Nicht Adler, sondern Taube

Pfingstsonntag A: Gen 11, 1-9 + Apg 2, 1-11

I
In einer Gemeinde, in der ich Kaplan war, wurde eines Tages ein neuer Küster eingestellt. Der Mann war von Herkunft katholisch, hatte aber lange in einem osteuropäischen Land gewohnt, dort unter dem Staatsatheismus den Kontakt zur Kirche verloren und musste sich nun erst wieder mit all den Dingen des Glaubens und vor allem der Liturgie vertraut machen. Zu seinen Aufgaben gehörte auch, an den Festtagen eine zusätzliche Skulptur auf den Hochaltar zu stellen. Wir zeigten ihm den Schrank mit den Figuren. Ah, das ist ja das Christkind für Weihnachten, sagte er, ein wenig stolz über sein Bescheid wissen, und das ist der Auferstandene für Ostern. Aber wann muss denn dieser Adler da auf den Altar rauf?

II
Klar, wir anderen schmunzelten und klärten ihn auf. Natürlich war es die Pfingsttaube. Eigentlich ein triviales Versehen. Aber wenn man einen Augenblick davor inne hält und ein wenig bei den beiden Symboltieren verweilt, kann einem spontan etwas Wichtiges aus dem heutigen Festgeheimnis aufgehen.

Seit eh und je gehört der Adler zu den großen Emblemen in Religion und Politik: Zeus und Jupiter begleitet dieser stolze König der Vögel, nah verwandt ist er mit dem Horus-Falken der Ägypter. Ihrer scharfen Schnäbel und Krallen wegen kommen diese majestätischen, manchmal geradezu Angst machenden Greifvögel in zahllosen Herschaftswappen der österreichischen, deutschen, polnischen und auch in anderen Nationalgeschichten vor – immer als Signatur von Macht und Herrschaft.

Doch wie anders die Taube: Im ganzen antiken Orient schon begegnet sie auf vielfältige und doch verwandte Weise: Ihr Gurren und Balzen und Tänzeln, ihr lebenslanges Zusammenbleiben von Männchen und Weibchen ließ sie kulturübergreifend zur Botin der Liebesgöttin werden. Auch im alttestamentlichen Hohenlied der Liebe sagt der Geliebte von seiner Geliebten, ihre Augen blickten wie Tauben, und meint damit den Blick des Mädchens, der ihn wie eine Liebesbotschaft erreicht. Und in der Sintfluterzählung begegnet uns die Taube des Noach, die ihm mit dem frischen Ölzweig die erste Spur neuen Lebens nach dem Untergang der Sündenwelt bringt. Das alles schwingt mit, wenn im Neuen Testament von der Taube die Rede ist, in deren Gestalt nach dem Zeugnis aller vier Evangelien der Heilige Geist auf Jesus bei seiner Taufe im Jordan herab kam: Liebe, Zärtlichkeit, Treue, Hoffnung. Und mit all dem ist die Taube zum Sinnbild für Pfingsten geworden, obwohl in der Pfingstgeschichte von ihr gar nicht die Rede ist. Wie kam es dazu?

III
Dahinter steht, dass schon die Kirchenväter Pfingsten als das Gegenbild, den Anti-Typos der Geschichte vom babylonischen Turmbau verstanden haben. Und beides hängt so zusammen: Es waren einmal viele Menschen – so erzählt das Buch Genesis –, die verbündeten sich zu einem gemeinsamen Werk. Sie bauten sich eine Stadt – darin konnten sie wohnen und sich sicher fühlen. Und dazu einen riesigen Turm. Solche Türme dienten nicht einfach der Zierde, sie waren eher so etwas wie eine Burg und das Rückgrad der Wehrkraft jener Städte. Die Menschen taten mit ihrem Werk nichts Unerhörtes. Sie fassten nur ihre Energie zusammen. Mit ihrem Werk suchten sie sich einen Namen zu machen, heißt es – sie wollten etwas sein. Das ist menschlich. Aber dahinter steckt noch anderes: Dann werden wir uns nicht über die Erde zerstreuen, hoffen sie. Sie bangen also. Sie haben Angst. Angst davor, nichts zu sein. Deshalb setzen sie alle ihre Kräfte ein, etwas zu werden und sich zu sichern. Und sie tun es auf dem Weg gigantischer Aufrüstung. Die Angst ist es, was die Leute von Babel ihre Stadt so bauen heißt, wie sie sie bauen.

