“Prayer and Power“

Sammelband aus dem Exzellenzcluster über Gottesgemahlinnen im Alten Ägypten

Buchcover
© Ugarit Verlag

Mit religiösen, politischen und ökonomischen Aspekten des Amtes der Gottesgemahlin im Alten Ägypten beschäftigt sich ein neuer Sammelband, den die Ägyptologinnen Prof. Dr. Angelika Lohwasser, Dr. Anke Ilona Blöbaum und Dr. Meike Becker vom Exzellenzcluster herausgegeben haben. „Die Gottesgemahlinnen waren höchste Priesterinnen und zugleich auch politische Autoritäten im ägyptischen Theben des 1. Jahrtausends vor Christus“, erläutert Prof. Lohwasser. Durch geschickte Ämtervergabe im administrativen Bereich konnten sich die Priesterinnen die Unterstützung einflussreicher thebanischer Familien sichern. „Als höchste religiöse Würdenträgerinnen Thebens kontrollierten sie zudem zahlreiche wirtschaftliche Institutionen“. Der Sammelband „Prayer and Power. Proceedings of the Conference on the God’s Wives of Amun in Egypt during the First Millennium BC“ („Gebet und Macht. Tagungsband zur Konferenz über die Gottesgemahlinnen von Amun in Ägypten während des ersten Jahrtausends vor Christus“) ist jüngst im Ugarit-Verlag erschienen. Er bündelt die Beiträge der internationalen Fachkonferenz „Prayer and Power“ in Münster 2015.

Der Band beschäftigt sich mit der Phase der Hochblüte der Institution der Gottesgemahlinnen in der Zeit vom 8. bis 6. Jahrhundert vor Christus. Dabei nimmt er neben den individuellen Gottesgemahlinnen vor allem auch die Wechselwirkungen des religiösen Amtes mit den politischen Umständen dieser Zeit in den Blick. Hierzu gehören etwa dynastische Streitigkeiten oder Gottesgemahlinnen, die abseits des königlichen Palastes als politische Stellvertreterinnen fungierten. Ihre Hauptaufgabe hat Prof. Lohwasser zufolge allerdings im religiösen und kultischen Bereich gelegen. „Neben der Darbringung von Opfern an den Gott Amun und der Durchführung von Tempelritualen, die den Anspruch auf regionale Autorität des Königs und die universelle Macht Amuns untermauern, übernahmen sie während zahlreicher Feste und Prozessionen die Aufgabe der Mittlerin zwischen der menschlichen und der göttlichen Sphäre.“

Religiöse, politische und ökonomischer Aspekte

Während das religiöse Amt der Gottesgemahlin bereits im Neuen Reich ab etwa 1500 vor Christus in Theben von großer Bedeutung war, verlor das Amt während der Amarna-Zeit im 14. und 13. Jahrhundert vor Christus an Bedeutung, wie die Wissenschaftlerin ausführt. „Ab dem 10. Jahrhundert vor Christus ist der Titel wieder belegt und vom 8. bis 6. Jahrhundert vor Christus gewann das Amt immer mehr an religiöser, politischer und ökonomischer Bedeutung“, so Prof. Lohwasser. „Der amtierende König setzte eine seiner Töchter als Gottesgemahlin ein, die unverheiratet blieb und ihre Nachfolgerin – meist die Tochter des nächsten Königs – adoptierte.“ Damit habe die Nachfolgeregelung der Gottesgemahlinnen eine starke politische Dimension gehabt.

„Die Gottesgemahlinnen agierten als Stellvertreterinnen des Pharaos im südlichen Ägypten mit eigener königliche Titulatur, da die königliche Residenz im Norden Ägyptens lag“, erläutert die Wissenschaftlerin. Darüber hinaus waren sie befugt, Bauvorhaben im Tempelbereich eigenständig zu beauftragen. Im Vorhof des Tempels von Medinet Habu etwa ließen sich die Gottesgemahlinnen eigene Kapellen zur Durchführung ihres Totenkultes errichten.

Weitere Schwerpunkte des Sammelbands liegen auf der Entwicklung des Priesteramtes, der Verflechtung religiöser und politischer Aspekte, dem kulturellen Hintergrund der Gottesgemahlinnen, aber auch auf dem Einfluss von Weiblichkeit auf das maskulin dominierte ägyptische Königtum.

Prof. Dr. Angelika Lohwasser ist Hauptantragstellerin des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ und leitet das Projekt B2-12 „Semantik der Veränderung. Vergewisserung, Inszenierung und Magie in der Bildsprache Ägyptens im frühen 1. Jahrtausend v. Chr.“ Sie gehört der Koordinierten Projektgruppe „Mediale Figurationen des Politischen und des Religiösen“ sowie der Arbeitsplattform „Transkulturelle Verflechtung“ an. (exc/maz)

Hinweis: Becker, Meike / Blöbaum, Anke Ilona / Lohwasser, Angelika (eds.): Prayer and Power. Proceedings of the Conference on the God’s Wives of Amun in Egypt during the First Millennium BC (Ägypten und Altes Testament 84), Münster: Ugarit-Verlag 2016, X + 255 Seiten, ISBN: 978-3-86835-218-4, 94.00 Euro.

Aus dem Inhaltsverzeichnis

Meike Becker, Anke I. Blöbaum, Angelika Lohwasser
Introduction

Amr El Hawary
The Figurative Power of Prayer. The “Ode to the Goddess” (EA 194) as a Theological Justification for Establishing the Office of the God’s Wife of Amun as an Institution at the End of the 20th Dynasty

Meike Becker
Female Influence, aside from that of the God’s Wives of Amun, during the Third Intermediate Period

Raphaële Meffre
Political Changes in Thebes during the Late Libyan Period and the Relationship Between Local Rulers and Thebes

Claus Jurman
Karomama Revisited

Mariam F. Ayad
Gender, Ritual, and Manipulation of Power: The God’s Wife of Amun (Dynasty 23–26)

Robert G. Morkot
The Late-Libyan and Kushite God’s Wives: Historical and Art-historical Questions

Angelika Lohwasser
“Nubianess” and the God’s Wives of the 25th Dynasty: Office Holders, the Institution, Reception and Reaction

Wienke Aufderhaar
Sphinxes of Shepenwepet II

Carola Koch
Between Tradition and Innovation – the Hwwt-kA of the God’s Wives

Mariam F. Ayad
Reading a Chapel

Anke Ilona Blöbaum
The Nitocris Adoption Stela: Representation of Royal Dominion and Regional Elite Power

Aleksandra Hallmann
Iconography of Prayer and Power: Portrayals of the God’s Wife Ankhnesneferibre in the Osiris Chapels at Karnak

Olivier Perdu
Une épouse divine à Héracléopolis: suite