Siedlungsarchäologische Forschungen in Sarnevo, Südbulgarien

Landschaftsarchäologische Untersuchungen zur neolithischen und chalkolithischen Besiedlung in der Mikroregion von Sărnevo (Südbulgarien)

Abstract
The institute for pre- and protohistoric archaeology of the University of Münster in collaboration with the Archaeological Institute of the Bulgarian Academy of Sciences and the German Archaeological Institute was conducting geomagnetical surveys using a large scale magnetometry system in the area of Sarnevo, Bulgaria in the years 2014 and 2015. During the construction of the so called Thracian Motorway the site became recently known for neolithic ritual places and tell settlements. The investigation successfully resulted in images showing dwellings on tells and satellite settlements surrounded by circled earthworks. The typical diameter of the enclosures is about 130 m. Casually recorded geological features add information to the reconstruction of ancient landscapes. Further, destruction of archaeological objects by recent unsupervised interventions become obvious.

Bei Rettungsgrabungen im Vorfeld des Autobahnbaus (Trakia Motorway) in Südbulgarien konnten von Krum Bacvarov in der Nähe des Dorfes Sărnevo 2008 bis 2010 sehr gut erhaltene Befunde des Neolithikums entlang des Flusses Azmaka dokumentiert werden. Mittels Geomagnetik und Surveys wurden an der Trasse der Autobahn zwei prähistorische Siedlungshügel (Tell „Kaleto" und Tell „Sadăkova Mogila") und eine frühneolithische Fundstelle ("Pilyov Kaynak", frühes 6. Jt. v.Chr.) mit gerundet verlaufenden linearen Siedlungsstrukturen identifiziert. Für Tell „Kaleto" (6. und 5. Jt. v.Chr.) waren vier(!) „Satellitensiedlungen" im Gelände und auf Luftaufnahmen zu erkennen - eine vollkommen neue, von der Forschung bislang nirgendwo sonst identifizierte Konstellation.

Mit dem hier durchgeführten, auf internationaler Kooperation mit der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften und dem Deutschen Archäologischen Institut basierenden Projekt wird das Ziel verfolgt, durch gezielte Prospektionsmaßnahmen und begleitende transdisziplinär ausgerichtete Ausgrabungen sowie geoarchäologische Untersuchungen an der frühneolithischen Fundstelle einerseits und an Tell „Kaleto" sowie den benachbarten Siedlungsstellen andererseits das Erkenntnispotenzial der Mikroregion zu evaluieren. Im Mittelpunkt stehen dabei die Qualität der ersten bäuerlichen Besiedlung im 6. Jahrtausend und das Ausmaß der wirtschaftlichen und sozialen Differenzierung im 5. Jahrtausend. Dem Projekt kommt dadurch grundlegende Bedeutung bei der Klärung zweier wichtiger Kulturphänomene in der Vorgeschichte Südosteuropas zu. Die Mikroregion von Sărnevo bietet prinzipiell ideale Möglichkeiten, Siedlungs- und Wirtschaftsmuster einer Kulturlandschaft während verschiedener prähistorischer Epochen zu verfolgen. Eine über das geplante Projekt hinausgehende längerfristige Erforschung dieser Siedlungskammer kann zudem wertvolle Erkenntnisse in Bezug auf natürliche Umweltarchive liefern, die genutzt werden können, um die Paläoumwelt und den anthropogenen Einfluss auf die Landschaft sowie die Erhaltungs- und Auffindebedingungen archäologischer Befunde festzustellen.

Draft Efob Komp Sarnevo 2015 Abb4
Abb. 1

In zwei knapp einwöchigen Herbstkampagnen 2014 und 2015 wurden drei der bislang festgestellten Siedlungsplätze mit einer Gesamtfläche von mehr als 40 ha geomagnetisch prospektiert. Der Siedlungshügel "Kaleto" (Abb. 1) erhebt sich heute noch etwa 6 m über seine Umgebung. Er liegt in einem Dreieck, welches durch zwei Arme des Azmaka-Flusses gebildet wird und nach Norden offen bleibt. Im Magnetbild sind sehr deutlich geologische Strukturen zu erkennen. Das frühere mäanderartige Flussbett umschließt neben dem Tell drei weitere Nebensiedlungen auf geringeren Anhöhen. Die topographische Darstellung, die aus den Messdaten gewonnen wurde, macht die Geländeform mit den Spuren der ursprünglichen Oberfläche anschaulich. Dieser Teil des Flussverlaufs mit seinen Inseln wurde offensichtlich bewusst für eine Besiedlung aufgesucht. Der Tell zeigt eine leicht elliptische Form mit einer etwas steileren Flanke auf der Ostseite, während die Westseite flacher abfällt. Er konnte bis auf eine kleine Fläche auf seinem Gipfel befahren und magnetisch kartiert werden. Gut im Messbild zu erkennen sind mehrere Ringe sowohl am Fuß des Hügels als auch starke kreisförmige Magnetfeldanomalien um den oberen Kernbereich. Sie lassen sich als Graben-Wallanlagen bzw. Befestigungswerke interpretieren. Die obere Kreisanlage misst ca. 2.600 m² in der Fläche, der gesamte Tell hat einen maximalen Durchmesser von rund 130 m. Die ehemals intensive Bebauung spiegelt sich im Magnetogramm in den Schwarz-Weiß-Kontrasten wider, welche auf verbrannte Häuser schließen lassen. Zu unterscheiden sind offensichtlich Bauten auf dem Gipfelplateau und eine kreisförmige Randbebauung an den Hängen. Eine Rampe scheint von Süden her auf den Hügel geführt zu haben. Umgeben wird Tell "Kaleto" von mehreren Satellitensiedlungen, die sich auf Flächen zwischen 0,8 und 1,6 ha deutlich über dem Flussbett mit klaren Uferkanten erheben. Auch dort sind zumindest zahlreiche Grubenanhäufungen zu erkennen, vereinzelt bilden sie Pfostenreihungen. Im Gesamtbild erscheinen sie jeweils als leicht kreisförmige Anlagen. Die beiden südlichen "Inseln" sind durch die Flusskanalisierung heute leider nicht mehr vollständig erhalten. Die Anlage hat sich aber offensichtlich nicht jenseits des Azmaka-Flusses fortgesetzt. Weitere Magnetikmessungen haben keine vergleichbaren Strukturen erbracht. Während die Tellsiedlung auf Grundlage der Streufunde spätneolithisch bis frühbronzezeitlich datiert wird, verweisen die Befunde südlich des Flusses vornehmlich auf die Eisenzeit und römische Besiedlung.

