(B2-3) Am Schnittpunkt der Diskurse. Ibn Nubāta al-Miṣrī (1287-1366) und die Kultur der Ambiguität

Ibn Nubāta, „das Wunder seines Zeitalters und der Solitär seiner Epoche“ (so der Jurist und Religionsgelehrte as-Subki) galt über Jahrhunderte als der bedeutendste Literat des 14. Jahrhunderts. Er lebte in Damaskus und Kairo, zunächst als freischwebender Intellektueller, später als Beamter der Staatskanzlei. Er wurde gleichermaßen wegen seiner Dichtung, seines Prosastils, seiner Kalligraphie und seiner Kenntnisse auf religiösem Gebiet und in der Geschichte bewundert. Er hinterließ zahlreiche Werke (einige sind im Autograph erhalten), darunter Poesie (alle Gattungen von der Panegyrik bis zu erotischer Dichtung), literarische Werke in Prosa, ein Jagdepos, Privatbriefe, amtliche Schreiben und Urkunden, Anthologien, Polemiken und vieles mehr. Er bediente so gut wie alle damals gängigen Medien und Gattungen sprachlicher Kommunikation und erfand einige neue, um ein breites Publikum der Mittel- und Oberschichten zu erreichen. Bis heute sind diese Texte so gut wie völlig unbearbeitet, zum großen Teil noch nicht einmal ediert.

Gerade in der Person Ibn Nubātas lässt sich die Diskurspluralität der Mamlukenzeit und ihre Ambiguitätstoleranz am Beispiel einer einzigen Person zeigen. Der fromme Dichter von Lobgedichten auf den Propheten Muhammad verfasst gleichzeitig einen restlos säkularen Herrscherratgeber, der dem exakt 200 Jahre später erschienenen Principe Machiavellis an „Machiavellismus“ um nichts nachsteht. Er veröffentlicht eine Anthologie obszöner Gedichte und erhält gleichzeitig einen hymnischen Eintrag in einer Sammlung von Biographien der wichtigsten shafiʿitischen Religionsgelehrten &c. All diese Wiedersprüche lassen sich an der Person Ibn Nubātas aufzeigen und als Scheinwidersprüche entlarven, nachdem ihr Ort in der „Kultur der Ambiguität“ aufgezeigt wurde.


Das Projekt ist Teil der Arbeitsplattform Kulturelle Ambiguität und der Koordinierten Projektgruppe Mediale Figurationen des Politischen und des Religiösen.

Teilprojekt Edition und Studie des Werkes „Saǧʿ al-muṭawwaq“

Aufgabe des Teilprojektes ist die Vorbereitung einer Edition und Studie des Werkes „Saǧʿ al-muṭawwaq“ von Ibn Nubāta. Es handelt sich um ein Schlüsselwerk zum Verständnis der intellektuellen Kultur der administrativen und religiösen Elite der Mamlukenzeit sowie um eine Sammlung der offiziellen Urkunden und Schreiben, die Ibn Nubāta in seiner Funktion als Sekretär der Staatskanzlei verfasst hat.
Die Überlieferungsgeschichte des Werkes ist kompliziert und bisher nur in Ansätzen erforscht. Sicher ist, dass der Text in mehreren Handschriften, darunter einem Autographen, erhalten ist und noch keine davon bearbeitet wurde.