"Untersuchungen zur SPÄTEN KUPFERZEIT UND Frühen Bronzezeit (Karanovo VI – CernavodĂ III) in Drama (Südostbulgarien)"

Kurzbeschreibung
Die Jahrhunderte zwischen 3.900 und 3.200 cal. BC sind im Balkanraum durch Auflösungserscheinungen vorher gut zu definierender Kulturareale (v.a. Kodžadermen-Gumelniţa-Karanovo-VI) gekennzeichnet. Einerseits belegen zahlreiche archäologische Merkmale aufgrund der vielerorts spärlichen Fundüberlieferung einen Bevölkerungsrückgang bzw. sogar die Entvölkerung größerer Landstriche. Andererseits wird, aufgrund des Auftretens "fremdartigen" Formengutes vom Typ Cernavodă I, mit der Anwesenheit neuer Bevölkerungen gerechnet. Der Raum südlich des Balkangebirges weist im frühen und mittleren 4. Jahrtausend fast überhaupt keine Hinweise auf Besiedlung mehr auf. In dieser Situation ist die Entdeckung einer Ansiedlung der Cernavodă-III-Kultur in Drama / Südostbulgarien im Jahre 1998 von besonderer Bedeutung. Stratigraphische Beobachtungen an der Fundstelle Drama-Merdžumekja "Südosthang" gestatten es, die Abfolge von der entwickelten Karanovo-VI-Kultur zum frühestbronzezeitlichen Cernavodă III-Phänomen nachzuzeichnen und die Qualität des Kulturwandels durch Funde und Befunde einer großflächigen Ausgrabung erstmals präziser zu beschreiben.

Gruppenbilddrama

Das Team der Kampagne 2009. Vorne (von links nach rechts): R. Gleser, M. Thomas, V. Becker, K. Uzunov,
J. Wichert. Hinten: P. Hessel, C. Fiutak, N. Čamova, K. Ward, C. Keßler, J. Pütz.

Die von August 2008 bis Dezember 2011 mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft durchgeführte und jetzt publiziert vorliegende Aufarbeitung der Grabungsergebnisse (Gleser / Thomas 2012) liefert Hinweise auf mindestens zwei Cernavodă-III-zeitliche Hausplätze sowie einige Siedlungsgruben gleicher Zeitstellung. Diese überlagern stratigraphisch mehrere Karanovo-VI-zeitliche Fundschichten, darunter die Einfüllung des Grabens Obj. 360, welcher der älteste am Südosthang erfasste Befund darstellt (Periode Karanovo VI, Stufe 2). Die Stratigraphie ist außerdem von einem mächtigen, fossil überprägten Kolluvium gekennzeichnet, das die Karanovo-VI-Schichten von den frühestbronzezeitlichen Befunden trennt und seinerseits in vertikaler Folge Funde enthält, die diesen Perioden zuzurechnen sind. Der zeitliche Unterschied zwischen Karanovo VI (ca. 4600-4300 BC cal.) und Cernavodă III (ca. 3500-3300 BC cal.) beträgt in Drama, neuen AMS-Daten zufolge (Gleser 2011), fast 800 Jahre.

In den Sommern 2009 und 2010 fanden Aufarbeitungskampagnen in Drama statt (Kooperation der Universitäten Münster und Saarbrücken), mit dem Ziel, die stratigraphisch abgesicherten Funde vom Südosthang der Tellsiedlung Merdžumekja zu sichten, zu datieren und zu dokumentieren, und zwar in Ergänzung zur bereits vorhandenen, sehr umfangreichen Dokumentation. Insgesamt wurden am Südosthang etwa 100.000 keramische Funde geborgen, wovon ca. 50.000, getrennt nach den 16 Grabungsarealen und nach stratigraphischen Einheiten, gesichtet werden konnten. Das Team fertigte von ausgewählten Stücken ca. 4.500 Fundfotografien und 972 Zeichnungen an, wodurch sich die Gesamtzahl gezeichneter Fundobjekte vom Südosthang auf etwa 2.700 erhöht.

Parallel zu den Dokumentationsarbeiten für
Merdžumekja-Südosthang arbeitete Valeska Becker am Fundkatalog der Figurinen und der keramischen Kleinplastik. Äußerst wertvolle Vergleichsdaten für das Depositionsgeschehen am Südosthang lieferte die Aufnahme der Keramik vom Südwesthang des Tells Merdžumekja (Grabung 1997-1998) im Jahr 2010. Des Weiteren konnten im Jahr 2010 insgesamt 117 Erdproben von unterschiedlichen Fundstellen in der Mikroregion von Drama geschlämmt und zur botanischen Auswertung durch Elena Marinova-Wolff vorbereitet werden.