Draft Efob Komp Sarnevo 2015 Abb6
Abb. 2

Der frühneolithische Fundplatz "Pilyov Kaynak" (Abb. 2) wiederum kennzeichnet den Beginn des Besiedlungsprozesses in dieser Region. Er befindet sich auf einer Ackerfläche direkt südlich der Autobahn. Die archäologischen Befunde sind darüber hinaus leider noch durch Rohrleitungen eines Drainagesystems empfindlich gestört, welches inzwischen zwar aufgegeben wurde, aber irreversible Schäden verursacht hat. Die Wartungsschächte ragen über die Erdoberfläche hinaus und haben dadurch auch die geomagnetische Untersuchung stellenweise verhindert. Sehr viel deutlicher aber wird im Magnetbild das Ausmaß der Zerstörung sichtbar. Trotz aller Widrigkeiten zeichnet sich im Ergebnis ein klar ausgeprägtes Erdwerk ab. Drei konzentrische Kreise deuten auf einen Wechsel von Graben- und Wallanlagen hin. Der äußere Durchmesser beträgt etwa 130 m; die zwei Außengräben haben eine Breite von ca. 2,5 m. Der innerste Ring, der mit einem Durchmesser von rund 90 m eine Fläche von 6.500 m² umfasst, ist bei einer Breite von über 4 m deutlich stärker ausgeprägt und die Magnetwerte deuten auf verbranntes Baumaterial hin. Im Innern zeichnen sich schwach zwei weitere kleine Kreisanlagen ab, vor allem aber sind auf der westlichen Seite Reste von Hausgrundrissen erkennbar, die dem Verlauf der Randbefestigung folgen. Viele Gruben, deren Funktion als Feuerstelle, Vorrats-, Opfer- oder Abfallgrube durch Ausgrabungen bestimmt werden müsste, sowie rechteckige Strukturen sind innerhalb wie auch in der Umgebung des Erdwerks zu erkennen. Nördlich der frühneolithischen Kreisanlage wurde ein weiteres kreisförmiges Grabenwerk entdeckt, das aufgrund von Lesefunden vermutlich in die Eisenzeit datiert – ein für Bulgarien einzigartiger Befund.

Draft Efob Komp Sarnevo 2015 Abb7
Abb. 3

Die geomagnetische Prospektion in Sarnevo wurde mit dem Großflächenmagnetometer Magneto MX v2 (Abb. 3) durchgeführt, welches vom Hersteller Sensys in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Archäologischen Institut entwickelt wurde. Es verfügt über einen vier Meter breiten Rahmen, an dem 16 Gradiometer-Sonden im Abstand von 25 cm vertikal montiert sind, so dass die Messung fahrzeuggestützt durchgeführt werden kann. Eine DGPS-geführte Georeferenzierung der Messung gewährleistet die zentimetergenaue Lokalisierung des Befundes. Die Sonden verwerten einen Messwertbereich von +/- 3.000 nT bei einer Auflösung von 0,1 nT. Die Daten können über die herstellereigene Software MagnetoArch verarbeitet oder exportiert werden, um sie bspw. in einem geographischen Informationssystem (GIS) in weitere Kontexte einzubinden.

Projektleiter:
     Ralf Gleser (Westfälische-Wilhelms-Universität Münster)
     Krum Bacvarov (Bulgarische Akademie der Wissenschaften)

Förderung des Projekts:
     Universität Münster, Deutsches Archäologisches Institut

Leitung des Geomagnetik-Projekts:
     Rainer Komp (DAI)

Team:
      V. Becker, K. Dimitrov, L. Goldmann, P. Zidarov