meint. Denn gerade im menschlich Aussichtslosen - gerade in ihm - will Gottes Wirken Wunder tun. Die christliche Widerstandsgruppe, die gewaltlos und mit Geduld aus Glauben Symbole des Widerstands setzt gegen Projekte politischen oder wirtschaftlichen Größenwahnsinns, - sie tut nichts Vergebliches. Ein Pfarrer, der unbeirrbar seiner Gemeinde geistliche Brunnen schlägt statt hektischen Aktivismus zu inszenieren, der sich dabei nicht durch den Rückgang der Gottesdienstbesucher, auch nicht durch die Geistlosigkeit der Pastoralpläne aus seinem Ordinariat entmutigen lässt und nicht auf den Erfolg schielt - er wird Menschen in das Geheimnis Gottes einführen, nicht der, der mit ein paar flotten Bonmots schnelle Sympathien erheischt. Immer dort, wo Menschen um Gottes Willen Dinge tun, die sich in Menschenaugen nicht auszahlen - dort zuerst bricht Gottes Reich auf. Das ist Gottes Art - und wir ahnen dabei etwas von der Unbezahlbarkeit der Gnade. Das ist der ganzen Kirche seit dem Fischfang des Petrus und seiner Gefährten ins Stammbuch geschrieben.

V.

Petrus hat dabei spontan erkannt: Was Menschen auf Jesu Wort hin und in seiner Kraft zu wirken vermögen, kann nicht anders als Wunder heißen. Er fällt vor dem Herrn nieder und bekennt sich als Sünder. Damit gibt er kund: Was durch ihn geschieht und später erst geschehen wird, verdankt sich nicht seiner Größe und seinem Vermögen. Im Gegenteil: Im Glanz des Wunders der Gnade sieht er schärfer denn je, was er selber ist - und bleibt: ein Mensch mit Fehlern und Schwächen, der trotz seiner Nähe zum Herrn mit Gott und dem Glauben auch weiter seine Not hat. Aber: gerade als diesen Simon holt ihn Jesus in seinen Dienst. Er verheißt ihm nicht: du wirst nicht mehr sündigen, sondern: Von jetzt an wirst du Menschen fischen - als der, der du bist. Fürchte dich nicht! Gott will sein Reich gerade durch das Durchschnittliche, Normale ins Werk setzen - durch schuldgefährdete Menschen. Das ist so etwas wie ein Markenzeichen der Kirche, das den Simon und seine Gefährten fast erschreckend staunen lässt, weil Gottes Wirken ihnen in ihrem ureigenen Lebensbereich so direkt begegnet.

Das eigentliche Wunder besteht darin, dass sich Simon und seine Freunde wirklich nicht mehr fürchten, dass sie tatsächlich die Boote an Land ziehen, alles zurücklassen und ihm nachfolgen. Sie wagen den apostolischen Dienst um des Reiches Gottes willen. Wort und Zeichen Jesu haben diesen Neuanfang gewirkt. Ihm verdanken sich Glaube und Kirche im ganzen. Vom Hören auf Jesu Wort wider alles Scheinen und Vermeinen zehren sie - und davon, dass Gott uns auch noch als Sünder brauchen kann. Das heißt nicht, wir könnten darauf sündigen und tun, was wir wollten, weil´s Gott schon wieder richten wird. Aber es bedeutet: dass das Werk der Gnade durch keine Schuld vereitelt wird. Wir Christen dürfen unser Versagen als Kirche - egal auf welcher Ebene - niemals beschönigen oder umlügen ins Gegenteil. Aber wir brauchen uns auch niemals zu ängstigen, Schuld und Sünde könnten den Aufbruch des Reiches Gottes endgültig zum Erliegen bringen. In düsterer Zeit hat die Gnade, wenn es darauf ankam, sogar an der Kirche vorbei - und gerade so noch einmal auf sie bezogen - ihren Weg zu den Herzen der Menschen gesucht. Und gefunden.

VI.

