Wie Ostern anfängt

1. Fastensonntag B: Mk 1,12-15

I
Am 12. Juli des Jahres 2003
lief folgender Funkspruch rund um die Erde,
dass ein Bombengeschwader der Luftpolizei
die gesamte Menschheit ausrotten werde.

Die Weltregierung, so wurde erklärt, stelle fest,
dass der Plan, endgültig Frieden zu stiften,
sich gar nicht anders verwirklichen lässt,
als alle Beteiligten zu vergiften.

Zu fliehen, wurde erklärt, habe keinen Zweck.
Nicht eine Seele dürfe am Leben bleiben.
Das neue Giftgas krieche in jedes Versteck.
Man habe nicht einmal nötig, sich selbst zu entleiben.

Am 13. Juli flogen ... eintausend
mit Gas und Bazillen beladene Flugzeuge fort
und vollbrachten, rund um den Globus sausend,
den von der Weltregierung befohlenen Mord.    ...

Jeder dacht, er könne dem Tod entgehen.
Keiner entging dem Tod, und die Welt wurde leer.
Das Gift war überall. Es schlich wie auf Zehen.
Es lief die Wüsten entlang. Und es schwamm übers Meer.

Die Menschen lagen gebündelt wie faulende Garben.
Andre hingen wie Puppen zum Fenster heraus.
Die Tiere im Zoo schrien schrecklich, bevor sie starben.
und langsam löschten die großen Hochöfen aus.

Dampfer schwankten im Meer, beladen mit Toten.
Und weder Weinen noch Lachen war mehr auf der Welt.
Die Flugzeuge irrten, mit tausend toten Piloten,
unter dem Himmel und sanken brennend ins Feld.

Jetzt hat die Menschheit endlich erreicht, was sie wollte.
Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human,
Die Erde war aber endlich still und zufrieden und
rollte völlig beruhigt ihre bekannte elliptische Bahn.

II
Es ist wahr: Dichter sind nicht selten Visionäre. 1930, vor 85 Jahren also, hat Erich Kästner sich den soeben gehörten Reim gemacht auf die Menschenwelt, wie er sie wahrnahm. Das Gedicht geht böse aus. Frieden, so dünkt ihm, ist möglich – aber nur als Friedhofsruhe. Ihr eigenes Ende zu beschließen und es herbeizuführen, gerät der Menschheit zu ihrer größten Tat, deren sie fähig scheint. Da bleibt freilich nichts anderes mehr übrig als das, was Kästner am Ende tut: zynisch den Dingen ins Auge zu sehen und sie ihren Lauf nehmen zu lassen. Kästner hat damals kaum geahnt, dass seine grausige Vision schon so bald zur jederzeit abrufbaren Möglichkeit werden würde. Und heute: Ukraine, Syrien, Irak, ISIS, Libyen, Nigeria und wieder unverhohlene Kriegswarnungen zwischen den Großmächten. Mir scheint, wir heute können noch viel unmittelbarer als der Dichter damals erahnen, wie wahr das ist, was er über das Urverhängnis der Menschen zu sagen weiß: Sie finden in ihrem Leben das Böse vor. Sie tun und erleiden es – aber bald sind sie es leid. Sie entwerfen Programme und Strategien, versuchen Reformen und Revolutionen, die die Macht des Bösen endlich brechen sollen. Die Lösung freilich bleibt aus: Der Kampf wider das Böse gebiert nur noch Schlimmeres. Da bleibt tatsächlich nur mehr, die Orte des Bösen – die Menschen mit Leib und Herz – auszuradieren und so die Quelle des Unheils ein für alle Mal zu verstopfen. Menschlich gesehen ist das wahr und sehr, sehr logisch.

III
Genau mit diesem Befund aber hat im Grund die Botschaft des ganzen Neuen Testaments zu tun. Es erklärt das Mysterium des Bösen nicht – was hätten wir auch davon? Stattdessen weist es uns ein in einen Umgang mit dem Bösen, der dieses ein Ende finden lässt, das nicht mehr den Preis allen Lebens kostet. Das ist menschlich absolut unwahrscheinlich. Aber es ist möglich. Das behauptet die erstaunliche Botschaft des heutigen Evangeliums –, es ist tatsächlich möglich, weil niemand anderer als Gott selbst sich in Jesus direkt von diesem Urverhängnis des Bösen treffen, sich in es verstricken lässt. Wie das geschieht, das erzählt uns Markus in der dunklen Geschichte von der Versuchung Jesu. Der Evangelist greift dabei auf ein paar markante Bilder aus der Sprache des Alten Testaments zurück, um wenigstens verhalten anzudeuten, was Jesus da an ganz Persönlichem widerfahren ist.

