„Egoisten sind nicht glücklicher als andere“

Philosoph Kurt Bayertz zum Zusammenhang von Glück und Moral

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Prof. Dr. Kurt Bayertz

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Wissenschaftliche Studien haben bestätigt, was Platon schon wusste: Egoisten sind nicht glücklicher als andere Menschen. „Wer immer nur an sich denkt und auf Kosten anderer lebt, hat schlechtere Chancen auf Zufriedenheit. Das haben verschiedene, auch internationale Untersuchungen übereinstimmend gezeigt“, sagte Philosoph Prof. Dr. Kurt Bayertz vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ am Mittwochabend im Open-Air-Hörsaal der Aktion „Schlauraum“ in Münster. Selbstloses Handeln wie Ehrenämter und freiwilliges Engagement führten dagegen zu mehr Wohlergehen. „Das heißt nicht, dass man sich zwischen Yogakurs und Ehrenamt entscheiden muss. Im Gegenteil: Was man für sich selbst tut, kann Kraft für selbstloses Handeln geben.“

Allerdings fallen Glück und Moral nicht immer – und nicht notwendigerweise – zusammen: Unter bestimmten Bedingungen kann unmoralisches Handeln das eigene Glück fördern, wie der Philosoph erläuterte. „Und ein moralischer Mensch kann Pech haben und Einbußen an Lebensqualität erleiden.“ Doch insgesamt würden die Chancen auf ein gutes Leben durch moralisches Handeln nicht vermindert, sondern erhöht. „Je mehr ein Mensch für andere tut, desto besser geht es ihm.“

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Der Open-Air-Hörsaal des „Schlauraums“ in Münster

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Das ergaben dem Experten zufolge verschiedene sozialpsychologische Studien, etwa eine Langzeituntersuchung deutscher Psychologen, die zwischen 1985 und 1999 insgesamt 22.000 Menschen nach ihrer Lebenszufriedenheit und ehrenamtlichen Tätigkeiten befragten. Den Zusammenhang zwischen persönlichem Wohlbefinden und sozialer Produktivität wies auch eine Studie nach, die Daten von 22.000 Menschen über 50 Jahren aus zehn europäischen Ländern auswertete.

Dennoch sei die Vorstellung, dass Moral nicht glücklich macht, heute erstaunlich weit verbreitet, so Prof. Bayertz. „Die Moral erlegt uns Lasten auf. Sie verlangt Opfer, die der Zufriedenheit nach gängiger Auffassung nur abträglich sein können.“ Doch Philosoph Platon habe die Verbindung von Glück und Moral bereits in der griechischen Antike gekannt. Sein Schüler Aristoteles lieferte die Begründung: „Nach aristotelischer Ethik zeichnet sich ein gutes und glückliches Leben durch Tätigkeiten aus, die um ihrer selbst willen vollbracht werden – weil man sie für eine gute Sache hält.“ Das treffe auch auf moralisches Handeln zu und sei ein Grund dafür, dass sie nicht nur fremdes, sondern auch das eigene Glück fördere. Augenzwinkernd fügte Prof. Bayertz hinzu: „Wer den ganzen Tag in der Hängematte liegt, wird nicht glücklich.“

Prof. Bayertz lehrt seit 1993 praktische Philosophie an der Universität Münster. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Ethik, Angewandte Ethik und Anthropologie. Am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ leitet er das Forschungsprojekt A2-1 Die materialistische Weltanschauung im europäischen Kontext des 18. und 19. Jahrhunderts.

Der „Schlauraum“ bietet noch bis Freitag in Münsters Innenstadt zahlreiche Veranstaltungen zur Vermittlung von Wissenschaftsthemen an die Öffentlichkeit. Die Aktion ist Höhepunkt des neuen Programms „Münsters Wissen schafft“, mit dem Universität und Fachhochschule gemeinsam mit der Stadt Wissenschaft an vielen Orten erlebbar machen. Unter www.muensters-wissen-schafft.de finden sich für das ganze Jahr 2013 rund 50 Aktionen, Ausstellungen, Führungen und Vorträge. (ska/vvm)