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Münster (upm).
Rektor Prof. Dr. Johannes Wessels (l.) gratuliert ezur Millionen-Förderung: Prof. Hubert Wolf (Mitte) und Prof. Dr. Patrick Sänger freuen sich über die Unterstützung ihrer geisteswissenschaftlichen KI-Forschung durch die Akademienunion.<address>© Uni Münster - Peter Leßmann</address>
Rektor Prof. Dr. Johannes Wessels (l.) gratulierte zur Millionen-Förderung: Prof. Hubert Wolf (Mitte) und Prof. Dr. Patrick Sänger freuen sich über die Unterstützung ihrer geisteswissenschaftlichen KI-Forschung durch die Akademienunion.
© Uni Münster - Peter Leßmann

Akademienunion fördert zwei Projekte mit fast 20 Millionen Euro

Vatikan und Ägypten im Fokus: Unterstützung für Forschung mithilfe künstlicher Intelligenz

Starker Schub für die Geisteswissenschaften: Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern hat heute (28. November) bekanntgegeben, dass die Universität Münster mit zwei Forschungsprojekten am neuen Akademienprogramm beteiligt sein wird. Die beiden Projekte haben eine Laufzeit von 25 beziehungsweise 15 Jahren, die Fördersumme beläuft sich auf insgesamt knapp 20 Millionen Euro. Mit diesem Programm, das die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften koordiniert, werden langfristige und vor allem geisteswissenschaftliche Forschungspläne gefördert. Start der Vorhaben „Der Vatikan und die Verfolgung der Juden in Europa“ unter Leitung des Kirchenhistorikers Prof. Dr. Hubert Wolf und „Die Krokodil- und Menschenmumien von Tebtynis“ mit Beteiligung des münsterschen Althistorikers Prof. Dr. Patrick Sänger ist der 1. Januar 2026. In beiden Projekten erschließen und analysieren die Wissenschaftler historische Quellen und machen sie mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) zugänglich.

15,4 Millionen Euro, verteilt auf eine Laufzeit von 25 Jahren, stellen der Bund, die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste und die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften dem Vatikan-Team zur Verfügung, das neben Hubert Wolf von dem Theologen Prof. Dr. Michael Seewald und dem Wirtschaftsinformatiker Prof. Dr. Jan vom Brocke angeführt wird. Sie wollen rund 10.000 Bittschreiben jüdischer Menschen an den Vatikan während der NS-Zeit untersuchen. Patrick Sänger und seine Kölner Kolleginnen und Kollegen erhalten vom Bund und dem Land Nordrhein-Westfalen 4,3 Millionen Euro, um 15 Jahre lang mehrere Tausend Papyrusfragmente aus Ägypten in altgriechischer Sprache zu erforschen.

„Die Akademienunion zeichnet damit herausragende geistes- und geschichtswissenschaftliche Forschung an der Universität Münster aus. Wir sind stolz darauf, dass die Teams um Hubert Wolf und Patrick Sänger auf viele Jahre hinaus ihre wichtige und ambitionierte Quellenarbeit ausweiten können – davon profitieren die Wissenschaft und Öffentlichkeit gleichermaßen“, betonte der Rektor der Universität Münster, Prof. Dr. Johannes Wessels.

Hubert Wolf konkretisierte die Bedeutung der finanziellen Unterstützung. „Die Förderung schafft exzellente Voraussetzungen, die Bittschreiben jüdischer Verfolgter aufzuarbeiten und das wichtige Thema ‚Vatikan und Shoah‘ wissenschaftlich verantwortet und mit all seinen Licht- und Schattenseiten in den nächsten 25 Jahren bearbeiten zu können.“ In der aktuellen Zeit gebe es nichts Wichtigeres, als die Lebensgeschichten der jüdischen Verfolgten öffentlich sichtbar zu machen. „Die Universität Münster bietet dafür hervorragende Rahmenbedingungen“, erklärte er.