Und Gott – er muss herabsteigen, um sich den riesigen Turm und die Stadt anzuschauen. Mit einem einzigen Wort entlarvt die Geschichte, was die Trutzburg der Menschen in Wirklichkeit wert ist. Und Gott erkennt an dem Bauwerk bereits, wo alles enden wird. Die Menschheit, die sich nur noch in sich selber verbunden und gesichert weiß, hat die Hände frei für alles – vor allem für alle Maßlosigkeit. Deshalb verwirrt er die Sprache der Menschen, wie die Geschichte sehr menschlich von Gott sagt. Und sie spricht damit aus, was jedes Mal und zwangsläufig aus einem maßlos gewordenen Sicherheitsbedürfnis und Großseinwollen hervorgeht: dass jede Gemeinschaft und Gesellschaft zerfällt – und zwar so sehr, dass die Menschen sich nicht einmal mehr verständigen können und einander nicht mehr verstehen. – Klar auch: Wer nach außen so gigantisch aufrüstet wie die Leute von Babel, der hat schon längst vorher in seiner Seele tiefe Gräben ausgehoben und Mauern aufgezogen, weil er ausnahmslos jeden anderen im tiefsten Winkel seines Herzens für einen Gegner hält, gegen den er sich sichern muss, um nicht zu kurz zu kommen – gerade so, wie das seit Monaten europäische Staaten gegenüber den Flüchtlingen aus Nordafrika tun. Und hinter solchem Zerfall des Menschlichen kommt schließlich noch anderes zutage: Denn wer dauernd für sich selber sorgen muss und meint, so – aus eigener Kraft – Bestand zu gewinnen, der hat schon vergessen, dass er sich einem anderen verdankt und wem er sich verdankt. Im Turm von Babel, den die Angst errichtet, spiegelt sich das Innerste derer wider, die sich von Gott losgesagt haben, weil sie ihm nicht mehr zutrauen, ihr Leben zu verbürgen.

IV
Pfingsten ist die frohe Kunde davon, dass eben dieses Babel-Desaster im Abenteuer von Gott und Mensch nicht das letzte Wort bleibt. Denn da ist einer gekommen, der hat den Leuten von Gott erzählt, wie keiner vor ihm. Er hat gesagt, dass Gott wie ein liebender Vater ist, auch dann noch, wenn Menschen schwere Fehler machen. Und er hat die Menschen spüren lassen, was das bedeutet. Und all das konnte er nur, weil er selber jenes Verhängnis des Sich-nicht-mehr-verstehens zerrissen hat. In seiner tiefsten Wurzel schon hatte er es unterlaufen, weil er Gott nicht misstraute. Weil er sich ganz ihm überließ und deshalb keine Angst haben musste um sich selber und keine Sicherheiten brauchte, die ihm sein Leben garantierten. Das hat ihn unendlich frei gemacht und befreiend für andere. Einigen aber hat das gar nicht gepasst, nämlich denen, die von der Sorge um Sicherheit profitierten. Deshalb haben sie ihn, den Ungesicherten, umgebracht am Kreuz. Aber nicht einmal das hat die alte Herrschaft von Sicherheit und Zerfall wiederhergestellt. Im Gegenteil.

