Arzneipflanze des Jahres 2018

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Die Arzneipflanze des Jahres 2018: Marrubium vulgare L. – Gewöhnlicher Andorn

[von Lars Krüger]

Mit dem Andorn (Marrubium vulgare L.) wurde eine altbekannte Arzneipflanze aus der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae) zur Arzneipflanze des Jahres gekürt, die in der Öffentlichkeit heute (zu Unrecht) weitgehend unbekannt ist. Der Andorn gehörte viele Jahrhunderte zu den beliebtesten Arzneipflanzen und seine Wirksamkeit wurde umfangreich dokumentiert:

  • Plinius der Ältere lobte den Andorn als „eines der vorzüglichsten Kräuter“.
  • Dioskurides nannte Andorn als Mittel der Wahl bei Schwindsucht, Asthma und Husten.
  • Hildegard von Bingen empfahl: "Aber auch wer Husten hat, der nehme Fenchel und Dill im gleichen Gewicht und füge ein Drittel Andorn bei, und er koche das mit Wein, und dann seihe er es durch ein Tuch und trinke es, und der Husten wird weichen.“
  • In vielen Rezepten alter Kräuterbücher des späten Mittelalters wurde Andorn gegen hartnäckige Verschleimung der Lunge als Tee oder Weinauszug verwendet.
  • Wenig glaubwürdig dagegen erscheint eine Empfehlung von Walahfrid Strabo, der Andorn sogar als Gegenmittel bei Vergiftungen empfahl: „Sollten Stiefmütter in feindseliger Absicht Gifte zubereiten und in das Getränk mischen oder giftigen Eisenhut zum Verderben in trügerische Speisen mengen, so vertreibt ein Trank des heilkräftigen Andorn, unverzüglich eingenommen, die lebensbedrohenden Gefahren.“

Der gewöhnliche Andorn ist eine ausdauernde, krautige Pflanze, zählt also zu den Stauden. Er wächst aufrecht und wird zwischen 30 und 80 cm hoch. Auffallend ist die weißfilzige Behaarung am unteren Teil des Sprosses und an der Unterseite der Laubblätter. Die Blätter sind rundlich bis breit eiförmig, der Blattrand ist gekerbt; an der Oberseite der Blätter sind die Blattnerven tief eingesenkt. Die Laubblätter am Spross sind kurzgestielt, die Grundblätter dagegen sind deutlich länger gestielt. Andorn blüht von Juni bis August. Die kleinen, weißen Blüten stehen in Scheinquirlen kurz über den Laubblättern. Kennzeichnend sind die Kelche, die 10 zurückgekrümmte, hakige und an der Spitze kahle Zähne aufweisen. Die Fruchtknoten sind oberständig und bilden eine spezielle Form von Zerfallfrüchten aus, die sog. Klausen. Die Klausen sind neben dem vierkantigen Spross ein sicheres Indiz dafür, dass man einen Vertreter aus der Familie der Lippenblütler vor sich hat. Der gewöhnliche Andorn stammt aus dem Mittelmeergebiet und zählt in Mitteleuropa zu den sog. Archeophyten.

In Mitteleuropa ist der gewöhnliche Andorn aus dem früher verbreiteten Heilpflanzenanbau verwildert und hat sich auch in wärmeren Gegenden eingebürgert.

Pharmazeutisch werden die getrockneten, oberen Sprossteile und die Blätter genutzt – bekannt ist die Droge als „Marrubii herba“.

Die hauptsächlich wirksamen Inhaltsstoffe sind Diterpen-Bitterstoffe, von denen das Marrubiin die wirksamkeitsbestimmende Substanz ist. Daneben enthält das Kraut noch Flavonoide, Gerbstoffe und eine geringe Menge ätherisches Öl. Andorn wird traditionell bei Bronchialkatarrhen, aber auch bei Verdauungsbeschwerden und Appetitlosigkeit eingesetzt.

Die Wirkung von Andornkraut zur Schleimlösung bei erkältungsbedingtem Husten ist durch verschiedene Studien belegt. Aber es gibt noch einen ganz interessanten neuen Aspekt in der Nutzung von Andorn. Zitat: „Darüber hinaus entdeckten Forscher erst in jüngerer Zeit einen altbekannten Mechanismus wieder, der eine weitergehende therapeutische Relevanz von Bitterstoffen unterstreicht: Medizin muss manchmal bitter schmecken, wenn sie wirken soll. Die Bedeutung von Bitterstoffen für den menschlichen Körper zeigt sich bereits darin, dass uns die Natur mit jeweils nur einem einzigen Rezeptortyp für süß, salzig, sauer und umami (japanisch für „würzig“, „schmackhaft“), aber mit 25 verschiedenen Bitterrezeptoren ausgestattet hat, die uns zumindest theoretisch in die Lage versetzen, Tausende von Bittersubstanzen zu erkennen. Solche Rezeptoren für Bitterstoffe sind nicht nur z .B. auf der Zunge sowie im Mund- und Rachenraum lokalisiert, sondern wurden auch auf glatten Muskelzellen des Bronchialsystems gefunden. Dort verursacht ihre Aktivierung eine Erweiterung von verengten Bronchien, die zu einer verbesserten Sauerstoffaufnahme und erleichterten Schleimentfernung führt. Eine Studie von Wissenschaftlern aus den USA weist außerdem darauf hin, dass die gezielte Stimulation dieser Rezeptoren mit Bitterstoffen eine Stärkung des Immunsystems zu bewirken vermag. Eine verstärkte Stimulation der Bitterrezeptoren könnte einen größeren Schutz vor Infektionen bieten, während eine niedrigere Funktion die Anfälligkeit für Infekte erhöht, schlussfolgern die Forscher.“

Außerdem wirkt Andornkraut auch fördernd auf den Gallenfluss (choleretisch), dadurch werden positive Effekte bei Verdauungsbeschwerden unterstützt.

Aufgrund seiner historischen Bedeutung und seiner umfangreichen dokumentierten Wirkung wurde der gewöhnliche Andorn vom „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenforschung“ zur „Arzneipflanze des Jahres 2018“ gewählt. Hinter der Wahl steckt aber auch der Wunsch, dem Andorn wieder zu mehr Popularität zu verhelfen, denn die Würzburger Wissenschaftler sind der Meinung, dass diese Arzneipflanze zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist.

Quellen:

  • https://wikipedia.org
  • https://www.ptaheute.de
  • http://welterbe-klostermedizin.de -
  • Schmeil-Fitschen, Flora von Deutschland, Verlag Quelle und Meyer, 92. Auflage, 2003
  • Rothmaler, Exkursionsflora, Verlag Volk und Wissen, Berlin, 6. Auflage. 1987

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