Das Heiligtum des Soldatengottes

Altertumswissenschaftler Engelbert Winter zum Lokal- und Reichskult von Doliche

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Prof. Dr. Engelbert Winter

© han

Über das antike Heiligtum des Soldatengottes Iuppiter Dolichenus in der Südosttürkei hat Altertumswissenschaftler Prof. Dr. Engelbert Winter am Dienstagabend in der Ringvorlesung „Heilige Orte“ gesprochen. Er zeichnete in seinem Vortrag die Entwicklung des Kultplatzes auf dem Gipfelplateau des Berges Dülük Baba Tepesi nahe der antiken Stadt Doliche vom frühen 1. Jahrtausend vor Christus bis ins Mittelalter nach. Dabei beleuchtete er neben den altorientalischen Wurzeln des Kultes auch seine lokale und reichsweite Bedeutung. „In einer Epoche religiöser Neuorientierung im 2. und 3. Jahrhundert nach Christus erlebten verschiedene Kulte ursprünglich orientalischer Gottheiten dank ihrer stärker heilsorientierten Theologie eine Blüte“, so Prof. Winter. Dazu gehörte auch die Verehrung des Iuppiter Dolichenus, dessen Kult in diesem Zeitraum zu den wichtigsten im römischen Reich zählte, wie der Wissenschaftler in der öffentlichen Veranstaltung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ und des Centrums für Geschichte und Kultur des östlichen Mittelmeerraums (GKM) erläuterte.

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Ton-Mitschnitt des Vortrags

Die Forschungsstelle Asia Minor der Universität Münster gräbt unter der Leitung von Prof. Winter seit 2001 mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Hauptheiligtum des Iuppiter Dolichenus, der im 2. Jahrhundert nach Christus zu einer der bedeutendsten Gottheiten des Römischen Reiches wurde. Das Projekt B2-20 Mediale Repräsentation und ,religiöser Markt‘: Sichtbarkeit, Selbstdarstellung und Rezeption syrischer Kulte im Westen des Imperium Romanum des Exzellenzclusters ist mit der Grabung vernetzt.

Kultort bis ins Mittelalter

„Einerseits war der Kult in Doliche lokal geprägt, andererseits lässt sich seit dem 1. Jahrtausend nach Christus eine starke römische Präsenz im Heiligtum anhand archäologischer Funde fassen“, sagte der Altertumswissenschaftler. Ein entscheidender Faktor für die reichsweite Verbreitung sei die Popularität des Gottes unter den Soldaten gewesen. Zugleich kam es zu einem Rückfluss religiöser Konzepte aus dem Reich ins östliche Doliche, die nach der Verbreitung und Veränderung des Kultes im Westen entstanden waren, wie Prof. Winter ausführte. „Demnach diente das Dolichener Heiligtum nicht mehr nur den religiösen Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung, sondern stellte auch für Anhänger des Gottes aus anderen Regionen des römischen Imperiums einen Bezugspunkt dar.“ Doliche erweise sich somit als Schnittstelle, an der Bild und Idee eines vorderasiatischen Religionskonzeptes bewahrt und zugleich „so erfolgreich globalisiert“ worden sei, dass die Gottheit den Weg bis weit in den Westen fand.

Diese Verbindung von Lokal- und Reichskult bezeichnete der Altertumswissenschaftler als eines der bemerkenswertesten Ergebnisse seiner langjährigen Grabungen bei Doliche. „Dies ist zweifelsohne auch für das Verständnis anderer orientalischer Gottheiten im römischen Reich von großer Bedeutung.“ Das Fundmaterial zeige zugleich, dass das nahe der heutigen Metropole Gaziantep gelegene Gipfelplateau noch bis weit ins Mittelalter als christlicher Kultort gedient habe. „Ein Kloster wurde nach dem Untergang des Iuppiter Dolichenus-Kultes auf dem Boden des einstigen heidnischen Heiligtums gegründet und entwickelte sich zwischen dem frühen 9. und 12. Jahrhundert zu einem wichtigen christlichen Zentrum der Region“, so Prof. Winter. Sein Vortrag trug den Titel „Das Heiligtum des Iuppiter Dolichenus auf dem Dülük Baba Tepesi (Südosttürkei) – Ein ‚Heiliger Ort‘  zwischen Transformation und Kontinuität“.

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Plakat der Ringvorlesung

© Klearchos Kapoutsis

Ringvorlesung „Heilige Orte“

In der Ringvorlesung „Heilige Orte“ untersuchen namhafte Forscher im Wintersemester die historischen Ursprünge und Wandlungen religiöser Stätten wie Delphi, Jerusalem, Medina, Rom und Byzanz. Die Reihe geht auch den politischen und wirtschaftlichen Interessen sowie den Erinnerungskulturen nach, die sich mit den antiken Orten bis heute verbinden. Heilige Stätten entstanden oft an markanten Stellen in der Natur, an Quellen, auf Bergen oder in der Wüste. Religiöse Gemeinschaften verknüpften damit mythische Erzählungen und magische Rituale. In der Reihe kommen Vertreter unterschiedlicher Fächer zu Wort wie der Altorientalistik, Ur- und Frühgeschichte, Ägyptologie, Alten Geschichte, Klassischen Archäologie und Philologie, Bibelwissenschaften und Byzantinistik sowie Religions- und Islamwissenschaften.

Die Vorträge sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. Den nächsten Vortrag am 19. November hält Archäologe Prof. Dr. Ulrich Sinn aus Würzburg zum Thema „Auf der Suche nach den Wurzeln des Erfolgs – Die Rolle von Orakel und Wettkampf im Kult von Delphi und  Olympia“. (han/vvm)


Heilige Orte. Ursprünge und Wandlungen - Politische Interessen - Erinnerungskulturen

Wintersemester 2013/2014
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F2 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster