(A7) Die religiöse Tiefengrammatik des Sozialen. Die Bedeutung der Religionsgemeinschaften für den normativen Hintergrund europäischer Wohlfahrtsstaatlichkeit

Die Debatten um das Selbstverständnis und die Wertgrundlagen des "europäischen Sozialmodells" spielen in den Identitätsbildungsprozessen der Europäischen Union eine elementare Rolle. Die modernen europäischen Wohlfahrtsstaaten sind aus komplexen Kooperations-, Bekämpfungs- und Transformationskonstellationen zwischen Staat und religiösen Glaubensgemeinschaften entstanden, die bisher nur anfangsweise aufgearbeitet worden sind. Unübersehbar ist, dass die normative "Tiefengrammatik" des modernen Wohlfahrtsstaates in hohem Maße, wenn auch in hochgradig diffuser Weise, durch religiös vermittelte Wohlfahrtsimpulse und Wertmuster geprägt worden ist – und bis heute geprägt wird, wobei sich das Spektrum beteiligter Konfessionen und Religionen durch die Arbeitsmigration und die Individualisierung moderner Religiosität deutlich verbreitert hat.

In der Forschung zur wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung in Deutschland und Europa wird die Frage nach religiösen und konfessionellen Grundlagen und Einflussfaktoren nur selten gestellt.  Während die an religiösen Aspekten interessierte neuere Wohlfahrtsforschung überwiegend eine politologische oder soziologische Perspektive verfolgt und auf Westeuropa begrenzt ist, geht es im Projekt um eine perspektivische und geographische Ergänzung dieser Sichtweise. Einerseits verfolgt es das Ziel, die theologische Perspektive, gleichsam die Binnensicht der religiösen Gemeinschaften, in das Gesamttableau zu integrieren, andererseits soll die bisherige Forschung durch den Blick nach Ost- und Südosteuropa erweitert werden. Der religiösen Dimension der wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung in Deutschland und Europa wird in zwei Teilprojekten nachgegangen: einer Rekonstruktion der wichtigsten die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung in Deutschland prägenden Semantiken wie z.B. "Arbeit", "Armut", "Familie", "Solidarität", "Verantwortung" und "Subsidiarität" (Teil A) und einer vergleichenden Analyse religiös-konfessioneller Einflussfaktoren in 13 europäischen Ländern  (Teil B).

Die Leitfrage des Gesamtprojekts lautet: Sind religiöse Traditionen aus sich selbst heraus wohlfahrtsstaatsproduktiv oder entwickeln sie diese Produktivität erst unter bestimmten historischen Bedingungen (beispielsweise in politisch-gesellschaftlichen Konfliktkonstellationen), und wenn dies so ist, unter welchen?

Jedes der beiden Teilprojekte wurde auf einem interdisziplinären Workshop diskutiert:


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