Marc Drögemöller

Dissertationsprojekt am ZNS
Buchcover

Zwei Schwestern in Europa. Die deutsche und niederländische Sozialdemokratie zur Zeit der Teilung Deutschlands 1945–1990 (abgeschlossen)

Veröffentlicht im Vorwärts Buch Verlag Berlin 2008, 385 Seiten, broschiert, ISBN 978-3-86602-139-6, 29,95 Euro, mit einem Vorwort von Kurt Beck und Wouter Bos

Daß nach dem Zweiten Weltkrieg aller Anfang schwer war in den deutsch-niederländischen Beziehungen, ist bereits in vielen Publikationen herausgearbeitet worden.1 Lange Jahre machten sich im Verhältnis zwischen den beiden Nachbarländern vor allem Mißverständnisse und problematische wechselseitige Wahrnehmungen bemerkbar. Der Spannungszustand zwischen Mißtrauen und Unbehagen auf der einen, der niederländischen Seite und der gleichzeitige Zwang zur sicherheitspolitischen Einbeziehung der Bundesrepublik auf der anderen Seite ließ sich zunächst nicht auflösen. Es waren die Befürchtungen vor einer sowjetischen Expansion, einer möglichen Sowjetisierung Westdeutschlands, die die Suche nach Kontakten zu dem früheren Feind erforderlich machten; die Sicherheit Westeuropas schien nur durch eine Einbindung der Bundesrepublik gewährleistet.2 Dieser Umstand brachte es mit sich, daß die tiefen Erinnerungen an den nationalso-zialistischen Eroberungskrieg und den Holocaust zumal in den Niederlanden zurückgedrängt werden mußten. Dazu wuchs im Interesse des eigenen Wiederaufbaus sehr schnell die Einsicht, keineswegs auf den Absatzmarkt des deutschen ‚Hinterlandes‘ verzichten zu können. Zu den außen- und sicherheitspolitischen Motiven kamen also auch wirtschaftliche.

Dieser Neuanfang der beiden „ungleichen Nachbarn“3 und die langsame Herausbildung gefestigter Beziehungen sind bisher fast ausschließlich aus der Perspektive der direkten bilateralen Kontakte auf Regierungsebene betrachtet worden.4 Eine in der Forschung kaum beachtete Bedeutung nimmt das facetten- und nicht minder spannungsreiche Verhältnis zwischen den sozial-demokratischen Schwesterparteien der beiden Länder ein. Als Verfechter der gleichen politischen Grundgedanken und als international ausgerichtete Organisationen standen die Partij van de Arbeid (PvdA) und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) nach dem Krieg vor einem Neuanfang in ihren gegenseitigen Parteibeziehungen. Auf dem Gebiet des deutsch-niederländischen Verhältnisses hatten beide einen festen Platz. Dabei lag der Schwerpunkt ihrer zahlreichen Konsultationen nicht selten auf dem Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik. Die ungelöste deutsche Frage als offene Flanke der europäischen Sicherheit war für PvdA und SPD ein zentrales Thema, sie bildete den Hintergrund, vor dem über das jeweilige nationale Sicherheitsbedürfnis und die parteipolitischen Eigeninteressen gemeinsam debattiert und gestritten wurde. Ort der Auseinandersetzungen waren nicht nur eine Vielzahl bilateraler Treffen der jeweiligen Parteigliederungen und Parlamentsfraktionen, sondern auch die internationale Ebene mit der Sozialistischen Internationale und dem Zusammenschluss der europäischen Sozialdemokraten und Sozialisten.

Daß das politische Miteinander der zwei sozialdemokratischen Schwesterparteien nicht immer reibungslos funktionierte, zeigt ein Blick auf die kleine Auslese bisher vereinzelt erschienener Aufsätze, die von einer schwierigen Zusammenarbeit zeugen: Außenpolitik als trennender Faktor. PvdA und SPD in den frühen fünfziger Jahren; PvdA, die Hornisse der SPD; PvdA und SPD – das Ärgernis, die Zweifel und die Betroffenheit.5 Ob es die schweren Auseinandersetzungen um die Europapolitik in den fünfziger Jahren waren, der Streit um die Anerkennung der DDR in den sechziger Jahren oder die Meinungsverschiedenheiten bezüglich einer möglichen Nachrüstung am Ende der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre – Unstimmigkeiten schienen eher die Regel als die Ausnahme zu sein.

