Nationalsozialismus als Rankünelehre

Lesung und Podiumsdiskussion mit u. a. Drs. Siebo Janssen
Warum gewinnen Hass, Missgunst und politische Irrationalität wieder an Einfluss?
Und warum scheinen demokratische Gesellschaften erneut anfällig für autoritäre Verführungen zu sein?
Der niederländische Essayist Menno ter Braak gehört zu den schärfsten Kritikern des Nationalsozialismus und zu den hellsichtigsten Intellektuellen der europäischen Zwischenkriegszeit. In seinem 1937 verfassten Essay „Nationalsozialismus als Rankünelehre“ analysiert er den Nationalsozialismus nicht nur als politische Ideologie, sondern als emotionale Dynamik: als Mobilisierung aus Kränkung, Neid und ressentimentgeladener Selbstüberhöhung. Kurz nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Niederlande nahm ter Braak im Mai 1940 sich das Leben. Sein Text liegt nun – mehr als 85 Jahre nach der niederländischen Erstausgabe – erstmals vollständig auf Deutsch vor.
Der heute ungebräuchliche Begriff Ranküne bezeichnet Hass um des Hasses willen – ein Gefühl, das keineswegs der Vergangenheit angehört. Wie Bas Heijne in seinem Vorwort „Mit dem Mut der Verzweiflung“ betont, ist Ressentiment längst ein globales Grundrauschen autoritärer Bewegungen. Ter Braaks Analyse erweist sich damit als überraschend aktuell und hochgradig gegenwartsbezogen.
Diese Veranstaltung ist daher weit mehr als eine historische Lesung. Der Politikwissenschaftler und Historiker Siebo Janssen spannt den Bogen von den Verträgen von Locarno 1925 bis in unsere Zeit und macht deutlich, dass es in der Geschichte immer wieder Weggabelungen gab – Momente der Verständigung, die auch scheitern konnten. Ausgehend von ter Braaks Gedanken zeigt er, warum politische Ranküne, Hass und Irrationalität heute erneut an Einfluss gewinnen und die liberale Demokratie nicht nur national, sondern weltweit herausfordern.
Im Anschluss an die Lesung laden wir zu einer Podiumsdiskussion ein: über historische Erfahrungen, gegenwärtige Gefährdungen – und über die Frage, was wir aus ter Braaks Analyse für unser heutiges demokratisches Selbstverständnis lernen können.
Der Eintritt ist frei.