Mehr als gerecht: Versöhnt

Collegium Borromaeum Sommersemester 2004: 2 Kor 5, 14-20

I.

In diesen Tagen zwischen Pfingsten und dem Fest Peter und Paul kommende Woche findet in vielen Bischofskirchen Priesterweihe statt. Vor kurzem bekam ich die Einladung zum 50. Priesterjubiläum meines ehemaligen Heimatpfarrers, zu dessen Zeit ich selbst mit dem Theologiestuidum begonnen hatte. 44 waren sie gewesen in seinem Weihekurs. In meinem eigenen vor 20 Jahren waren wir 19. Heuer sind es im gleichem Bistum 7. Und vielleicht hat dieser Trend, der sich auch durch amtliches Schönreden nicht weglügen lässt, nicht zuletzt damit zu tun, dass der Kern des priesterlichen Berufsbildes auf tiefreichende Weise unklar geworden ist. Verblüffender Weise kann man diesbezüglich Klärendes bei einer Adresse finden, von der man das kaum erwarten würde: Friedrich Nietzsche.

II.

Niemals vor ihm und bis heute auch nicht nach ihm hat einer aggressiver gegen das Christentum gewütet als Nietzsche. Was ihn daran am meisten aufregte, war das Moralische. Moral hat mit Werten zu tun, und Werte galten ihm als raffinierte Erfindung derer, die an sich keinen Wert haben und sich dadurch schützen, dass sie Werte erfinden. Zum Beispiel die Barmherzigkeit: Barmherzigkeit propagieren die, sagt Nietzsche, die zu dumm, zu schwach, zu gehemmt sind, um sich durchzusetzen und das Ihre zu holen. So lügen sie ihre Schwäche in Tugend um und werfen damit zugleich den Starken Knüppel zwischen die Beine. "Der christliche Gottesbegriff - Gott als Krankengott, Gott als Spinne... - ist einer der corruptesten Gottesbegriffe, die auf Erden erreicht worden sind;... Gott zum Widerspruch des Lebens abgeartet, statt dessen Verklärung und ewiges Ja zu sein!", schreibt er in seinem Werk "Antichrist". Dieser Kritik gäbe es wahrlich genug bereits an Theoretischem entgegenzuhalten. Und trotzdem erinnert sie indirekt an etwas ungeheuer Wichtiges: dass christlicher Glaube mehr ist als Moral. Denn wäre er nur dies, dann hätte Nietzsche im Letzten Recht.

III.

Worin aber besteht dieser Überschuss des christlichen Glaubens über das Moralische hinaus? Gar nicht so einfach zu sagen - und doch lassen sich im Neuen Testament Spuren davon ausmachen, Spuren freilich, die eher als Stolpersteine denn Wegzeichen anmuten. Besonders dicht begegnen diese Spuren innerhalb der Bergpredigt in Gestalt der von Jesus bis zum Exzess verschärften Gebote der jüdischen Tradition - die berüchtigten Antithesen: "Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch, Jedem, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein" (Mt 5, 21-22a). Oder: "Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen" (Mt 5, 27-28).

Ich erinnere mich, wie wenn es heute gewesen wäre: Religionsunterricht in der vierten Klasse der Grundschule. Die Bergpredigt ist dran. Nach erster Einführung werden gemeinsam die Verse gelesen, wie sie im Religionsbuch stehen. Nach der Antithese zum Ehebrechen meldet sich eine Schülerin spontan und sagt: "Herr Kaplan, dann hat mein Vati schon oft die Ehe gebrochen." Vermutlich Erfahrungen im Kopf mit dem, was der Vater vor dem Bildschirm oder auf der Straße über Frauen an Bemerkungen losließ, hatte das Kind treffsicher ausgesprochen, worauf Jesu Verschärfung des alten Gebotes in Wirklichkeit zielt: dass es mit dem Einhalten eines Gebotes überhaupt nicht getan ist, solange sich einer sozusagen unterhalb seiner äußerlichen Verletzung ein Schlupfloch offen hält. Nur: Wer könnte von sich wirklich sagen, so etwas - egal wo - noch nie getan zu haben? Anders gesagt: Jesu Verschärfung der Gebote ist nur ein scheinbare. Sie ist vielmehr die Bankrotterklärung der Gebots- und Verbotsmoral. Wer wirklich gerecht, wirklich gewaltlos, wirklich treu sein will, vermag das nur dadurch, dass sie oder er mehr als gerecht, gewaltlos und treu ist. Legion ist der Zeugnisse, dass zutiefst ungerecht handeln kann, wer unbedingt gerecht sein will, höchst gewalttätig, wer alle Gewalt verabscheut, treulos, wer das Ideal der Treue hochhält. Ein Leo Tolstoi etwa - fasziniert, geradezu besessen, gemäß der Bergpredigt zu leben - hat seiner Frau das Leben zur Hölle gemacht. Worin aber besteht jenes Mehr, das zugleich solcher Verdrehung wehrt? Es besteht darin, dass ein Mensch zutiefst versöhnt ist mit sich und dem Leben und darum auch mit Gott. Besser andersherum: Dass er mit Gott versöhnt diesem Gott zutraut, dass der es gut meint mit seinem Geschöpf - und dass dieses Geschöpf darum "ja" sagen kann zu den eigenen Stärken und den Schwächen, die Stärken kreativ lebt, die Schwächen geduldig erträgt - und zu hoffen wagt, dass es gut wird mit ihm.