Die vorhandenen Diskrepanzen unterstreichen, daß es sich um mehr als nur eine höfliche Anteilnahme handeln mußte, die im Verhältnis zwischen zwei sozialdemokratischen Parteien eine Rolle spielte. Wirkte sich das belastete deutsch-niederländische Verhältnis dermaßen tiefgreifend auf die Parteibeziehungen aus, daß von einem Arrangement zweier ungleicher Schwestern im Schatten zweier ungleicher Nachbarn ausgegangen werden muß? Oder waren PvdA und SPD mit Blick auf außen- und sicherheitspolitische Weichenstellungen einfach zumeist anderer Meinung?

Mit dem Promotionsvorhaben setzte ich mir zum Ziel, die verschiedenen Konzeptionen der beiden Parteien in der Außen- und Sicherheitspolitik einander gegenüberzustellen und sie in den einzelnen Phasen zwischen 1945 und 1990, d.h. zwischen Kaltem Krieg, Entspannung und deutscher Wiedervereinigung zu untersuchen. Dabei wird es nicht ausschließlich um die Analyse spezifisch sozialdemokratischer Vorstellungen gehen, denn es soll auch die Frage aufgeworfen werden, welche möglichen Rückschlüsse aus diesen unterschiedlichen Konzeptionen für das deutsch-niederländische Verhältnis in seiner Gesamtheit zu ziehen sind. Die Erforschung der Kontakte zwischen den beiden sozialdemokratischen Parteien kann demnach einen wichtigen Beitrag leisten, das selten einfache Beziehungsgeflecht der beiden Länder und ihre grundsätzliche Verschiedenartigkeit vor allem im Hinblick auf die politische Kultur zu beleuchten.

Voraussetzung hierfür ist die Ausarbeitung eines vollständigen und zusammenhängenden Gesamtüberblicks, der über die bisher untersuchten Teilbereiche der Europapolitik,6 der Anerkennung der DDR7 und der Nachrüstung8 hinausgeht. So sind wichtige außenpolitische Momente und Phasen wie der Umgang mit der Berlin-Krise, die Folgen des Mauerbaus und die gemeinsame Begleitung der Ost- und Deutschlandpolitik Willy Brandts zwischen 1969 und 1974 bisher ebenso wenig untersucht worden wie die sogenannte zweite Ostpolitik in den achtziger Jahren. Auch fehlt eine Analyse der Reaktionen beider Parteien auf die politischen Umwälzungen der Jahre 1989/90 und die Herausforderungen der deutschen Wiedervereinigung.

An Quellen sind neben den Publikationen der Parteien, ihren Programmen und Parteitagsprotokollen vor allem die Archive von PvdA9 und SPD10 sowie ihrer maßgeblichen Politiker nach 1945 heranzuziehen. Für die deutsche Seite kommen dabei die Vorsitzenden Kurt Schumacher (1946–1952), Erich Ollenhauer (1952–1963) und Willy Brandt (1964–1987, zwischen 1969 und 1974 zugleich Regierungschef) sowie Bundeskanzler Helmut Schmidt (1974–1982) und die Sicherheitsexperten Fritz Erler, Egon Bahr und Karsten Voigt in Betracht. Für die PvdA sind insbesondere die Schriftstücke der früheren Ministerpräsidenten und Parteiführer Willem Drees (1948–1958) und Joop den Uyl (1973–1977) sowie ferner der internationalen Parteisekretäre Alfred Mozer (1949–1958) und Maarten van Traa (1979–1987) und der Fraktionsvorsitzenden Marinus van der Goes van Naters (1946–1951) und Jaap Burger (1958–1962) sowie des Sicherheitsexperten Ernst van der Beugel heranzuziehen. Die den SPD-Vorsitzenden unterstellte Auslandsabteilung ist für die Archivforschung von ungeheurer Bedeutung, da hier ebenso wie im internationalen Sekretariat der PvdA die Beziehungen zu den Schwesterparteien koordiniert wurden. Hinzu kommen die Archive der beiden Parlamentsfraktionen im Deutschen Bundestag und in der niederländischen Zweiten Kammer, da sich in unregelmäßigen Abständen auch die jeweiligen Mitglieder der außen- und verteidigungspolitischen Ausschüsse zu Beratungen getroffen haben. Für die Zusammenarbeit der Schwesterparteien auf europäischer Ebene ist auf das Archiv der Sozialistischen Internationale und das ihrer Vorläufer-Organisation, dem Committee of International Socialist Conferences (COMISCO), zurückzugreifen.11 Zu ergänzen ist das Quellenmaterial mit Zeitungsartikeln von beteiligten Politikern und den außenpolitischen Berichterstattern und Korrespondenten sowie einschlägigen Periodika und der Sekundärliteratur.

