„Hüter der Orthodoxie“

Byzantinist Grünbart über Häresiebekämpfung im byzantinischen Mittelalter

Prof. Dr. Michael Grünbart

Prof. Dr. Michael Grünbart

© han

Über die Bekämpfung von Häresie im byzantinischen Mittelalter hat Byzantinist Prof. Dr. Michael Grünbart in der Ringvorlesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ und des neuen Centrums für Mittelalter und Frühneuzeitforschung (CMF) gesprochen. In seinem Vortrag gab er einen Überblick über fast eintausend Jahre Kirchengeschichte in Byzanz. Die orthodoxe Glaubensdoktrin sei dort über Jahrhunderte hinweg in Synoden und Konzilen geschärft und ausdifferenziert worden. „Die byzantinischen Kaiser traten als Hüter der Orthodoxie gegen häretische Strömungen auf.“

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Ton-Mitschnitt des Vortrags

Der römische Kaiser Konstantin der Große sei im 4. Jahrhundert nach Christus mit seinem Selbstverständnis als „Beschützer und Verteidiger des rechten Glaubens“ zum Vorbild für alle Kaiser in Byzanz geworden, sagte der Wissenschaftler. „Seitdem verstanden sich die Herrscher als Hüter der Orthodoxie.“ Als Beispiele zog der Byzantinist theologische Auseinandersetzungen mit den christlich-häretischen Bewegungen der Paulikianer im 9. Jahrhundert und den Bogomilen im 11. und 12. Jahrhunderts heran, die beide die christliche Heilsgeschichte und die kirchliche Hierarchie ablehnten.

„Die Herrscher vermieden Gewalt“

Prof. Grünbart legte die Strategien dar, mit denen die byzantinischen Kaiser häretische Strömungen bekämpften. „Die Herrscher sahen sich stets für die heilige Ökumene verantwortlich. Gewalt vermieden sie möglichst.“ Vielmehr hätten sie zunächst versucht, einen theologischen Kompromiss zu finden, um Einigung zu erzielen. „Uneinsichtige Häretiker wurden häufig als Bestrafung ins Exil verbannt oder in andere Teile des Reichs zwangsversetzt.“ Nur in wenigen Ausnahmefällen wie dem bogomilischen Mönch Basileios seien Ketzer im oströmischen Reich zum Tode verurteilt worden.

Als größte Schwierigkeit bei der Erforschung byzantinischer Häresiebewegungen nannte Prof. Grünbart die Quellenlage. So nehme die Zahl der verfügbaren Schriften von der Spätantike bis ins Hochmittelalter ab. „Es blieben auch zunehmend nur die siegreichen orthodoxen Quellen erhalten, die häretische Strömungen widerlegen und verdammen.“

Plakat der Ringvorlesung

Plakat der Ringvorlesung

© wikipedia

Prof. Grünbart leitet am Exzellenzcluster das Projekt B2-8 „Moses und David: Ambige Typologien für Patriarchen und Kaiser in Byzanz“. Die öffentliche Ringvorlesung „Verfolgung um Gottes willen. Politisch-religiöse Konflikte in Vormoderne und Moderne“ geht der Diskriminierung und Verfolgung Andersgläubiger anhand zahlreicher Beispiele quer durch die mittelalterliche und neuzeitliche Geschichte nach. Zu Wort kommen Geschichts- und Religionswissenschaftler, Soziologen, Theologen, Buchwissenschaftler, Romanisten und Byzantinisten. Im nächsten Vortrag am Dienstag, 30. April, spricht Historiker Prof. Dr. Ulrich Pfister vom Exzellenzcluster über „Italienischer Späthumanismus und reformierte Konfessionalisierung. Die welschen Exulanten, 2. Hälfte 16. Jahrhundert“. Die Vorträge sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 zu hören. (han)