„Konfessionelle Ambiguität“

Neuer Band zur Frühen Neuzeit von Barbara Stollberg-Rilinger und Andreas Pietsch

Buchcover
© Gütersloher Verlagshaus

Die Historiker Barbara Stollberg-Rilinger und Andreas Pietsch aus dem Exzellenzcluster „Religion und Politik“ haben ein neues Buch über „Konfessionelle Ambiguität“ herausgegeben. Der Band, der in der Reihe „Schriften zur Reformationsgeschichte“ erschienen ist, befasst sich mit konfessioneller Mehrdeutigkeit in der Frühen Neuzeit. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen untersuchen darin anhand ausgewählter Beispiele Widerstände, Bruchstellen und Grenzen der Konfessionalisierung. Das Buch geht auf eine interdisziplinäre Tagung am Exzellenzcluster zurück, auf der sich Historiker mit Vertretern der Literatur- und Sprachwissenschaft, Theologie und Philosophie, Kunstgeschichte und Islamwissenschaft austauschten.

Das Europa der Frühen Neuzeit war ein Laboratorium des politischen und religiösen Pluralismus. In der Forschung wurde bisher vor allem der Prozess der wechselseitigen äußeren Abgrenzung und inneren Homogenisierung der Konfessionskirchen beschrieben, der mit der territorialen Staatsbildung einherging. Demgegenüber werden in jüngster Zeit eher Widerstände, Bruchstellen und Grenzen der Konfessionalisierung betont und die Durchlässigkeit zwischen den Bekenntnisgruppen hervorgehoben. Inzwischen erscheint die homogene Konfessionsgemeinschaft zunehmend als Konstrukt. Konfessionalität wird als – oftmals durchaus schwankende und instabile – kulturelle Praxis beschrieben.

Der Band nimmt einen Teilbereich dieser kulturellen Praxis näher in den Blick: Uneindeutigkeit und Verstellung. Bereits in der Wahrnehmung der Zeitgenossen spielte das Mittel der Verstellung, der „Dissimulation“, sowohl in politischen wie in religiösen Zusammenhängen eine große Rolle. Die Klugheit des Höflings gebot ihm, sein Inneres zu verbergen, und die theologischen Traktate der Jesuiten boten eine aufwendige Kasuistik auf, wonach bestimmten Fällen Verstellung als notwendiges Übel moralisch erlaubt war.

Dennoch haftete konfessioneller Mehrdeutigkeit grundsätzlich etwas Suspektes an. Das Auseinanderdriften von äußerem Handeln und innerer Überzeugung warf die grundsätzliche Frage auf, wie weit konfessionelle dissimulatio bei innerer reservatio mentis gehen dürfe. Im Kern ging es dabei um die elementaren Fragen nach dem Verhältnis zwischen äußerer Praxis und innerem Glauben, Kultus und Dogma, sichtbarer und unsichtbarer Kirche, Körper und Seele.

Barbara Stollberg-Rilinger und Andreas Pietsch forschen am Exzellenzcluster im Projekt B2-22 „Jenseits konfessioneller Eindeutigkeit. Zur diskursiven Formierung religiös devianter Gruppen in der Frühen Neuzeit“. Das neue Buch enthält Beiträge von Lorenz Baibl, Philippe Büttgen, Jean-Pierre Cavaillé, Kaspar von Greyerz, Jürgen Macha, Jan-Friedrich Mißfelder, Johannes Müller, Sebastian Neumeister, Andreas Pietsch, Matthias Pohlig, Maurus Reinkowski, Martin Scheutz, Barbara Stollberg-Rilinger, Karin Westerwelle und Christian Windler. (vvm)


Hinweis: Andreas Pietsch, Barbara Stollberg-Rilinger (Hg.): Konfessionelle Ambiguität (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte 214), Gütersloher Verlagshaus 2013.