Keramikbestimmung

Keramikbestimmung im "Adlerhorst".
Links M. Thomas und C. Keßler, rechts P. Hessel.

Mittels GPS-Einmessung im Jahre 2009 gelang es außerdem, den Siedlungshügel Merdžumekja zu georeferenzieren, als Grundlage eines in Arbeit befindlichen dreidimensionalen Modells dieser Fundstelle. Sechs Geländebegehungen in der Mikroregion von Drama verliefen erfolgreich, wobei vor allem die Begehung auf dem nur wenige Kilometer entfernten Tell von Krumovo hervorzuheben ist. Sie erbrachte Hinweise auf eine weitere Cernavodă-III-Fundstelle, in ähnlicher Lage wie in Drama-Merdžumekja. Die Auswahl von insgesamt über 20 Knochenproben aus wichtigen stratigrafischen Einheiten zur AMS-Datierung hat es ermöglicht, Befunde der Perioden Karanovo VI und Cernavodă III auch absolutchronologisch zu fixieren. Mehrere Scherben von typologisch und chronologisch relevanten Gefäßen wurden zur chemischen und petrografischen Analyse ausgewählt.

Gruppe 2010

Das Team der Kampagne 2010.
Von rechts nach links: R. Gleser, K. Ward, N.
Čamova, M. Thomas, V. Becker,
N. Gleser, C. Keßler, P. Hessel, D. Hörtzsch, J. Pütz.


Im August 2011 wurde eine geomagnetische Prospektion auf dem Siedlungshügel von Krumovo "Kirčova Vodenica" unter der Leitung von Ilija Iliev (Hist. Museum Jambol) in Angriff genommen. Die technische Durchführung oblag Čavdar Kirilov (Sv.-Kl.-Ohridski-Universität Sofia). Als Ergebnis dieser Prospektionsmaßnahme lässt sich der sichere Nachweis einer ovalen, vermutlich in die Karanovo-VI-Periode datierenden Steinstruktur als äußerer Begrenzung der Tellsiedlung festhalten, ein ringförmiger Graben im Innern sowie eine Bebauung außerhalb der Befestigung im Westen des Siedlungshügels. Als Ergänzung zur Geomagnetik wurden die zahlreichen Lesefunde aus Krumovo, die im Grabungshaus in Drama lagern, gesichtet und ausgewählte Stücke davon zeichnerisch und fotografisch dokumentiert. Den Lesefunden nach zu urteilen deckt Tell Krumovo ungefähr die gleichen Zeitstufen ab wie Tell Merdžumekja: Neben sporadischen Funden aus dem Neolithikum und der Eisenzeit sowie einigen römischen Funden liegt der Schwerpunkt des Fundaufkommens eindeutig auf der Kupferzeit und der klassischen Frühbronzezeit.
Weiterhin konnten während des Aufenthalts letzte Dokumentationsarbeiten an Fundmaterialien der Fundstellen Merdžumekja-Südosthang und Merdžumekja-Südwesthang durchgeführt werden.

Gruppe2011

Das Team der Kampagne 2011. Von links nach rechts: M. Thomas, L. Franzke, G. Precht, P. Boneva, M. Weda, V. Becker, R. Gleser, D. Hörtzsch, C. Keßler, N. Čamova, I. K. Iliev, K. Uzunov.

Mehrere Exkursionen ermöglichten eine Einordnung des Fundmaterials aus Drama im Vergleich zu solchem anderer Fundstellen in Südostbulgarien. Vor allem sind neu entdeckte Cernavodă-III-Siedlungsstellen südlich von Karnobat im Jahr 2009 zu erwähnen, die deutliche Bezüge zur Cernavodă-III-Ansiedlung von Merdžumekja-Südosthang zeigen. Exkursionen führten 2010 zu den Ausgrabungen von Provadija - „Solnicata“, Djadovo und Junacite, sowie 2011 zu den Ausgrabungen in Aşaği Pınar und am Ada Tepe bei Krumovgrad. Ein herzliches Dankeschön für die Unterstützung und den freundlichen Empfang an Vassil Nikolov (NAIM-BAN), Ivan Gacov (NBU Sofia / NAIM-BAN), Diana Gergova (NAIM-BAN), Krassimir Leštakov (Sv.-Kl.-Ohridski-Universität Sofia), Mehmet Özdoğan (İstanbul Üniversitesi), Heiner Schwarzberg (LMU München), Krum Băčvarov (NAIM-BAN), Hristo Popov (NAIM-BAN), Velička Macanova (Hist. Museum Pazardžik), Peter Kalčev (Hist. Museum Stara Zagora), Rositsa Hristova (Hist. Museum Karnobat); ein besonderes Dankeschön für ihre unermüdliche Hilfe geht an Ilija Iliev (Hist. Museum Jambol) und Neli Čamova.

Gynaikomorph

Gynäkomorphes Gefäß vom Südosthang von Drama-Merdžumekja.

Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft 2008-2011

Literatur:


V. Becker, Zur Zerstörung geschaffen. Anthropomorphe Figurinen der Kupferzeit Südosteuropas. In: Taphonomie. Sitzung der AG Neolithikum im Rahmen des WSVA, Nürnberg 26.5.-27.5.2010. Fokus Jungsteinzeit. Berichte der AG Neolithikum 3 (Kerpen-Loogh 2012) 221-235.

V. Becker / M. Thomas, Ausgewählte Kleinfunde aus Drama, Fundstelle "Merdžumekja-Südosthang". Typologie und stratigraphischer Kontext. In: H.-J. Beier (Hrsg.), Varia Neolithica VII. Beiträge zur Ur- und Frühgesch. Mitteleuropas 63 (Langenweißbach 2011) 105-146.

R. Gleser, Ein gynäkomorphes Gefäß der Cernavodă III-Kultur von Drama (Südostbulgarien). Studia Praehistorica 13, 2010, 243-265.

R. Gleser, Radiokarbondaten aus Drama: Stand der Forschungen bis zum Jahre 2010. Studia Praehistorica 14, 2011, 177-204.

R. Gleser, Neue siedlungsarchäologische Daten zur frühesten Bronzezeit an der unteren Tundža. In: V. Nikolov / W. Schier (Hg.), Internationales Humboldt-Kolleg: „Der Schwarzmeerraum vom Neolithikum bis in die Früheisenzeit (6000 – 600 v. Chr.): Kulturelle Interferenzen in der Zirkumpontischen Zone und Kontakte mit ihren Nachbargebieten“ (Varna, Bulgarien, 16. bis 20. Mai 2012). Prähistorische Archäologie in Südosteuropa Bd. 30 (Rahden/Westf. 2016) 371-389.

R. Gleser / M. Thomas, "Merdžumekja"-Südosthang. Späte Kupferzeit und Früheste Bronzezeit: Ergebnisse siedlungsarchäologischer Forschungen. Drama - Forschungen in einer Mikroregion Bd. 1 (Bonn 2012).

R. Hristova, Pottery from the beginning of the Early Bronze Age from the site of Bada Bunar, near Karnobat. Archeologia (Sofia) 49, 2008, 93-102.

J. Lichardus / I. K. Iliev, Die Cernavodă III-Siedlung von Drama-Merdžumekja in Südostbulgarien und ihre Bedeutung für Südosteuropa. In: P. Roman/S. Diamandi (Hrsg.), Cernavodă III - Boleráz.  Ein vorgeschichtliches Phänomen zwischen dem Oberrhein und der unteren Donau. Symposium Mangalia/Neptun, 18.-24. Oktober 1999 (Bucureşti 2001) 166-198.

J. Lichardus / A. Fol / L. Getov / R. Echt / R. Gleser / R. Katin čarov / D. Vollmann / F. Fecht / I. K. Iliev, Bericht über die bulgarisch-deutschen Ausgrabungen in Drama (1996-2002). Neolithikum - Kupferzeit - Bronzezeit - Eisenzeit - Römerzeit. Ber. RGK 84, 2003, 155-221.

M. Thomas, Frühbronzezeitliche Lappengefäße aus Südostbulgarien. Studia Praehistorica 14, 2011, 333-356.

M. Thomas / R. Gleser, Zur Problematik von Schichtenfolge und Fundverteilung am Fuße einer Tellsiedlung: Der Südosthang von Drama-Merdžumekja. In: Taphonomie. Sitzung der AG Neolithikum im Rahmen des WSVA, Nürnberg 26.5.-27.5.2010. Fokus Jungsteinzeit. Berichte der AG Neolithikum 3 (Kerpen-Loogh 2012) 107-126.

Drama Buchdeckel

Projektteam: Prof. Dr. Ralf Gleser (WWU); Dr. Matthias Thomas (Universität des Saarlandes); Dr. Valeska Becker (WWU) und Studierende.