"Derzeitige Therapien setzen zu spät an"

Prof. Dr. Heinz Wiendl und Privatdozentin Dr. Judith Alferink im Gespräch über die Alzheimer-Krankheit
Dr. Judith Alferink
© UKM/FZ

Weltweit sind rund 46 Millionen Menschen von Demenzerkrankungen betroffen, etwa 1,5 Millionen allein in Deutschland. Für 60 Prozent der Demenz-Fälle ist die Alzheimer-Krankheit verantwortlich. Anlässlich des Welt-Alzheimertags am 21. September sprach die Pressestelle der WWU mit Prof. Dr. Heinz Wiendl (Klinik für Allgemeine Neurologie) und Privatdozentin Dr. Judith Alferink (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie) über die Erkrankung und die Herausforderungen, die sie für die Forschung mit sich bringt. Beide Mediziner sind Wissenschaftler im Exzellenzcluster "Cells in Motion" (CiM) der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und erforschen die Rolle von Immunzellen im Gehirn bei der Entstehung von Erkrankungen.

Was passiert bei Alzheimer-Patienten im Gehirn?

Wiendl: Es kommt zu einem langsam fortschreitenden Absterben von Nervenzellen und den Kontakten zwischen ihnen. Sehr früh betroffen sind jene Nervenzellen, die an der Funktion des Gedächtnisses und der Orientierung beteiligt sind. Später kommen Sprachstörungen und Störungen bei der Koordination von Bewegungen hinzu. Welcher Mechanismus genau das Absterben hervorruft, ist noch nicht geklärt.

Alferink: Was wir wissen: Für den Rückgang von Hirngewebe ist die Ablagerung unauflöslicher Proteine verantwortlich, der sogenannten Beta-Amyloide. Sie ist ein Hauptmerkmal der Alzheimer-Krankheit. Zusätzlich lagern sich unauflösliche Fasern, die sogenannten Tau-Fibrillen, innerhalb der Nervenzellen ab. Und es kommt zu einer Entzündungsreaktion im Gehirn.

Wiendl: Die entzündlichen Prozesse und damit die an ihnen beteiligten Immunzellen spielen beim Untergang der Nervenzellen im Gehirn eine große Rolle. Aber man weiß nicht, ob Entzündungen die Alzheimer-Krankheit direkt auslösen oder ob sie eine Begleiterscheinung der Erkrankung sind.

Prof. Heinz Wiendl
© Peter Wattendorff

Was sind die größten Herausforderungen der Alzheimer-Forschung?

Wiendl: Wenn erste Symptome der Alzheimer-Krankheit auftreten, sind bereits etwa 80 Prozent der Nervenzellen an bestimmten Stellen des Gehirns abgestorben. Derzeitige Therapien setzen zu spät an. Deshalb wird intensiv an neuen Methoden geforscht, die ein Erkennen der Erkrankung in sehr frühen Stadien oder sogar noch vor den ersten Symptomen ermöglichen. Zweitens: Viele bisher entwickelte Medikamente zur Alzheimer-Therapie waren mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden, weil sie nicht gezielt auf die Krankheitsprozesse einwirkten. Derzeit wird daher weiter sehr intensiv an Medikamenten geforscht, die sehr gezielt die Prozesse bekämpfen, die im Gehirn von Alzheimerpatienten ablaufen. Dabei wird unter anderem untersucht, ob man Patienten schon früh gegen die gefährlichen Eiweißablagerungen im Gehirn impfen kann, die die Krankheit kennzeichnen.

Alferink: Impfstrategien sollen das Immunsystem des Patienten anregen, die krankhaften Proteine anzugreifen. Hier ist insbesondere die zielgerichtete Beeinflussung von Immunzellen eine große Herausforderung und ein vielversprechendes Forschungsziel mit erheblichem Therapie-Potenzial.

Kann jeder Mensch durch sein Verhalten Alzheimer vorbeugen?

Alferink: Der wichtigste Risikofaktor für eine Demenz ist das Alter. Damit verbunden ist ein höheres Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes – und diese wiederum sind Risikofaktoren für die Alzheimer-Demenz. Hier kann man durch eine gesunde Lebensweise tatsächlich sinnvoll vorbeugen. Das gilt auch für einen anderen Faktor: Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass psychischer Stress ein Risikofaktor für das Entstehen und Fortschreiten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein kann. Daher begünstigt Stress indirekt das Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Es gibt also kein "Geheimrezept", um das Auftreten von Alzheimer zu verhindern, aber man kann manche Risikofaktoren positiv beeinflussen.