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„Meine Zeit würde ich am liebsten am Mikroskop verbringen“

Im Labor mit Prof. Stefan Luschnig
Prof. Dr. Stefan Luschnig, CiM-Professor für Morphogenese tubulärer Organe am Institut für Neuro- und Verhaltensbiologie
© CiM - Jean-Marie Tronquet

Herr Prof. Luschnig, mit welcher wissenschaftlichen Frage beschäftigen Sie sich aktuell?

In meiner Forschungsgruppe dreht sich alles darum, wie Zellen Röhren bilden, zum Beispiel Blutgefäße. Dafür müssen sich Endothelzellen zusammenschließen und eine Gefäßwand bilden. Eine der Fragen, auf die wir uns dabei konzentrieren, lautet: Was passiert, wenn drei dieser Zellen aufeinander treffen und einen Zellkontakt ausbilden? Bei zwei Zellen kann man sich die Verbindung wie einen Reißverschluss vorstellen. Der hakt aber, wenn Zellen von drei Seiten kommen. Wir haben ein Protein gefunden, das eine Art „Drei-Wege-Reißverschluss“ bewirkt und den Kontakt zwischen den drei Zellen herstellt. Diese Zellkontakte stellen sicher, dass die Gefäßwand mechanisch stabil und dicht ist. Für unsere Arbeit verwenden wir die Fruchtfliege Drosophila als vergleichsweise einfaches Modell, an dem man solche grundlegenden zellbiologischen Fragen sehr gut untersuchen kann.

Was macht Sie persönlich als Wissenschaftler aus?

Ich bin ein enthusiastischer Forscher. Meine Zeit würde ich am liebsten am Mikroskop verbringen, wobei ich inzwischen leider zu wenig Zeit dafür habe. Oder ich schaue mir Daten an, die meine Mitarbeiter erhoben haben. Ich bin erst seit kurzem in Münster, wurde hier sehr gut willkommen geheißen und fühle mich wirklich wohl – obwohl ich die Berge schon sehr vermisse.

Was ist Ihr großes Ziel als Wissenschaftler?

Ich will die primären Prozesse der Organentwicklung verstehen und erklären können, wie etwa Zellverbindungen hergestellt und dynamisch umgebaut werden – möglichst bis ins molekulare Detail. Bis das tatsächlich erreicht ist gibt es noch viel zu tun und einiges an neuer Biologie zu entdecken. Viele Wissenschaftler wenden sich der Translation zu, also dem Transfer der Grundlagenforschung in die klinische Anwendung. Die Translation ist wichtig, aber auch eine schwierige Herausforderung, die nur durch interdisziplinäre Zusammenarbeit verwirklicht werden kann. In einem Leben kann man ja nicht alles selbst machen. Kooperationen über die Fachgrenzen hinweg gewinnen daher immer mehr an Bedeutung.

Was ist Ihr liebstes technisches Forschungsspielzeug und was kann es?

Das ist ein konfokales Laser-Scanning-Mikroskop. Damit kann man extrem scharfe Bilder aus dem Inneren von Embryonen und Zellen machen. Wie gut man damit inzwischen in Zellen hineinschauen kann, konnte man sich noch vor zehn Jahren kaum vorstellen. Insbesondere lässt sich damit die Dynamik von Prozessen quasi “live“ anschauen, was ganz neue Erkenntnisse zutage bringt.

Erinnern Sie sich an Ihren größten Glücksmoment als Wissenschaftler?

Ein solcher Glücksmoment war, als wir das Protein gefunden haben, das den „Drei-Wege-Reißverschluss“ bewirkt. Nach mehreren Jahren Arbeit konnten wir auf einmal auf eine Sequenz mit 10.000 Buchstaben blicken und wussten: Diese Struktur haben wir die ganze Zeit gesucht.

Und wie sah Ihr größter Frustmoment aus?

Es gibt nur selten tatsächliche Heureka-Momente. Häufiger kommt es vor, dass man frustriert ist. Aber damit arrangiert man sich mit der Zeit. Bisweilen hat mich frustriert, wenn man viel Arbeit in einen Förderantrag gesteckt hat und eine zweizeilige Absage bekommt.

Welche wissenschaftlichen Phänomene begeistern Sie heute noch regelmäßig?

Ich finde ganz unterschiedliche Bereiche der Biologie nach wie vor faszinierend. In der Zellbiologie sind zwar manche Fragen der aktuellen Forschung relativ konkret – und meist hat man zumindest eine Vorstellung, mit welcher Methode man eine Antwort finden könnte. Aber es gibt auch immer noch völlig offene Fragen, bei denen häufig noch nicht einmal klar ist, wie man sie wissenschaftlich angehen soll. Wie funktioniert unser Gehirn? Wie werden Erinnerungen gespeichert und abgerufen?