Abgerundet werden soll die Arbeit schließlich durch Interviews und Hintergrundgespräche mit Zeitzeugen und Experten wie dem ehemaligen Leiter der SPD-Auslandsabteilung, Hans-Eberhard Dingels, dem Direktor des Wissenschaftlichen Büros der PvdA (der Wiardi-Beckman-Stichting in Amsterdam), Paul Kalma, den langjährigen Sicherheitsexperten Karsten Voigt, Egon Bahr und Piet Dankert, der in den sechziger Jahren auch internationaler Sekretär der PvdA war, sowie dem zweimaligen niederländischen Außenminister Max van der Stoel (1973–1977, 1981/82). Letzterer führte in den Jahren zwischen 1958 und 1963 das internationale Parteisekretariat der niederländischen Sozialdemokraten. Sowohl von van der Stoel wie auch von Dankert existieren keine archivierte Sammlung oder ein Depositum ihres politischen Wirkens, so daß hier Zeitzeugengespräche von besonderer Bedeutung sind.

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1     Vgl. hierzu vor allem F. Wielenga, Vom Feind zum Partner. Die Niederlande und Deutschland seit 1945, Münster 2000.
2     Vgl. F. Wielenga, West-Duitsland: partner uit noodzaak. Nederland en de Bondsrepubliek 1949–1955, Utrecht 1989.
3     H. Lademacher, Zwei ungleiche Nachbarn. Wege und Wandlungen der deutsch-niederländischen Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert, Darmstadt 1990.
4     Vgl. auch H.J.G. Beunders/H.H.Selier, Argwaan en profijt. Nederland en West-Duitsland 1945–1981, Amsterdam 1983; J.C. Hess/H. Schissler (Hrsg.), Nachbarn zwischen Nähe und Distanz. Deutschland und die Niederlande, Frankfurt a.M. 1988; J.Vis/G. Moldenhauer Die Niederlande und Deutschland. Einander kennen und verstehen, Münster u.a. 2001.
5     F. Wielenga, Buitenlandse politiek als splijtzwam. PvdA en SPD in de vroege jaren vijftig, in: Socialisme en Democratie 44 (1987), S. 193–199; H.J.G. Beunders/H.H. Selier, De PvdA, de horzel van de SPD, in: Dies. (wie Anm. 4), Kap. VII, S. 74–96; H. van den Bergh, De PvdA en de SPD – De ergenis, de twijfels en de betrokkenheid, in: M. Krop, Burengerucht. Opstellen over Duitsland, Deventer 1978, S. 364–372.
6     Vgl. hierzu auch W. Notten, Zur Wiederaufnahme bilateraler Beziehungen zwischen SPD und PvdA 1945–1955. Über die Auseinandersetzung zwischen deutschen und niederländischen Sozialdemokraten in der Europapolitik, Magisterarbeit Westfälische Wilhelms-Universität Münster 1993.
7     Siehe bei J. Pekelder, Die Niederlande und die DDR. Bildformung und Beziehungen 1949–1989, Münster 2002. Vgl. auch W. Gortzak, Nieuw Links, de erkenning van de DDR en het SED-archief, in: Het dertiende jaarboek voor het democratisch socialisme 13 (1992), S. 69–87; F.A. Zuijdam, Nieuw Links en de erkenning van de DDR, Amsterdam 1995.
8     Vgl. M. Drögemöller, Die zwei ungleichen Schwestern. PvdA und SPD und die internationale Sicherheit 1977–1983, Magisterarbeit Westfälische Wilhelms-Universität Münster 2001.
9     Amsterdam. Die Archive des Ministerpräsidenten Willem Drees sowie der Parlamentarier Marinus van der Goes van Naters, Jaap Burger und Ernst van der Beugel befinden sich im Nationaalarchief (NA) in Den Haag.
10     Diese befinden sich im Archiv der Sozialen Demokratie (AdSD) der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn.
11     Die Archive beider Organisationen sind ebenfalls im IISG einzusehen.

Dieser Text erschien in: Jahrbuch des Zentrums für Niederlande-Studien 13, 2002, Münster 2003, S. 194-197.