(B2-22) Jenseits konfessioneller Eindeutigkeit. Zur diskursiven Formierung religiös devianter Gruppen in der Frühen Neuzeit

Betrachtet man die Religionsgeschichte der Frühen Neuzeit aus dem Blickwinkel einer umfassenden Frömmigkeitsgeschichte, so fällt die Vielschichtigkeit und Dynamik der religiösen Formen und Praktiken ins Auge. Immer deutlicher konturiert sich dann eine Gegenbewegung und Kehrseite zu den zu Recht konstatierten Vereindeutigungs- und Rationalisierungsprozessen des Konfessionellen Zeitalters. Diese Kehrseite manifestiert sich nicht zuletzt in den vielen mystisch-spiritualistischen Schriften, die zyklisch wiederkehrende Konjunkturen aufweisen, von der Täuferbewegung im 16. Jahrhundert über die Nonkonformisten des 17. Jahrhundert bis zu den Pietisten des 18. Jahrhundert (vgl. Habilitationsprojekt Pietsch). Die sorgsam gezogenen religiösen wie konfessionellen Grenzen, die gelehrte Theologie und obrigkeitliche Kirchenordnungen zu kontrollieren suchten, wurden durch diese Schriften aufgeweicht und überschritten. Das Spektrum der Positionen reicht dabei von der expliziten Ritualkritik über verschiedene Dissimulationsstrategien bis hin zur perfektionistischen Vergottung des Gläubigen. Verinnerlichungstendenzen und ein elitäres Erwählungsbewusstsein waren Vehikel dieses ‚anderen‘, oft auch von Frauen beanspruchten religiösen Expertentums, religiöse Ambiguität war ihr Resultat. Diese Ambiguität brach die im Konfessionalismus weitestgehend zu Deckung gebrachten Diskurse von Politik und Religion erneut auf und verflüssigte die scheinbare Eindeutigkeit von territorialer Zugehörigkeit und Bekenntnis.


Das Projekt ist Teil der Arbeitsplattformen E Differenzierung und Entdifferenzierung und G Religion, Politik und Geschlechterordnung.

Habilitationsprojekt Dr. Andreas Pietsch: Spiritualität jenseits der Kirchen

Das Habilitationsprojekt „Spiritualität jenseits der Kirchen. Diskurse konfessioneller Ambiguität in der Frühen Neuzeit“ (Pietsch), das in der ersten Förderphase begonnen wurde, soll mit einer exemplarischen Fallstudie dazu beitragen, herkömmliche lineare Modelle religiösen Wandels in der Frühen Neuzeit zu modifizieren. Es nimmt beispielhaft Diskurse konfessioneller Ambiguität in den Blick, die sich in verschiedenen mystisch-spiritualistischen Schriften der Frühen Neuzeit manifestieren und damit meist jenseits der etablierten Kirchen verortet waren. Im Zentrum stehen die Schriften der „Familisten“ (Hendrik Niclaes / Hendrik Jansen Barrefelt), deren in Wellen wiederkehrende Rezeption im Kontext der Quäker, Jacob Böhme und Jean de Labadie im 17. Jahrhundert bis zu den (radikalen) Pietisten im 18. Jahrhundert im Detail rekonstruiert werden soll. Dabei wird vor allem der Frage nachgegangen, welche Rolle die Lektüre dieser Schriften für die Herausbildung einer distinkten religiösen Sprache und spezifischer Praktiken der Verinnerlichung und damit für die Konstituierung religiöser Gruppen spielte, die sich jenseits der Konfessionsgrenzen bewegten. Die mediale Verbreitung dieser Schriften sowie die Analyse der Lesekontexte, in denen sie wahrgenommen und tradiert wurden, interessieren dabei ebenso wie die Rolle der textinternen Autorisierungs- und Verschleierungsstrategien. Eine kontextualisierende Analyse fragt nach dem Zusammenhang von Vereindeutigungsbewegungen und ihren Gegenläufern, um so insgesamt das religionsgeschichtlich bedeutsame Thema der unkirchlichen Spiritualität für die Frühe Neuzeit besser zu konturieren.


Das Projekt ist Teil der Arbeitsplattform H Kulturelle Ambiguität und der Koordinierten Projektgruppe Mediale Figurationen des Politischen und des Religiösen.