Bei seiner Taufe im Jordan war Jesus endgültig aufgegangen, was die Mitte seines Lebens ausmacht: Eine durch nichts verstellte, innige Nähe zu Gott, den er zärtlich Abba nennt. Und er weiß von da an: Er hat  sein ganzes Leben einzig dafür einzusetzen, dass auch andere diese Nähe Gottes erfahren, dass sie sich von ihr ergreifen und heilen lassen, weil sie erst ein Leben zu dem macht, was es ist; Reich Gottes nennt Jesus das, was so zu wachsen anhebt. Geradezu zwangsläufig setzt ihn freilich dieses Klarwerden seiner Berufung sofort einer ersten Bewährung aus. Jetzt, da er regelrecht die Welt und alles in ihr mit den Augen Gottes sieht, springt ihn die Situation der Menschen, ihre Gottferne und Verlassenheit, ja ihre Gottesfeindschaft und seine Stellung mitten darin, – das springt ihn überscharf an. Wen wundert es da, dass Jesus – erschreckt von seiner Einsicht und auch über sich selber – die Einsamkeit sucht. Darum heißt es: Der Geist – also Gottes Gegenwart in ihm – habe ihn in die Wüste getrieben.

Die frühen Christinnen und Christen mit ihrer Kenntnis des Alten Testaments wussten, was das heißt. Denn die Wüste, das ist für sie der Raum der Erinnerung, wo die Dinge, wie sie sind – also ihre Innenseite –, sich enthüllen. Wüste ist der Ort, wo alles Beiwerk wegfällt und das Wesentliche hervorzutreten beginnt: Raum der Läuterungen, Prüfungen und der Scheidung der Geister. So ist Wüste auch der Ort der tiefen Erfahrung Gottes und seines Geheimnisses; 40 Tage bleibt Jesus dort – wie einst Mose 40 Tage bei Gott auf dem Sinai weilte und Elija 40 Tage durch die Wüste zum Horeb wanderte... – In der Wüste mit ihrer nüchternen Strenge – wo es kein Entkommen gibt – da fallen alle Masken. Jesus, allein auf sich gestellt und nur noch seinem Gott gegenüber, erfährt dort, was Menschsein alles heißt – nicht nur die Sonnenseite. Er wurde in Versuchung geführt – er lernt kennen, was alles im Herz der Menschen wohnt: nicht nur die Liebe und die Güte, der Glaube und die Freude. In Jesus liegt – gerade weil er wirklich und ganz Mensch ist – auch das Gegenteil von all dem bereit. Zu seiner Freiheit gehört – wie zu jedes Menschen Freiheit –, Gott sein Gottsein zu bestreiten und selber seine Stelle einzunehmen. Wie aus dem Nichts – unerklärlich – steigen diese dunklen Mächte im Herzen des Menschen herauf, jederzeit bereit, vom Leben bestimmend Besitz zu ergreifen. Genau, wo das aber geschieht, da ist der Mensch nicht mehr Mensch. Er übernimmt sich restlos – denn er will ja viel mehr, nämlich Gott sein. Aber genau so bringt er sich um sein eigenes Menschsein. Ihm geht es wie dem gierigen Wolf in der Fabel, der mit einem Stück Fleisch im Maul einen Fluss durchquerte. Dabei sah er im Wasser sein Spiegelbild. Er hielt es für einen zweiten Wolf, der ebenfalls ein Stück Fleisch besaß. Sofort schnappte er auch noch nach dessen Stück. Sein eigenes entglitt ihm dabei und der Fluss riss es unwiederbringlich mit sich.

Nicht zufällig greifen die Dichter und die Religionen – auch die Bibel tut das – zum Sinnbild der wilden Tiere, wenn sie von der dunklen Macht des Bösen zu reden versuchen. Wo Menschen andere hassen und beneiden, wo sie – von Eigensucht getrieben – nach Besitz, Macht und Geltung gieren, dort sind die animalischen Mächte in uns am Werken. Kaum eine oder einer bleibt von ihnen ein Leben lang verschont. Und wo sie die Oberhand gewinnen, kommt jedes Mal dasselbe heraus: Gemeinschaft unter Menschen zerbricht und jeder Einzelne fällt in zermürbenden Unfrieden mit sich selber, gerät zwischen die Mühlsteine seiner sich widerstreitenden Triebe. Tiefgründig beschreibt deshalb das Alte Testament – allen voran Jesaja – die von Gott erhoffte Erlösung als neues Paradies, wo die wilden Tiere mit den Menschen wieder in Friede und Freundschaft leben.

Und Markus erzählt, dass genau das bei Jesus schon Wirklichkeit ist. Er lebt bei den wilden Tieren, in friedlicher Gemeinschaft mit ihnen. Er ist eins geworden mit seinen innersten Regungen und Impulsen – mit allem, was uns Menschen unumgehbar bestimmt und uns zu schaffen macht. Nichts wird verdrängt und verleugnet. Und so kann nichts mehr Unheil stiften in seinem Lebenshaus. Die Engel dienten ihm, sagt Markus dazu – das meint: Er ist ganz und gar das geworden, was Gott sich von ihm seit Ewigkeit erhofft hat – er hat die Versuchungen bestanden. Aber wie?

