Erste Erfolge mit personalisierter Medizin bei schweren systemischen Entzündungen


Erste Erfolge mit personalisierter Medizin bei lebensbedrohlichen systemischen Entzündungen sehen Wissenschaftler der Universität Münster. „In unserer Forschung konnten wir zum Beispiel feststellen, dass sich die Gefahr von Nierenschäden durch Entzündungsreaktionen nach einer großen Operation verringern lässt, wenn wir mithilfe neuer Biomarker das individuelle Risiko eines Patienten bestimmen“, sagt der Intensivmediziner Prof. Dr. Alexander Zarbock anlässlich des Welt-Sepsis-Tags am 13. September. „So können wir Patientinnen und Patienten mit besonders hohem Risiko für Nierenschäden identifizieren und sie vorbeugend behandeln. Dieses Vorgehen hat großes Potenzial, auch bei Sepsis-Patienten zu Verbesserungen zu führen“, so der Wissenschaftler. „Jeder Mensch bringt bei einer systemischen Entzündung wie der Sepsis eigene Voraussetzungen mit“, betont der Intensivmediziner Prof. Dr. Jan Rossaint. „Doch erst im Laufe des letzten Jahrzehnts ist in der Forschung klarer geworden, dass dies den Entzündungsverlauf entscheidend beeinflussen kann.“ Auf der Endstrecke ähnele sich das Krankheitsgeschehen. „Doch die Auslöser und beteiligten Organe unterscheiden sich. Zudem wirken genetische Faktoren, Vorerkrankungen oder die Einnahme von Medikamenten mit. Wir brauchen personalisierte Therapien.“
Fast ein Drittel aller Todesfälle weltweit geht laut der Global Burden of Disease Study auf eine Sepsis zurück, also eine durch eine Infektion ausgelöste Entzündungsreaktion des Immunsystems, die auf den ganzen Körper übergreift. Jan Rossaint und Alexander Zarbock leiten an der Universität Münster die Klinische Forschungsgruppe „Organdysfunktion im Rahmen systemischer Inflammationssyndrome“ (KFO 342), in der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen, warum im Entzündungsgeschehen lebenswichtige Organe versagen. Das Risiko der Nierenschäden durch Entzündungsreaktionen nach einer großen Operation ließ sich verringern, indem über Biomarker identifizierte Hochrisikopatienten gleich nach der Operation vorbeugend versorgt wurden. „Dazu gehört, den Kreislauf und Flüssigkeitshaushalt genau zu steuern, Nierenwerte eng zu überwachen und auf Medikamente zu verzichten, die die Nieren schädigen könnten“, sagt Alexander Zarbock. Die Forschenden streben an, dass diese Ergebnisse in internationale Leitlinien zur Versorgung von Sepsis und anderen systemischen Entzündungen einfließen.
Aktuelle Forschung zu Entzündungsrisiken nach Herzoperationen
Bei einer Sepsis lösen Bestandteile von Bakterien oder Viren die Reaktion des Immunsystems aus. Ebenso gefährlich sind Entzündungen, bei denen keine Infektion im Spiel ist. „Wir erleben das zum Beispiel bei schweren Gewebeverletzungen nach Verkehrsunfällen oder nach großen Operationen wie Organtransplantationen, wenn das Blut wieder in die Gefäße strömt und dadurch inflammatorische Reize entstehen“, so Jan Rossaint. Hier reagiert das Immunsystem auf Proteine, die von verletzten Zellen freigesetzt werden. Überschreitet die Aktivierung des Immunsystems eine Schwelle, kann die Entzündung Organe lebensbedrohlich schädigen.
Jan Rossaint untersucht aktuell mit Kolleginnen und Kollegen, welche Patienten speziell nach Herzoperationen besonders gefährdet sind, eine systemische Entzündung zu entwickeln. Das Team bezieht Werte ein, die sich in der Klinik routinemäßig bestimmen lassen – etwa Veränderungen im Blutbild, typische Entzündungsparameter und klinische Messwerte wie den Blutdruck, die Herzfrequenz und die Organfunktion. Zusätzlich analysieren die Wissenschaftler vor, während und nach der Operation mithilfe der Durchflusszytometrie Hunderte von Parametern verschiedener Arten weißer Blutkörperchen, beispielsweise Rezeptoren auf der Zellmembran und zelluläre Botenstoffe. „Wir suchen in diesen Daten nach Kombinationen, die vorhersagen, wie hoch das individuelle Risiko für Komplikationen durch Entzündungsreaktionen ist“, so Jan Rossaint.
„Schlüsselfaktor ist Verbindung zwischen Universitäten und Universitätskliniken“
Um diese Forschung in routinemäßige klinische Anwendungen zu bringen, ist es nach Jan Rossaint noch zu früh. „Medizinische Forschung erfordert viel Zeit und viel Freiheit, denn sie ist kein geradliniger Prozess. Wir müssen Fragen immer wieder neu stellen und nach Erklärungen suchen, wenn etwas nicht funktioniert. Erst mit mehr Verständnis können wir Fragen und Herangehensweisen weiter präzisieren.“ Der Wissenschaftler betont: „Um medizinische Fortschritte zu erzielen, sind auch Tierversuche unabdingbar, weil wir die grundlegenden Mechanismen der Erkrankung verstehen müssen. Die Vorgänge im hochkomplexen System Körper können wir in Gewebemodellen nicht hinreichend nachstellen.“
Die enge Verbindung zwischen Universitäten und Universitätskliniken ist laut Jan Rossaint der Schlüsselfaktor, der befördert, dass Forschung in klinische Anwendungen mündet. „Wenn wir bei Untersuchungen in der Maus auf neue Zusammenhänge stoßen, können wir auf kurzem Wege mit Proben aus der Klinik überprüfen, welche Bedeutung sie im menschlichen Körper haben und Projekte entsprechend weiter ausrichten. In der Forschung mit Patientengruppen werten wir Daten mit wissenschaftlichen Messmethoden und statistischem Know-how aus, was auf klinischer Seite allein nicht zu stemmen wäre.“
Links
- Welt-Sepsis-Tag am 13. September 2026 (Informationen der Deutschen Sepsis-Gesellschaft)
- GBD 2021 Global Sepsis Collaborators, Lancet Glob Health 2025;13(12):e2013-e2026
- Prävention senkt Gefahr von Nierenschäden nach Operationen (Forschungsmeldung zur im Text genannten Studie vom 08.12.2025)
- Sepsis – Amoklauf im Körper (Podcast mit Prof. Dr. Jan Rossaint vom 11.09.2023)
- Klinische Forschungsgruppe 342 “Organdysfunktion im Rahmen systemischer Inflammationssyndrome“ der Universität Münster
- Forschungsschwerpunkt „Entzündung und Infektion“ an der Medizinischen Fakultät der Universität Münster
Autorin: Doris Niederhoff