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„Die Idee lebt.“

Es war ein Meilenstein für münstersche Lebens- und Naturwissenschaftler, als 2012 der Exzellenzcluster „Cells in Motion“ (CiM) bewilligt wurde. Das Ziel der Forscherinnen und Forscher: Sie wollen das Zusammenspiel von Zellen in Organismen verstehen. CiM hat an der Universität Münster viel verändert. Die Koordinatoren des Exzellenzclusters berichten.
Das Koordinatorenteam des Exzellenzclusters „Cells in Motion“ (v.l.n.r.): Prof. Volker Gerke, Prof. Lydia Sorokin (Sprecherin) und Prof. Michael Schäfers
© CiM - Michael Kuhlmann

Sie als Koordinatoren waren von der ersten Sekunde an dabei. Was verbinden Sie ganz persönlich mit „Cells in Motion“?

Lydia Sorokin: Viel Bewegung, viel Veränderung und viel Arbeit – aber Arbeit im positiven Sinn.

Volker Gerke: Ich persönlich verbinde mit CiM, dass sich enorm viele neue Anknüpfungspunkte in der Forschung ergeben haben, die ich ohne den Cluster niemals wahrgenommen hätte. Ich selbst bin Biochemiker, und in den vergangenen drei Jahren habe ich mit Physikern und Chemikern so viel Zeit verbracht …

Michael Schäfers: Wie nie zuvor, oder?

Volker Gerke: Genau, wie nie zuvor in meinem ganzen wissenschaftlichen Leben. Und es sind ganz tolle Ergebnisse und interessante Ideen dabei herausgekommen, die enormes Potenzial bergen.

Lydia Sorokin: Ich glaube, das geht uns allen so, dass wir unsere Horizonte erweitert haben.

Michael Schäfers: Und das betrifft nicht nur die wissenschaftliche Seite, sondern auch die persönliche. Man hat viele neue Köpfe kennengelernt – das macht es einfach spannend. Allein die Kommunikation mit anderen gibt Impulse.

Wie hat sich aus Ihrer Sicht die Forschung an der Universität Münster durch CiM verändert?

Volker Gerke: Allgemein ist die biomedizinische Forschung mit den Naturwissenschaften, also der Chemie und Physik, sowie mit der Mathematik und Informatik sicher deutlich vernetzter als vorher. Außerdem haben die neu rekrutierten Kollegen den Standort und den Forschungsschwerpunkt des Clusters gestärkt.

Michael Schäfers: Es ist deutlich zu sehen, dass sich hinsichtlich der interdisziplinären Zusammenarbeit viel bewegt hat. Ich habe wirklich das Gefühl, es ist eine Gemeinschaft von Leuten entstanden, die das Konzept weiter voranbringen wollen.

Lydia Sorokin: Auch für Nachwuchswissenschaftler haben sich ganz neue Möglichkeiten aufgetan. Langfristig kann man davon ausgehen, dass interdisziplinär arbeitende Forscher bessere Jobchancen haben. Ich habe die erste Bewerbung von einem Ingenieur erhalten, der in meiner biochemischen Arbeitsgruppe promovieren möchte. Das ist nur eins von vielen Beispielen.

Wie schwierig war es, neue Strukturen einzuführen? Und wann wurde Ihnen bewusst, dass das Konzept funktioniert?

Lydia Sorokin: Das erste Jahr war hart, muss man zugeben. Und es hat gedauert, bis wir alle neuen Programme eingeführt hatten. Wir haben viel Zeit investiert und das zahlt sich jetzt aus. Nun muss es weitergehen, es hat gerade erst angefangen.

Michael Schäfers: Am Anfang hatten wir natürlich eine Menge administrative Arbeit. Wir mussten unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen unter einen Hut bringen. Das war nicht immer einfach. Denn die klassischen Fächer haben jeweils ihre eigenen Strukturen – zumindest institutionell.

Volker Gerke: Eines meiner Aha-Erlebnisse war dann unser erstes Flexible-Funds-Symposium im Frühjahr 2013, bei dem CiM-Wissenschaftler ihre Forschungsvorhaben vorgestellt und sich um eine Projektförderung beworben haben. Da hat sich gezeigt, wie viele spannende Kooperationen sich schon über die Fakultätsgrenzen hinweg gebildet hatten – und dass die Idee, die wir ursprünglich auf dem Papier entwickelt haben, wirklich lebt. Unser externes Beratungsgremium mit international anerkannten Wissenschaftlern sah das genauso. Das war toll. Mein zweites Aha-Erlebnis war, als 2014 der Zuschlag für den Bau unseres Multiscale Imaging Centres kam.