Patrick Sänger unterstrich, dass die Förderung dem momentan stark steigenden Interesse Rechnung trage, bislang nicht publizierte Papyrusbestände mithilfe von KI auszuloten und zu entwickeln. Die Projektlaufzeit mache es möglich, den Einsatz von KI-Methoden bei der Fragment-Zusammenführung belastbar zu überprüfen. Davon könne die papyrologische Forschung insgesamt profitieren. Von Bedeutung sei schließlich auch, dass die dem Projektteam als Test- oder Untersuchungsmaterial dienenden Papyrusfragmente zu den Beständen der Papyrussammlung der Bancroft Library (University of California, Berkeley) gehören. „Dadurch wird die Forschungsstelle Papyrologie der Universität Münster international deutlich sichtbar“, unterstrich der Wissenschaftler.

Mit dem sogenannten Akademienprogramm fördert die Akademienunion, ein Zusammenschluss acht deutscher Wissenschaftsakademien, die Erschließung, Sicherung und Erforschung weltweiter kultureller Überlieferungen. Es ist derzeit das größte Langzeit-Forschungsprogramm für geistes- und sozialwissenschaftliche Grundlagenforschung in Deutschland. Gefördert werden ausschließlich Projekte von hoher wissenschaftlicher Relevanz mit einer Dauer von zwölf bis 25 Jahren. Mit der Entscheidung am Freitag erhalten vier neue Forschungsvorhaben aus Nordrhein-Westfalen beziehungsweise mit nordrhein-westfälischer Beteiligung eine Förderung, die Fördersumme für die vier Projekte beläuft sich auf rund 42 Millionen Euro.

An der Universität Münster laufen derzeit bereits drei Projekte mit Unterstützung der Akademien: „Novum Testamentum Graecum: Editio Critica Maior“ geleitet von Prof. Dr. Holger Strutwolf (Start: 2008), „Dialektatlas mittleres Westdeutschland: Der Klang des Westens“ unter Beteiligung von Prof. Dr. Helmut Spiekermann aus der Germanistik (Start: 2016) sowie „Heinrich Scholz und die Schule von Münster: Mit ihnen ist zu rechnen“ unter der Leitung des Philosophen Prof. Dr. Nico Strohbach (Start: 2023).

Die neuen Akademienprojekte der Universität Münster im Detail:

Der Vatikan und die Verfolgung der Juden in Europa (Standorte in Münster und Berlin, Gemeinschaftsprojekt der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften)

Während der Schoah wandten sich Tausende Juden in Bittschreiben an Papst Pius XII. und den Vatikan. Sie schilderten eindrücklich ihre Lebenssituation und ihr Leid. Gleichzeitig zeugen die Briefe von der Hoffnung auf Rettung. Männer, Frauen und Jugendliche aus Europa verfassten sie, wodurch sie ein breites Spektrum des „Jüdisch-Seins“ vor und während der Zeit des Nationalsozialismus abbilden. Die Bittschreiben, aber auch die Dokumente zu den Reaktionen des Vatikans und den dahinterstehenden internen Prozessen, sind für die Forschung erst seit dem Jahr 2020 in den vatikanischen Archiven zugänglich.

Es handelt sich um etwa 10.000 Bittschreiben mit rund 17.000 Seiten in mindestens 17 Sprachen. Hinzu kommen mehr als 55.000 Blatt umfassende Dokumente zur Entscheidungsfindung im Vatikan in zwölf Sprachen. Drei Wissenschaftler der Universität Münster wollen diesen einmaligen und bisher unbekannten Datenschatz mit ihrem Team heben: Dr. Hubert Wolf, Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte und einer der besten Kenner der vatikanischen Archive, Dr. Michael Seewald, Professor für Dogmatik und Leibniz-Preisträger, sowie Dr. Jan vom Brocke, Professor für Wirtschaftsinformatik und Leiter des European Research Center for Information Systems (ERCIS). Sie verfolgen mit ihrem Forschungsvorhaben „Der Vatikan und die Verfolgung der Juden in Europa. Bittschreiben an den Papst und ihr Weg durch die vatikanischen Instanzen. Digitale Edition und Auswertung eines der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Quellenkorpus“ zwei Hauptziele: Zum einen wollen sie die Geschichten rekonstruieren, die sich hinter den Bittschreiben verbergen, sowie die Briefe und Entscheidungen des Vatikans in einer digitalen Edition publizieren. Zum anderen wollen sie durch die Auswertung der Quellen mithilfe moderner KI-Methoden zentrale Forschungsfragen beantworten: Wer waren die Bittsteller? Worum haben sie den Papst konkret gebeten? Was passierte mit den Bitten im Vatikan? Erstmals lassen sich auf diese Weise zudem offene Fragen zur Haltung des Papstes und der Kurie zur Schoah differenziert beantworten.