Eben darum kann eigentlich gar nicht verwundern, dass Jesus, als Petrus die Kraft dieses Wortes, seine Wahrheit erlebt, einen Satz spricht, der eigentlich sprachlos machen müsste: Von jetzt an wirst du Menschen fangen. Weil ihm bei der Seepredigt und dann durch den Fischfang aufgegangen ist, wie reich Jesu Wort sein Leben macht, wie verlässlich er ist, darum kann er gar nicht anders, als dieses Wort weiterzusagen, also anderen von sich aus an diesem Schatz teilzugeben. Darum wird er Jesus-Jünger. Er lässt alles Bisherige stehen und liegen und geht mit Jesus, legt Zeugnis ab für ihn. Was dem Petrus und den anderen geschah, könnte, ja möchte uns genauso passieren. Am Anfang steht, dass wir bei unserer Suche nach dem, was trägt, ihm trauen und dem, was er sagt. Der Rest kommt von selbst.

VII.

In der Szene des heutigen Evangeliums ist darum gleichsam das Baugesetz der Kirche als ganzer festgehalten – wie ja überhaupt Lukas mit seinem Doppelwerk aus Evangelium und Apostelgeschichte – sozusagen der Evangelist der Kirche schlechthin ist, bei dem im Grunde alles, was er erzählt, auf das rechte Kirchesein hin gesprochen und durchsichtig ist. Und es scheint mir wichtig, dass wir uns manchmal so wie heute mit dem Evangelium dieses Baugesetzes ausdrücklich erinnern. Dann laufen wir nicht mehr so leicht Gefahr, die sichtbare, erlebte Kirche misszuverstehen oder uns als ihre Konstrukteure, die sich mit ihrem Gerede von Synergie und Effienz und Mobilität so aufblasen, dass sie bald nicht mehr gehen können. Das Hören auf Jesu Wort – das für ihn Ganz-Ohr-Sein, ob es mir passt oder nicht. Und das Bewusstsein, dass Bekenntnis und Vergebung Not tun, wo immer Menschen es mit Gott zu tun bekommen und an seine Heiligkeit rühren - je mehr einer Verantwortung trägt in der Kirche, desto mehr. Das zusammen macht das Elementare an der Kirche aus.

Seit Petrus ist das offen gelegt. Und Ihnen allen gilt das genauso wie mir, weil auch uns durch die Taufe der Dienst des Zeugnisses - also der Verkündigung - übertragen ist, jede und jeder, dort wo sie oder er im Leben aufgestellt sind. Hören und mit Vergebung beschenken lassen - wenn wir auf dieses Baugesetz der Kirche achten, werden wir auch die sichtbaren Linien der realen Kirche nicht mehr zu wichtig nehmen. Wir würden begreifen, dass sie bald so aussehen oder so, wie es eben gerade nötig ist. Und vor allem: würden wir beginnen, auf Jesu Wort zu vertrauen so, wie es uns das Evangelium zuspricht, und würden wir uns ernstlich als vergebungsbedürftige Sünder bekennen, dann könnten wir unter unseren eigenen Händen die Wunder Gottes geschehen lassen. Sie wären nichts anderes als konkrete Aufbrüche der Gnade und wir fingen wir an, Kirche zu werden.

Gerade weil Petrus Jesu Wort traute und weil er sich als Sünder bekannte, darf er unmittelbar darauf aus Jesu Mund hören "Fürchte dich nicht!" Das aber ist nichts anderes als eine Vergebungszusage, das Wort, das besiegelt, dass Gott und Mensch versöhnt sind – der österliche Jesus wird im Johannesevangelium später mit genau den gleichen Worten die Jünger ansprechen, die sich voller Angst verbarrikadiert haben, und sie damit zu ihrem missionarischen Osterglauben befreien. Wer das nachvollziehen kann, dass Kirche im Grunde aus nichts anderem besteht als aus dem Hinhören auf Jesu Wort und der Annahme zugesagter Versöhnung, dem oder der wird kaum schwer fallen, darüber froh zu sein, zur Kirche zu gehören und in ihr zu leben. Vielen ist das – aus vielen Gründen – fremd geworden. Das Evangelium von heute leistet eine Art Erinnerungsarbeit, diesen Ursprung wieder zu entdecken.