Michael Schäfers: Ja, das stimmt. Ab 2019 haben wir unser eigenes Gebäude – und damit die strukturelle Grundlage dafür, dass der Forschungsgedanke von CiM auch in der Zukunft weitergetragen wird. Wenn wir alle Kernprofessuren und die entsprechenden Technologien unter einem Dach zusammengeführt haben, wird das unsere Arbeit noch weiter bereichern.

Lydia Sorokin: Besonders gefreut hat mich auch der große Erfolg unseres Brownbag-Lunchs. Jeden Donnerstag treffen sich Nachwuchswissenschaftler aus unterschiedlichen Fachgebieten, um sich auszutauschen. Sie holen sich ein Lunchpaket ab, den „Brownbag“, und hören beim Mittagessen einen Vortrag. Leute, die sich vielleicht nie getroffen hätten, kommen dort miteinander in Kontakt und fangen an, gemeinsame Projekte zu planen. Und ich bin sicher, dass die Reihe nicht nur wegen des kostenlosen Mittagessens so gut besucht ist (lacht).

Volker Gerke: Ein großer Moment war auch, als der Masterstudiengang „Experimentelle Medizin“ akkreditiert wurde.

Lydia Sorokin: Absolut. Bis es so weit war, hat es gute drei Jahre gedauert. Ich glaube aber, dass das eine der nachhaltigsten Strukturen ist, die wir eingeführt haben. Das wird eine neue Generation hervorbringen, nämlich „clinician scientists“, also forschende Mediziner. Das sind die Leute, die wir brauchen.

Eines der Ziele von CiM ist die Translation, also die Überführung experimenteller Forschungsergebnisse in die Klinik. Welche Chancen birgt das für Wissenschaft und Gesellschaft?

Michael Schäfers: Die CiM-Forscher arbeiten an vielen medizinisch relevanten Themen, darunter große Gesellschaftserkrankungen wie Multiple Sklerose oder Arteriosklerose. Durch die enge Verzahnung von Grundlagenforschung und Klinik wollen wir am Ende nützliche Ergebnisse für die Behandlung von Krankheiten erzielen. Von klinischer Seite aus betrachtet haben Ärzte mit Kenntnissen der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung mehr Möglichkeiten und Ideen in ihrer Arbeit mit Patienten.

Volker Gerke: Man muss aber beachten, dass viele Projekte der Grundlagenforschung langfristig angelegt sind. Die generellen Erkenntnisse über Zellbewegungen spiegeln sich vielleicht erst in zehn oder 20 Jahren in Diagnosen und Therapien wider.

Lydia Sorokin: Das ist richtig. Eine Art erzwungene Translation funktioniert nicht. Aber eine gute Grundlagenwissenschaft wird langfristig sinnvolle Erkenntnisse in die klinische Praxis bringen.

Volker Gerke: Der Vorteil im Cluster ist doch, dass die Leute, die Grundlagenforschung betreiben, einen engen Kontakt mit Klinikern haben. So wird von beiden Seiten gesehen: „Da ist vielleicht etwas, das interessant werden kann“. Wenn alle allein in ihrem Elfenbeinturm säßen, würde das nicht funktionieren.

CiM hat bereits viel bewegt. Welche Zukunftsideen haben Sie? 

Volker Gerke: Die vergangenen Jahre haben bestätigt, dass unser Konzept langfristig tragfähig ist. Man sieht, wo Entwicklungen sehr erfolgreich angestoßen und weiterverfolgt wurden. In Zukunft werden wir sicher eine noch größere Schärfe einbringen. Zum Beispiel wird die Erforschung von Zelldynamiken in ­Gefäßen weiter zentral im Fokus stehen und noch stärker wachsen.

Lydia Sorokin: Genauso die immunologischen Aspekte, also Entzündungen in unterschiedlichen Organen.

Michael Schäfers: In Bezug auf die bildgebenden Verfahren können wir auch klar sagen, was wir gelernt haben und wo wir noch Lücken füllen müssen. Unser Ziel ist, Vorgänge im Körper in verschiedenen Größenordnungen darzustellen – von Molekülen in einzelnen Zellen bis zum Gesamtorganismus. Wenn wir dies zusammenbringen, gewinnen wir neues Wissen. Daher konzentrieren wir uns weiter stark auf die Bildgebungstechnologien.

Lydia Sorokin: Unser großer Traum ist, langfristig eine Institution zu werden. Mit einer interdisziplinären Infrastruktur, die auch in 20, 40 oder 50 Jahren fest an der Uni besteht.