Die Dokumente, die Datensätze für alle in den Quellen erwähnten Personen und die rekonstruierten Einzelfälle werden auf einer benutzerfreundlichen und mehrsprachigen Webseite der Wissenschaft, aber auch der Öffentlichkeit und insbesondere den Verfolgten, ihren Familien und Nachfahren zur Verfügung gestellt.

Die Krokodil- und Menschenmumien von Tebtynis (Standorte in Köln und Münster)

Etwa 20.000 Fragmente hellenistischer Papyri lagern seit den 1930er-Jahren in der Bancroft Library auf dem Campus der University of California in Berkeley. Sie sind mit altgriechischen Texten unterschiedlicher Gattungen beschriftet: Es handelt sich um Werke großer Literatur, um königliche Erlasse, Teile amtlicher oder privater Korrespondenz, Verträge, offizielle Berichte, Steuerquittungen und viele andere Dokumente.

Rund 1.050 dieser Papyrusfragmente konnten bislang von der Forschung ganz oder teilweise erschlossen und publiziert werden. Der größte Teil dieser Sammlung ist jedoch unerforscht. Alle diese Schriftzeugnisse stammen aus derselben Grabungsstätte: Sie wurden im Winter 1899/1900 während archäologischer Ausgrabungen in der antiken Stadt Tebtynis im heutigen Tell Umm el-Baragat in Ägypten entdeckt. Die Stadt war ein wichtiges Kultzentrum des altägyptischen Krokodilgotts Sobek. Die Fragmente waren nach ihrer primären Nutzung zur Herstellung von Menschen- und Krokodilmumien wiederverwendet worden.

Im Akademieprojekt „Die Krokodil- und Menschenmumien von Tebtynis: KI-gestützte Zusammenführung und editorische Erschließung hellenistischer Papyri der Bancroft Library (Berkeley)“ wollen Prof. Dr. Charikleia Armoni, Kustodin der Papyrussammlung der Universität zu Köln, Prof. Dr. Jürgen Hammerstaedt vom Kölner Institut für Altertumskunde und Dr. Patrick Sänger, Professor für Alte Geschichte an der Universität Münster, die Objekte erschließen, editorisch bearbeiten und publizieren.

Durch den Einsatz geeigneter KI-gestützter Methoden, des sogenannten Fragment-Matching`, wollen die Forscher die vielen Tausend unerschlossenen Fragmente, die sich beim Herauslösen aus den Mumien ergaben, zusammenführen und so den Quellenwert ausschöpfen. Das Projekt soll auch dabei helfen, ein internationales Netzwerk von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aufzubauen, die in der Textedition geschult und methodisch mit den neuesten Ansätzen vertraut sind – dies soll die Erschließung papyrologischer Quellen und die Erweiterung der Kenntnisse über das hellenistische Ägypten auch für die weitere Zukunft sicherstellen.

Unterstützt werden die Forscher aus Köln und Münster vom „Center for the Tebtunis Papyri“ in Berkeley und dem „Cologne Center for eHumanities (CCeH)“. Geplant ist eine Publikationsplattform, auf der die Ergebnisse der internationalen papyrologisch-althistorischen Forschung und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

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