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Münster (upm)

Professor in Münster - Staatsgast in Kairo

Auf Reisen mit Mouhanad Khorchide zu wichtigen islamischen Institutionen in Ägypten / Lob für die WWU
Die Gastgeber der Universität Kairo, darunter der Rektor (3.v.l.), führten Mouhanad Khorchide (3v.r.) durch eine der Bibliotheken.<address>© WWU - Norbert Robers</address>
Die Gastgeber der Universität Kairo, darunter der Rektor (3.v.l.), führten Mouhanad Khorchide (3v.r.) durch eine der Bibliotheken.
© WWU - Norbert Robers

Als sich Mouhanad Khorchide und sein Mitarbeiter Ahmed Abd-Elsalam an diesem sonnigen Vormittag gegen 8.30 Uhr mit dem Auto über den Campus der Universität Kairo fahren lässt, staunt er nicht schlecht. Gleich am Haupteingang weist ein fünf Meter breites und zwei Meter hohes Banner auf seinen Vortrag in der Fakultät "Dar El Olum" hin, fast ein Dutzend ähnliche Groß-Poster sind über das weiträumige Gelände verteilt. Es ist der erste Termin des Leiters des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) der Universität Münster während seines zweitägigen Besuchs in der ägyptischen Hauptstadt, bei dem ihn die "Wissen.Leben"-Redaktion begleitet hat. Und schnell wird klar: Dieser wahrlich großflächige Empfang ist erst der Anfang – in den folgenden 48 Stunden werden Kollegen, Studenten, Politikern und Medien den münsterschen Professor mal wie einen Star, mal wie einen Staatsgast empfangen. Im riesigen Kairo kommen das vergleichsweise kleine Münster und die WWU ganz groß raus…

Vortrag und Disputation

Der mit schweren Ledersesseln bestückte Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, als der 46-jährige Religionspädagoge kurz darauf seine Ideen für einen weltoffenen und friedfertigen Islam vorstellt. Zuvor hat ihn der Dekan der 1871 gegründeten Fakultät, der Philosoph Abdel Rady Radwan, in seinem etwa 50 Quadratmeter großen Büro empfangen. Eine Stunde lang geht es bei Kaffee, Wasser und Kuchen wie im vielzitierten Taubenschlag zu. Immer wieder kommen Fakultäts-Professoren ins Zimmer und begrüßen den offenkundig weithin bekannten Gast aus Münster, der, kaum dass er sitzt, zum nächsten Handschlag wieder aufstehen muss. "Wir sind sehr stolz, ihn zu Gast zu haben", erklärt der Dekan. "Mouhanad Khorchide zeigt der Welt, dass es einen barmherzigen und friedfertigen Islam gibt. Auch wir stehen für Friedfertigkeit und Toleranz." Die Muslime müssten sich öffnen, den Islam immer neu denken und sich radikalen und politisch motivierten Koran-Interpretationen entgegenstellen, betont der ZIT-Leiter in seiner 20-minütigen Rede. Wohl wissend, dass es wahrscheinlich nicht wenige Zuhörer im Auditorium gibt, die zwar freundlich applaudieren, als stillschweigende Anhänger der in Ägypten als terroristische Organisation eingestuften Muslim-Bruderschaft ihn allerdings für einen gefährlichen Häretiker halten.

Auch der Rektor der 245.000 Studenten zählenden Universität, Prof. Dr. Mouhammad Osman Elkosht, stärkt ihm demonstrativ den Rücken. Er zeigt Mouhanad Khorchide eine Bibliothek, ein Kamerateam und mehrere Sicherheitskräfte verfolgen die Delegation auf Schritt und Tritt durch das Gebäude. "Der Islam braucht Impulse der Aufklärung", unterstreicht Dekan Abdel Rady Radwan. Für die progressiven Muslime im konservativen Ägypten ist das münstersche ZIT das Zentrum der Offenheit und Liberalität schlechthin. Die Gastgeber wünschen sich nichts sehnlicher, erklären sie immer wieder, als einen möglichst intensiven Austausch mit der WWU.