IV.

Diesen christlichen Vorrang der Versöhnung selbst noch vor der Gerechtigkeit bringt Paulus in für ihn so eigentümlicher wie gleichermaßen verblüffender Weise an einer Stelle des Zweiten Korintherbriefes zum Ausdruck: "Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen" (2 Kor 5,20), schreibt er an sein Sorgenkind von Gemeinde. Was natürlich heißt: Jesu Wirken hat die Grundform der Bitte, sonst könnte der Apostel nicht an seiner statt bitten. Und Gegenstand der Bitte ist die Versöhnung mit Gott. Sie - die Versöhnung - muss darum offenkundig das Grundlegende sein zwischen Gott und Mensch, jedenfalls aus christlicher Perspektive.

V.

Von einem namentlich Unbekannten ist das Diktum überliefert, der Christ sei primär kein Gerechter, sondern ein Versöhnter. Der unbekannte hat Recht gehabt. Vielleicht hätte er sogar das "primär" weglassen sollen. Denn wo ist einer der Menschen überhaupt gerecht? Der österreichische Dichter Robert Musil hat das in seinem Jahrhundertroman "Der Mann ohne Eigenschaften" so gesagt: "Ich glaube, daß alle Vorschriften unserer Moral Zugeständnisse an eine Gesellschaft von Wilden sind... Ein anderer Sinn schimmert dahinter. Ein Feuer, das sie umschmelzen sollte... Die Moral, die uns überliefert wurde, ist so, als ob man uns auf ein schwankendes Seil hinausschickte, das über einen Abgrund gespannt ist... und uns keinen anderen Rat mitgäbe als den: Halte dich recht steif!... Ich glaube, man kann mir tausendmal aus geltenden Gründen beweisen, etwas sei gut oder schön, es wird mir gleichgültig bleiben, und ich werde mich einzig und allein nach dem Zeichen richten, ob mich seine Nähe steigen oder sinken macht. Ob ich davon zum Leben erweckt werde oder nicht." Lässt sich Versöhnung zwischen Gott und Mensch lebensnaher beschreiben?

VI.

Ich habe mir damals vor 20 Jahren 2 Kor 5,20 als Primizspruch gewählt, weil ich überzeugt war – und bin –, der Vers bringe das Maßgebende allen amtlichen Handelns in der Kirche und damit unmittelbar auch des priesterlichen Wirkens auf den Punkt – gesammelt im Bild des bittenden Christus, an dessen Stelle die in seinen Dienst Genommenen handeln, an seiner statt.

Ich fand und finde das Wort auch persönlich orientierend. Denn auf der Hand liegt, dass nur Versöhnung bezeugen und versöhnend wirken kann, wer sich selbst mit Gott hat versöhnen lassen und darum auch halbwegs mit sich selbst versöhnt ist. Das entlastet von der meist so anstrengend gestellten Frage nach dem Wesen des Priesterseins oder nach Berufung, weil es klar macht, dass das Amtliche und das Persönliche nicht gegeneinander ausgespielt werden können – die größte Versuchung derer, die auf dem Weg sind, den Sie, die Studierenden, derzeit gehen. Den Widerstand dagegen einzuüben, dazu leben Sie in diesem Hause, dazu auch studieren Sie Theologie an unserer Fakultät. Vielleicht fällt Ihnen manches Herausfordernde daran leichter, wenn sie manchmal daran denken, dass es im Letzten im Dienst jener Versöhntheit steht, die möglich macht, dass der Herr in persona nostra auch heute handelt.