„Das muslimische Alltagsleben rekonstruieren“

Jahrestagung der Religionssoziologen befasst sich mit einer Soziologie des Islam

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Prof. (apl.) Dr. Christel Gärtner

© Julia Holtkötter

Neue Forschungsansätze zu einer „Soziologie des Islams“ stehen im Mittelpunkt einer gleichnamigen internationalen Tagung, an der sich Mitglieder des Exzellenzclusters beteiligen. Zu den Veranstaltern der Jahrestagung der Sektion Religionssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), die vom 25. bis 27. Juni in Bochum zusammenkommt, gehört Religionssoziologin und Sektionssprecherin Prof. (apl.) Dr. Christel Gärtner vom Exzellenzcluster. „Frei vom Druck tagespolitischer Problematisierungen, Semantiken und Narrative“ wollen sich die Konferenzteilnehmer mit den Erscheinungsformen und Konstitutionsbedingungen des Islams weltweit befassen, wie die Forscherin erläutert. „Im Mittelpunkt steht vor allem die Reflexion des soziologischen Begriffs- und Theorieapparates: Überholte, bereits vielfach kritisierte Modelle wie eurozentrische und modernisierungstheoretische Ansätze sollen auf den Prüfstand gestellt werden.“ Einer Soziologie des Islams müsse es zugleich darum gehen, den Alltag von Muslimen aus erfahrungswissenschaftlicher Perspektive zu rekonstruieren. 

Zur Tagung werden renommierte Wissenschaftler wie der US-Soziologe Prof. Dr. Bryan S. Turner und der türkische Soziologe Mustafa Sen erwartet. Es sprechen außerdem Islamwissenschaftler, Soziologen, Ethnologen sowie Pädagogen und Kulturwissenschaftler. – Die Religionssoziologin Christel Gärtner organisiert die Veranstaltung gemeinsam mit den Bielefelder Soziologen PD Dr. Heidemarie Winkel und PD Dr. Levent Tezcan. Die Tagung „Zur Soziologie des Islam – Reflexion, Revision & Neuorientierung“ findet in Kooperation mit dem Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und mit Unterstützung der Fritz Thyssen Stiftung statt.

„Eine Soziologie des Islams sollte das muslimische Alltagsleben aus erfahrungswissenschaftlicher Perspektive rekonstruieren, wobei die muslimische Praxis ebenso wie muslimische Institutionen oder Wissensordnungen in den Blick kommen müssen“, unterstreicht Prof. Gärtner. Ein spezifisch soziologischer Ansatz könnte – im Anschluss an die erfahrungswissenschaftliche Grundlegung der Soziologie durch Max Weber (1864-1920) – darin liegen, die Muster der Lebensführung und Gemeinschaftsformen zu untersuchen.

Den Eröffnungsvortrag hält der renommierte New Yorker Religionssoziologe Prof. Dr. Bryan S. Turner unter dem Titel „Does Sociology of Islam have a Future? Post-Orientalism, Methodological Nationalism and Globalization“ („Hat die Soziologie des Islams eine Zukunft? Post-Orientalismus, methodologischer Nationalismus und Globalisierung“). Prof. Turner gehörte zu den ersten Wissenschaftlern, der eine theoretisch fundierte Soziologie des Islams eingefordert hat und der die soziologische Debatte um das Verhältnis von Religion und Moderne mitprägte. Sein Vortrag ist am Donnerstag, 25. Juni, um 14.30 Uhr zu hören. Mit dem türkischen Soziologen Mustafa Sen ist ein „Vertreter der zweiten Forschergeneration der Soziologie des Islams“ eingeladen. Er wird anhand der Analyse religiöser Institutionen die Transformation des Verhältnisses von Politik und Religion am Beispiel der Türkei analysieren.

Die 20 Tagungsbeiträge sollen die Auseinandersetzung mit theoretischen Grundlagen vertiefen; ihre Themen reichen vom Islam in Deutschland und der Akademisierung des Islams über islamische Reformer und theoretische Ansätze bis zu Gender-Fragen und islamischen Intellektuellen. Die Soziologin Dr. Miriam Schader vom Exzellenzcluster beleuchtet inner-islamische Auseinandersetzungen um das 2012 gegründete Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) in Münster. Die Islamwissenschaftlerin Ulrike Qubaja vom Forschungsverbund setzt sich in ihrem Beitrag mit der „Clanbasierten Schlichtung (Suhl) bei Fällen von häuslicher Gewalt“ auseinander.

Den Organisatorinnen und dem Organisator der Tagung zufolge ist für eine Neuorientierung der Soziologie des Islams eine globale, welthistorische Perspektive allein aufgrund der Migrationsbewegungen unerlässlich, auch wenn es die Forschung vor eine Reihe von Herausforderungen stellt. „Zum einen ist es wichtig, die wechselseitigen und inneren Verflechtungen von Wissen, Kultur und Macht in den Blick zu nehmen, statt von der Idee einer unabhängigen, jeweils in sich homogenen westlichen oder islamischen Zivilisation auszugehen.“ Zum anderen werde ein Perspektivenwechsel angestrebt: die wissenschaftliche Beobachtung solle sich nicht primär auf die mit der Anwesenheit „des“ Islams in Europa verbundenen Effekte für europäische Gesellschaften fokussieren, sondern darauf, wie sich die Situation muslimischer Menschen in ihrer jeweiligen Lebenswelt darstelle.