Davon hören wir kein Wort, und nichts von dem, was in Jesus damals vorging. Gerade dieses Schweigen des Evangeliums aber weist uns in Entscheidendes ein. Jesus steht mit nichts als sich selber – mit seiner menschlichen Größe und seinen menschlichen Abgründen – einsam vor Gott. Er wird sich diesem Gott schweigend und betend ausgesetzt haben – ohne Rückhalt und Hintertürchen. Und so sieht er überklar die zwei Alternativen, die vor ihm liegen: entweder sich selbst vergessend Gott zu wählen oder Gott vergessend sich selber. Und aus seinem einsamen Schweigen heraus entschließt sich Jesus für Gott. Für den so nahen, doch unbegreiflichen Gott. Das ist alles. Aber es ist das Ganze. Denn in diesem Augenblick, da er sich für Gott entschließt, hat Jesus über sein ganzes Leben und Schicksal, über jedes seiner künftigen Worte und jede seiner Taten mitentschieden.

Alles, was noch auf ihn zukommt bis hin zum Kreuz und zur Auferstehung, entspringt diesem stillen Augenblick vor Gott. Und erst die dramatischen Geschehnisse seines Lebens werden enthüllen, was wirklich in diesem unspektakulären Entschluss sich ereignete, nämlich: dass mit ihm Jesus den Kampf gegen das Böse aufnahm, wider alles, was sich gegen Gott auflehnt und deshalb nur Unheil und Tod hervorbringen kann. Jesu Kampf fängt nicht als Reform und Revolution an. Und auch nicht mit einem moralischen Gutseinwollen. Denn all das endet jedes Mal wieder wie der absolute Friedenswille in Kästners Versen: mit dem endgültigen Sieg des Bösen, das einer meint, aus eigener Kraft besiegen zu können. Seinen ersten und entscheidenden Kampfplatz hat der Widerstand gegen das Böse schon lange vor jeder Reform und aller Moral – nämlich dort, wo ein Menschenherz vor Gott gerät und zu wählen hat: sich oder ihn.

Wer es wagt, die Dinge zu sehen, wie sie sind, sieht sich eines Tages in diese Wahl gestellt. In ihr steht unser ganzes Leben auf dem Spiel. Seit Jesus aber brauchen wir dennoch keine Angst zu haben vor diesem Augenblick. Denn er hat sich schon entschließen müssen. Und er hat sich für Gott entschlossen. Dass sein Entschluss wirklich richtig war. Dass er sich damit tatsächlich dem Bösen, dem Urverhängnis des Menschseins und seinen Folgen – nämlich dem Nicht-mehr-leben-Können – entwunden hat, das bezeugt uns die Botschaft von seiner Auferstehung. Im rückhaltlosen Entschluss für Gott gewinnt er neues Leben ohne Ende, so unendlich viel, dass er alle daran teilnehmen lässt, die sich ihm anvertrauen und sich mit ihm identifizieren – also sich auf den Weg des Glaubens trauen.

IV
Wie aber geht das? Das erste dabei wird natürlich dies sein: dass wir überhaupt erst einmal fähig werden, unser Leben und unser Herz so zu sehen, wie sie wirklich sind: ihre Größe und ihre Abgründigkeit. Umso klar zu sehen, müssen wir mit Jesus in die Wüste gehen. Es gilt, alle Mittelchen beiseitezulegen, mit denen wir uns vom wahren Gesicht der Dinge abzulenken pflegen: die Arbeitswut, die so viel Brüchiges in unserem Dasein übertüncht; die vielen kleinen Leckereien – die zum Essen und die für die anderen Sinne –, mit denen wir uns unseren Alltag versüßen; und auch die scheinbar so harmlosen Techniken, die uns in Scheinwelten entführen und selber in Scheinexistenzen verwandeln. Wer darauf zu verzichten wagt, dessen inneres Auge klärt sich; er wird die Risse und hohlen Stellen in seinem Lebenshaus entdecken.
Solcher Verzicht tut Chancen auf. Sie könnten beispielsweise mit jemandem, der Ihnen nahe steht, einen Fastenvertrag schließen. Sie könnten miteinander vereinbaren, auf etwas zu verzichten, was Ihnen Tag für Tag viel bedeutet. Sie könnten sich Rechenschaft geben, ob der Verzicht gelingt oder nicht. – Und dann, wenn wache Nüchternheit Sie klar sehen lässt, dann könnten Sie mit allem, was Sie sind, vor Gott treten – auch mit dem, wofür Sie sich vor sich selber schämen. Und Sie werden erfahren, dass das Zwielicht Ihres Daseins allein dadurch eindeutig werden kann, dass Sie sich von Neuem für Gott entschließen. Die Wunde des Bösen, die jedes Herz an sich trägt, wird zu heilen beginnen.

Die 40 Tage der Fastenzeit, in die wir eingetreten sind, wären die große Chance dazu. Wer sie ergriffe, würde dem Tod wieder ein neues Stück Leben entreißen. Er hätte viel Grund, in 40 Tagen freudig Ostern zu feiern.