• Forschung I

    Das Collegium Americanum zu St. Mauritz bei Münster. Professionalisierung und Disziplinierung der Priesterausbildung für die USA am Vorabend des Kulturkampfes, ca. 1864-1874
    Grundriss des Collegium Americanum am Kirchplatz St. Mauritz
    © Oberdorf

    Das Collegium Americanum zu St. Mauritz bei Münster, das zwischen 1867 und 1879 existierte, diente der Ausbildung von Priestern, die anschließend in katholischen Gemeinden in den Vereinigten Staaten von Amerika wirken wollten. Das Forschungs- und Editionsvorhaben rekonstruiert und analysiert diese weitgehend unbekannte und noch gänzlich unerforschte Geschichte im Schnittfeld neuerer religions- und bildungsgeschichtlicher Forschungen und folgt dabei den Ansätzen und Konzepten der Sozial- und Mentalitätsgeschichte. Im Mittelpunkt steht die Frage, inwieweit die Ausbildung der zukünftigen Priester auf pastorale Professionalisierung einerseits und ultramontane Disziplinierung andererseits abzielte, insbesondere unter den Vorzeichen des in den katholisch geprägten Gebieten Preußens aufziehenden Kulturkampfes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

    Das Forschungsvorhaben möchte die Lebens- und Bildungswelt der Seminaristen und ihrer Lehrer rekonstruieren sowie ihre alltagsweltlichen und konfessionskulturellen Orientierungsmuster, Wertvorstellungen und Weltbilder, einschließlich spezifischer Ausdrucksformen von Frömmigkeit und Spiritualität erfassen und auswerten. Die Gemeinschaft des Kollegs stellt für einige Jahre ein in sich weitgehend geschlossener und soziokulturell strukturierter Bildungsraum dar, der sich zur Akademie Münster hin öffnete, wo die Seminaristen ein Philosophie- bzw. Theologiestudium absolvierten. Eine fundierte Grundlage für dieses Forschungsvorhaben bildet ein relativ kompakter Quellenbestand, der bislang noch nicht im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie eingehend bearbeitet wurde, dessen Auswertung und Edition jedoch einen substantiellen Erkenntnisgewinn für die deutsch-amerikanische Bildungs- und Religionsgeschichte verspricht.

    Projektstart: 01.04.2020–31.07.2023.

    Mitarbeiterinnen: Lisa Rosendahl (bis 30.06.2021), Anna Strunk (bis 31.01.2022), N.N.

    Dieses Forschungsprojekt wird gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung.

    Veröffentlichungen:

    • Oberdorf A (2021) The American College of St. Maurice at Münster, 1867–1879: The Formation of Catholic Clergy for the United States between Seminary Education and Academic Studies. Paedagogica Historica, 2021. doi: 10.1080/00309230.2021.1987936.
  • Forschung II

    Herwig Blankertz (1927–1983)
    © IfE

    Herwig Blankertz (1927–1983) gehört zu den bedeutendsten Erziehungswissenschaftlern der Nachkriegsgeschichte in der Bundesrepublik Deutschland. Er arbeitete sowohl im Bereich der historischen als auch der theoretischen Erziehungswissenschaft sowie im Feld der Berufs- und Wirtschaftspädagogik. In Göttingen promovierte er – neben Klaus Mollenhauer (1928–1998) und Wolfgang Klafki (1927–2016) – bei Erich Weniger (1894–1961) über den Begriff der Pädagogik im Neukantianismus, habilitierte sich vier Jahre später an der Wirtschaftshochschule in Mannheim und gelangte – nachdem er eine Professur für Philosophie an der PH Oldenburg (1963–1964) und eine Professur für Wirtschaftspädagogik an der FU Berlin (1964–1969) innehatte – an die Westfälische-Wilhelms Universität Münster (ab 1969), wo er den Lehrstuhl für Pädagogik und Philosophie bekleidete. Sein Buch über Theorien und Modelle der Didaktik (1969) wurde in dieser Zeit (zwischen 1969 und 1980) elfmal aufgelegt. Von 1971 bis 1972 leitete er die sogenannte "Blankertz-Kommission", die eine Konzeption für die Einrichtung von Kollegschulen entwickeln sollte, und wurde 1972 durch den Kultusminister Nordrhein-Westfalens mit der wissenschaftlichen Begleitung des Kollegschulversuchs beauftragt. Als Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) von 1974 bis 1978 hatte er ebenso einen großen Einfluss auf die wissenschaftspolitischen Entwicklungen der Erziehungswissenschaft in der BRD.

    Das Pilotprojekt befasst sich mit dem "Archiv Blankertz" der Bibliothek des Instituts für Erziehungswissenschaft. Zudem wurde in Kooperation mit der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF) des DIPF ein Workshop zum Thema ...ja, zu welchem Ziel eigentlich?" – Herwig Blankertz’ "Geschichte der Pädagogik veranstaltet. Ein Publikation der Beiträge wird derzeit vorbereitet. Ein Masterseminar zum Thema "Theorie und Geschichte der Kritischen Erziehungswissenschaft: Blankertz – Klafki – Mollenhauer" wurde im Wintersemester 2020/21 veranstaltet.