So soll es darum gehen, wie sich Aushandlungsprozesse und Alltagsleben in den Herkunfts- und Aufnahmegesellschaften gestalten. „Dies schließt die Frage ein, wie der Kulturkontakt das muslimische Leben und den Alltags verändert hat beziehungsweise wie dieses sich in anderen Kontexten, etwa im asiatischen Raum, gestaltet.“ Die Forschung solle eine globale Perspektive im Blick behalten und verwobene Gesellschaftsgeschichten und vielfältige Entwicklungspfade berücksichtigen, so die Wissenschaftlerin.

Prof. Gärtner leitet am Exzellenzcluster das Projekt A2-22 Islam und Gender in Deutschland. Zur (De-)Konstruktion säkular und religiös legitimierter Geschlechterordnungen und ist Mentorin der Graduiertenschule des Forschungsverbundes. (ska/vvm)

Jahrestagung  „Zur Soziologie des Islam – Reflexion, Revision & Neuorientierung“

25. bis 27. Juni 2015
Ruhr-Universität Bochum

Programm

Thursday, 25 June

14:30-16:00 Does the Sociology of Islam have a Future? Post-Orientalism, Methodological Nationalism and Globalization Bryan Turner, New York (USA)
16:30-18:00 Panel Active Role of Muslims in the Media and the Public
Cultivating a Common World Although from a Specific Place. The Case of Muslim Internet Media in France    Anne-Sophie Lamine, Straßburg
Islamic Faith as Motive and Resource for Active Citizenship Mario Peucker, Bamberg
Unchallenged Boundaries: “Progressive Muslims” and Public Reasoning in New York City Aletta Diefenbach, Berlin

Friday 26 June

9:00-11:00 Panel Islamic Knowledge Production in Germany between Mosque and Academization
The ‘Secular-Liberal’ Muslim within the German Public Sphere – Contesting a Category from a Socio-Anthropological Perspective Fatih Abay, Frankfurt an der Oder
„Gottes Religion“ vs. „Religion der Vorfahren“: ein ethnographischer Blick auf die Konstruktionen von wahrem Islam in einer deutschen Moscheegemeinde Ayse Almila Akca, Berlin
Regulierung durch Anerkennung: Die ‚Akademisierung‘ islamischer Wissensproduktion in Deutschland Anne Schönfeld, Berlin
„Islam ist Barmherzigkeit“: Der inner-islamische Streit um das Zentrum für Islamische Theologie in Münster Miriam Schader, Münster
11:30-13:00 Panel Islamic Reformers   
Bildung als Heilsweg. Soziologische Analyse der Religiosität Fethullah M. Gülens Johannes Twardella, Frankfurt
Reformist Islamists in Morocco (PJD) to the Test of Modernization: Political Rationalization and Religious Ethics Aziz Chahir, Rabat (Marokko)
14:30-16:45 Panel Theoretical Approaches 
Islam and Modern Society: On the Sociological Reconstruction of an Old Misunderstanding Youssef Dennaoui, Bonn
Unmapping Islam in Eastern Europe: Periodization and Muslim Subjectivities in the Balkans Piro Rexhepi, New York (USA)
Reconstructing Sharia: A sociological Analysis of Sharia and Islamic Jurisprudence Based on New Theories of Social Science About Transnational Normative Orders Reik Kirchhof, London (Vereinigtes Königreich)
17:15-18:30  Turkish Paradox: State Control of Religion or State’s Religion. Reflections on the Relationship between State and Religion Mustafa Sen, Ankara (Türkei)

Saturday 27 June

9:00-10:30 Panel Gender 
Silent Resistance and Creative Delegitimation. Kuwaiti Women’s Cultural Articulation of Dissent Emanuela Buscemi, Kuwait-Stadt (Kuwait)
The Spin-Off Effects of Proselytizing: Studying the Female Madrasa Movement as a Feminist Wave Faiza Hussain, Erfurt
Clan-Based Reconciliation (Ṣulḥ) in Cases of Domestic Violence Ulrike Qubaja, Münster
11:00–12:30 Panel Islamic Intellectuals
Islamic Religious Intellectualism and its Political and Cultural Challenges Abbas Mehregan, Köln
Kamel Daoud, the Colonizer and the „Fatwa“. Negotiating Islam Today in Algeria Isabella Schwaderer, Erfurt
Modernity and Martyrdom: al-Hallaj and Iran at the Core of Islamic Rebellion Sana Chavoshian, Mainz
12:30    Concluding Reflections on the Sociology of Islam