„Deine Wunden“

Ausstellung zeigt Bilder der christlichen Passionsfrömmigkeit und Kunst der Moderne

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Pietro Lorenzetti, Imago Pietatis, um 1340 (Lindenau-Museum, Altenburg)

© Bernd Sinterhauf

Unter dem Titel „Deine Wunden“ eröffnen im April die Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum in „Situation Kunst“ eine Ausstellung, in der christliche Passionsvorstellungen mit Bildkonzepten moderner Kunst zusammengeführt werden. Der Exzellenzcluster „Religion und Politik“ ist am Konzept dieser Ausstellung maßgeblich beteiligt. Die Ausstellung, die am 25. April eröffnet wird, umfasst etwa vierzig Werke der Malerei und Skulptur seit dem 15. Jahrhundert sowie ebenso viele druckgrafische Arbeiten vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart aus renommierten Museen und Sammlungen von Freiburg bis London. „Mit der Darstellung der Leidensgeschichte Jesu sind Wunde, körperlicher Schmerz und Verletzung in der abendländischen Kulturgeschichte bildwürdig geworden“, erläutert der katholische Theologe Prof. Dr. Reinhard Hoeps vom Exzellenzcluster. Er hat die Ausstellung gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Prof. Dr. Richard Hoppe-Sailer von der Ruhr-Universität Bochum konzipiert. Zugrunde liegen Forschungsergebnisse aus dem Cluster-Projekt D8 Bilder der Wunde/ Die Wunde als Bild. Passionsimaginationen im vormodernen Christentum und in der bildenden Kunst der Moderne von Prof. Hoeps.

„Die interessantesten Bilder um die Passion Jesu sind darauf ausgerichtet, das Dargestellte nicht einfach zu illustrieren, sondern in höchster Intensität zu vergegenwärtigen“, so Theologe Hoeps, der die WWU-Arbeitsstelle für christliche Bildtheorie leitet. Als Beispiel nennt er den Bildtyp des Schmerzensmanns, des aufrecht in oder vor seinem Grab stehenden Christus, der dem Betrachter seine Wunden weist. Diese Darstellung sei mit keiner biblischen Szene der Passionsüberlieferung zu verrechnen, sondern sei ganz der Aufgabe gewidmet, dem bildlichen Ausdruck des leidenden und durch sein Leid erlösenden Christus Eindringlichkeit zu verleihen und den Betrachter in das Bildgeschehen hineinzuziehen. In diesem Zusammenhang habe vor allem das späte Mittelalter eine eigene, komplexe Bildsprache hervorgebracht. „Die Wunde selbst wird zum Bildprinzip.“

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Arnulf Rainer, Fingermalerei Kreuz-Übermalung, 1987

Von hier aus lassen sich dem Theologen zufolge vielfältige und bildtheoretisch aufschlussreiche Verbindungslinien zur Kunst der Moderne ziehen, denn „in Moderne und Gegenwart ist die Darstellung von Verletzung und Schmerz mehr denn je zum Anliegen der Kunst geworden.“ Angesichts der Unvorstellbarkeit des Leidens im 20. und 21. Jahrhundert sind die künstlerischen Verfahren eines naturalistisch orientierten Realismus an ihre Grenzen gestoßen. Um dem Leiden angemessenen Ausdruck jenseits von oberflächlicher Betroffenheit und Voyeurismus zu verleihen, wird demnach auch hier „die Wunde zum Prinzip eigenständiger Bildkonzepte.“ Der österreichische Maler Arnulf Rainer etwa löse sich in seinen Übermalungen aus allen Konditionen gegenständlicher Darstellung, um durch die Expressivität von Farbe und Malgestus einen authentischen künstlerischen Ausdruck zu erreichen. „Diese Malerei berührt zugleich die Grenzen der bildlichen Sprachmöglichkeiten“, so Prof. Hoeps.

Die Ausstellung verfolgt Beziehungen, Übergänge und Brüche zwischen den Bildkonzepten mittelalterlicher Passionsimagination und solchen einer durch bildnerische Selbstreflexivität gekennzeichneten Kunst der Moderne und der Gegenwart. Der Ausstellung liegt dabei keine abgeschlossene Theorie der Beziehungen zwischen mittelalterlich-christlichen und modernen Bildkonzeptionen zugrunde. Sie dient vielmehr als Forschungsfeld zur Identifizierung und Beschreibung solcher Verbindungslinien. „Das Projekt empfiehlt die Ausstellung als ein Format der Forschung“, sagt Prof. Hoeps.

Zu sehen ist die Ausstellung „Deine Wunden. Passionsimaginationen in christlicher Bildtradition und Bildkonzepte in der Kunst der Moderne“ vom 25. April bis zum 31. August in „Situation Kunst (für Max Imdahl)“ an der Nevelstraße 29c in Bochum-Weitmar. Die Ausstellung ist mittwochs, donnerstags und freitags von 14 bis 18 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Führungen können auch außerhalb dieser Öffnungszeiten vereinbart werden. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog (ca. 280 Seiten), an dem Studierende der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster und des Kunstgeschichtlichen Instituts der Universität Bochum mitgearbeitet haben. Am 20. und 21. Juni findet in den Räumen der Ausstellung eine interdisziplinäre Tagung statt mit dem Thema „Imaginatio Passionis – Die Wunde als Bildkonzept“. (situation-kunst.de/bhe)