    Projektstart: 1. November 2020

    Projektleitung: Dr. Tim Zumhof, Dr. Andreas Oberdorf

    Mitarbeiter: Joshua Jendryschik

  • Forschung III

    "Go West!" Die Idee des "Westens" in bildungshistorischer Perspektive

    Eng verbunden mit dem Begriff der „Amerikanisierung“ ist die Idee des „Westens“. Beide Konzepte sind miteinander verwandt und beschreiben dennoch unterschiedliche Formen des Kulturtransfers – mit besonderem Fokus auf die Mitte des 20. Jahrhunderts. Dabei leuchtet ein, dass es sich beim „Westen“ um einen „Konfrontationsbegriff“ und eine „Figur der Asymmetrie“ (Osterhammel 2017) handelt. Doch wo und wann der „Westen“ beginnt, wer politisch oder kulturell dazugehört, wie er eigentlich vermittelt wird und was „Westernisierung“ letztlich beschreibt, erscheint weiterhin offen. Der „Westen“ ist und bleibt „ein sehr elastisches Sinnkonstrukt“. Wer sich aus der Perspektive der deutsch-amerikanischen Bildungsgeschichte mit der Idee des „Westens“ befasst, findet leicht Antworten auf die gestellten Fragen und verweist dafür auf transnationale Verflechtungen und Kulturtransfers im Schul- und Bildungswesen. Doch gab es (oder gibt es) auch eine „westliche“ Bildung – Kultur – Zivilisation? Das Konzept der „Westernisierung“ beschränkt sich keinesfalls auf den deutsch-amerikanischen Kontext, sondern findet ebenso in weiteren historisch-vergleichenden bzw. transfergeschichtlich ausgerichteten Forschungskontexten Anwendung. Im Rahmen der Vorlesung soll das Konzept des „Westens“ und der „Westernisierung“ zunächst aus der Perspektive der deutsch-amerikanischen Bildungsgeschichte kritisch befragt und diskutiert werden. Anschließend richtet sich der Blick auf Beispiele in europäischer und globaler Perspektive. Mit der notwendigen Distanz zu aktuellen Problemfeldern, in denen Vorstellungen des „Westens“ wieder verstärkt wirksam werden, soll hierdurch die Möglichkeit einer angemessenen Reflexion geschaffen werden.

    Die Ringvorlesung findet im Wintersemester 2022/23 statt und wird gemeinsam mit Dr. Bernhard Hemetsberger organisiert.

  • Dissertation

    Demetrius Augustinus von Gallitzin (1770-1840): Ein transatlantischer Bildungsreformer im Spannungsfeld von Aufklärung und katholischer Frömmigkeit in Münster und Pennsylvania
    © F. Schöningh

    Im transatlantischen Raum war die Katholische Aufklärung als globale Reformbewegung besonders wirksam. Anhand des Lebens und Wirkens von Demetrius Augustinus von Gallitzin (1770–1840) werden ihre grenzüberschreitenden Verflechtungen nun erstmals sichtbar.
    Andreas Oberdorf stellt mit Demetrius von Gallitzin eine bisher weitgehend unbekannte Gestalt der deutsch-amerikanischen Bildungsgeschichte in den Mittelpunkt seiner Studie. Aufgewachsen und erzogen im Fürstbistum Münster, das im späten 18. Jahrhundert von einer Katholischen Aufklärung geprägt wurde, reiste Gallitzin 1792 in die Neue Welt. Von dieser Bildungsreise in die Vereinigten Staaten von Amerika kehrte er nicht zurück, sondern wurde Priester und wirkte fast ein halbes Jahrhundert als Missionar, Pfarrer und Publizist in den westlichen Gebieten Pennsylvanias. Die Rekonstruktion seiner Lebensgeschichte, die Auswertung seiner Briefe und Schriften bettet der Autor in die dichten Kommunikationsnetze des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts ein. So erschließen sich neue Erkenntnisse zu den transatlantischen Dimensionen der Katholischen Aufklärung als Reform- und Bildungsbewegung.

     

    Gutachter:
    • Prof. Dr. Jürgen Overhoff, Institut für Erziehungswissenschaft, WWU Münster
    • Prof. Dr. Markus Friedrich, Geschichte der Frühen Neuzeit, Universität Hamburg
    Veröffentlichung:

    Oberdorf A (2020) Demetrius Augustinus von Gallitzin: Bildungspionier zwischen Münster und Pennsylvania 1770-1840. Paderborn: Ferdinand Schöningh. XVII+409 Seiten, 15 s/w Abb., ISBN 978-3-506-70425-2, Link zum Volltext.

    Rezension:
    • Erziehungswissenschaftliche Revue 19 (2020), Nr. 5, von Markus Berger, Link.
    • H-Soz-Kult (4.1.2021), von Rainald Becker, Link.
 

Publikationen