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CiM/sis

„Die Geburten meiner Kinder haben mir bewusst gemacht, wie relevant unsere Experimente sind“

Im Labor mit Dr. Timo Betz
Dr. Timo Betz, CiM-Nachwuchsgruppenleiter im Institut für Zellbiologie

Mit welcher wissenschaftlichen Frage beschäftigen Sie sich aktuell?

Ich beschäftige mich mit der Mechanik von Zellen. Zellen bewegen sich, üben Kräfte aus, werden von Kräften beeinflusst. Ich frage mich: Welche Mechanik steckt hinter all diesen Prozessen? Ganz konkret will ich zum Beispiel wissen, wie Zellen ihre Form verändern oder wie sie ihre mechanischen Eigenschaften so regulieren, dass sie ihren Auftrag im Körper erfüllen können. Eine Krebszelle in einem Tumor etwa ist meist hart und besteht aus einem steifen Gerüst. Will sie aber im Körper wandern, muss sie sich durch kleine Zwischenräume im Gewebe zwängen. Das gelingt ihr nur, weil sie in den Modus „flüssig“ umschalten kann. Die gleiche Zelle, die eben noch steif war, kann also ihre Bausteine so geschickt verändern, dass ihr Aufbau zur neuen Aufgabe passt. Wie und warum gelingt Zellen das? Und mit welcher Methode? Als Physiker messe ich Kräfte, schaue mir Materialflüsse in Zellen etwa bei ihrer Teilung an und entwickle passende Modelle dazu. Meist stelle ich mir augenscheinlich einfache Fragen. Die haben in der Biophysik aber große Sprengkraft, weil das Forschungsfeld noch vergleichsweise neu ist und die Beantwortung auch einfacher Fragen schnell kompliziert wird. Aber am liebsten finde ich auf meine Fragen auch einfache Antworten. Wir Physiker wollen immer alles möglichst einfach darstellen.

Was macht Sie als Wissenschaftler persönlich aus?

Ich bin sozusagen die personifizierte Schnittstelle zwischen der Biologie und der Physik. Die Natur schert sich wenig darum, ob ein Prozess im Körper chemisch oder mechanisch abläuft. Als Physiker bin ich dennoch ein Exot unter Biologen, die sich eher auf biochemische Fragen konzentrieren. Ich versuche mit meinen Forschungsfragen mehr Physik in die Biologie zu bekommen und dazu beizutragen, dass beide Bereiche enger zusammenwachsen.

Was ist Ihr großes Ziel als Wissenschaftler?

Ich würde gern Materialeigenschaften der Zellen im Körper verstehen. Das klingt auf den ersten Blick wenig spannend. Aber wir können so viel von unserem Körper lernen. Wenn ich zum Beispiel erklären kann, wie die oben erwähnte Krebszelle ihre Struktur transformiert, hilft das nicht nur in der Medizin, sondern auch der Materialwissenschaft.

Was ist Ihr liebstes technisches „Forschungsspielzeug“ und was kann es?

Das ist die sogenannte optische Pinzette mit der ich mit einem Laser Zellen festhalten und bewegen kann, ohne sie zu verletzen. Ich habe schon viele dieser optischen Pinzetten aufgebaut, und bald bekommt mein neues Labor in Münster zwei neue dazu.  Ich entwickle die Technik auch weiter. Allerdings in der Regel nur soweit, damit ich mit ihrer Hilfe meine wissenschaftlichen Fragen beantworten kann.

Erinnern Sie sich an Ihren größten Glücksmoment als Wissenschaftler?

Das waren die Geburten meiner beiden Kinder. Abgesehen vom privaten Glück, ist mir nochmals bewusst geworden, wie relevant unsere wissenschaftlichen Experimente für unser aller Leben sind.

Und wie sah Ihr größter Frustmoment aus?

Am meisten frustriert mich, wenn Wissenschaftler, mit denen man an einem Thema gearbeitet hat, auf einmal das Interesse an unserer Zusammenarbeit verlieren. Gemeinsam hätte man vielleicht Spannendes entdecken und entwickeln können.

Welches wissenschaftliche Phänomen fasziniert Sie auch heute noch regelmäßig?

Die Interaktion von Licht und Materie. Auf meiner Fensterbank steht seit Jahren eine Lichtmühle. Das ist ein schönes Spielzeug, wie ich finde. Ich weiß genau, warum die Mühle sich bei Lichteinstrahlung schneller dreht. Dennoch finde ich einfach toll, dass es überhaupt funktioniert, und das Zuschauen inspiriert mich immer wieder.

Auf welche große, wissenschaftliche Frage hätten Sie gern eine Antwort?

Wie entwickelt sich aus einfachen Zellen ein ganzer Organismus? Am Anfang dieser Frage steht die Zellteilung. Ich wüsste gern genau, wie aus spontan erscheinenden einzelnen Ereignissen ein komplex koordinierter Ablauf entsteht.