Das Gottvertrauen, das Jesus bis hin ans Kreuz noch lebte, hatte Frauen und Männer aus seinem Freundeskreis dermaßen überwältigt, dass es sie selber durch und durch ergriff. Durch dieses ihr Gottvertrauen fanden sie sich selbst in einem Leben solch angstloser Freiheit wieder, wie sie es vorher nie gekannt hatten. Darum auch waren sie unbeirrbar überzeugt, dass der, dessen Leben und Sterben ihre eigene Existenz so grundstürzend änderte, – dass der nicht vergangen, also unwirklich sein kann, sondern vielmehr wirklicher, gegenwärtiger, lebendiger ist als alles, was sonst so heißt. Darum brannte ihnen auf der Zuge, den Leuten zuzurufen: Jesus lebt! Gott selbst hat bestätigt, dass er Recht hatte mit seinem Vertrauen zu ihm. Vertraut darum auch ihr euch diesem Gott an, dann könnt auch ihr leben, aufleben wie dieser Jesus und wie wir durch ihn. Schließt euch uns an. Wir sind seine Zeugen!

V
Und was dann geschah, hätte kein Mensch für möglich gehalten. Denn tatsächlich schlossen sich den Jüngern Leute an. Sie ließen sich ein auf die Geschichten von Jesus aus Nazaret. Arme und Reiche, Alte und Junge. Dirnen und feine Damen. Geschäftsleute und Bettler. Ausländer und Einheimische. Sie alle spüren, wie sie verwandelt werden, weil sie sich von Jesus wieder zu Gott hinführen lassen. Sie spüren, wie alles Lastende von ihnen abfällt. Und vor allem, wie das geheilt wird, was hinter allen Lebensschatten im Letzten am Werk ist: die Angst um sich selber und voreinander.

Was da geschah, war so neu, dass es keine passenden Wörter dafür gab. Deshalb haben jene Jesusleute die Heiligen Schriften des Alten Testaments genommen und darin gelesen, weil sie überzeugt waren, dass das, was ihnen widerfuhr, mit Gott zu tun hat und deshalb auch in den alten Büchern schon vorkommen musste. Und dabei stießen sie auf die Geschichte vom Turm in Babel. Da fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen. Denn sie sahen: Durch Jesus ist uns genau das Gegenteil von dem widerfahren, was damals passiert ist. Wir haben zusammengefunden. Damals haben die Menschen sich zerstreut und sich nicht mehr verstanden. Wenn einer redet, so ist es, als könnten ihn alle in ihrer Sprache reden hören. Wir haben wieder Kontakt zueinander gefunden. Wir verstehen uns. Parter, Meder, Elamiter, Juden und Proselyten, Kreter und Araber. Wir gehören zusammen über alle Unterschiede hinweg. So drückt Lukas in der Apostelgeschichte aus, was damals geschah und was wir Pfingsten nennen – das Ereignis, dass Jesu Geist übergesprungen ist auf viele. Sie sind Jesusleute geworden und sie bezeugen, dass Gott mit Ostern das Verhängnis von Babel zerbrochen hat. Er hat einen Schlussstrich gezogen unter den Wirrwarr und den Streit und die Angst. Und das Neue, was nun beginnt, ist die Gemeinschaft derer, die an Christus glauben und deshalb keine Angst mehr haben, weil sie Gott wieder trauen.

Diese Gemeinschaft heißt Kirche. Pfingsten ist ihr Geburtstag – eine Gemeinschaft von Menschen, die untereinander versöhnt sind, weil sie sich mit Gott wieder haben versöhnen lassen. Pfingsten ist das definitive Ende der Aufrüstung von Babel. An die Stelle der Macht- und Herrschaftsembleme tritt die Taube, das Wappentier der Wehrlosigkeit, der Zärtlichkeit, der Treue, der Hoffnung. Wie gut stünde der Kirche an, sie würde diesem Sinnbild, das ihre Geburtsurkunde – die Pfingstgeschichte – seit je besiegelt, bis zum Grunde trauen und der babylonischen Versuchung, die immer wieder einmal an sie herantritt, auch selbst widerstehen.