Zu Gast an der al-Azhar-Universität

Das gilt auch für die führende Institution in der sunnitischen Welt, der mehr als 1000 Jahre alten al-Azhar-Universität. Fast eine Stunde dauert die Taxi-Fahrt durch die 20-Millionen-Einwohner-Metropole, in der es keine Verkehrsregeln und keine frische Luft zu geben scheint. Ein Dutzend Männer wartet im Büro des Rektors, als Mouhanad Khorchide den Vertrag über eine neue Kooperation präsentiert. Austausch von Studenten und Dozenten, gemeinsame Veranstaltungen und Forschungsprojekte: Rektor Prof. Dr. Mohammad Hussein Al-Mahrassawi hat nur eine Nachfrage zu möglichen gemeinsamen Zertifikaten und unterschreibt schließlich. Händeschütteln, Umarmungen, Fotos im Dutzend – Münster und die WWU sind zumindest in diesem Teil der arabischen Welt in aller Munde.

Buchstäblich über Nacht gelingt es Mouhanad Khorchide, sich an seinem zweiten Kairo-Tag mit einem der Berater des geistlichen Oberhaupts der al-Azhar, Großscheich al-Tayyeb, zu verabreden. Die nächste Abenteuerfahrt mit einem Taxi, das wie alle anderen Droschken auch unmittelbar von der Verschrottung bedroht zu sein scheint. Das Büro hat keine Fenster, dafür die offenbar üblichen schweren Ledersessel, die Klimaanlage rauscht. "Was sollen wir machen?", fragt der Berater Mouhanad Khorchide mit Verweis auf die zahlreichen Anschläge und Terrorakte im Namen des Islam. "Sollen wir uns jedes Mal distanzieren? Aber ist das effektiv – nimmt man das im Westen überhaupt wahr? Oder sollen wir mit der Auslegung der Texte des Propheten kritischer umgehen?" Für einen Außenstehenden eine kuriose Situation: Ausgerechnet im Zentrum der sunnitischen Macht ist ein Münsteraner ein gefragter Ratgeber. "Das eigentliche Problem sind nicht die Extremisten, die sich auf den Islam berufen, sondern diejenigen Gelehrten, die darauf beharren, dass bestimmte Positionen auf ewig so bleiben", empfiehlt der ZIT-Leiter "eine deutliche Distanz zu einigen menschenfeindlichen Koran-Interpretationen". Zudem müsse man sich ohne Wenn und Aber von Positionen verabschieden, die Gewalt bejahen.

Kurzbesuch schräg gegenüber im "Observatorium". In dem zwölfstöckigen Gebäude erstellen rund 80 Mitarbeiter jeden Tag einen Überblick über die wichtigsten Medienbeiträge, die sich mit dem Islam beschäftigen - ein Dutzend von ihnen scannen die deutsche Nachrichtenlandschaft. Als Mouhanad Khorchide das moderne Großraumbüro betritt, springen die für Deutschland verantwortlichen Mitarbeiter sofort auf. Sie alle kennen ihn, er ist für sie einer die wichtigsten "Nachrichten-Lieferanten". Sofort geht es inhaltlich zur Sache, auch hier ist die Meinung des Gastes erwünscht. Sollen auch Frauen als Imame in den Moscheen arbeiten dürfen, wie es in Berlin der Fall ist? Einer der Mitarbeiter ist skeptisch, Mouhanad Khorchide hält vehement dagegen. "In Mekka als unserem heiligsten Ort nehmen Männer und Frauen gemeinsam an der großen Wallfahrt teil", betont er. "Warum also sollten nicht auch Frauen als Imame tätig sein?"

Gefragter Gesprächspartner: Mouhanad Khorchide gibt einer Redakteurin ein Interview.<address>© WWU - Norbert Robers</address>
Gefragter Gesprächspartner: Mouhanad Khorchide gibt einer Redakteurin ein Interview.
© WWU - Norbert Robers
Mouhanad Khorchide als Medienstar

Gleich am ersten Tag hatte Mouhanad Khorchide einer Redakteurin des Medienhauses "al-Youm7" ("Der siebte Tag") ein Interview gegeben. An diesem Nachmittag kommt er bei seinem letzten Termin dem Wunsch des Chefredakteurs zu einem Redaktionsbesuch nach. In dem gläsernen Hochhaus sondieren Dutzende Redakteure in sogenannten Newsrooms die weltweite Nachrichtenlage. "Der siebte Tag" berichtet ausführlich über den Besuch von Mouhanad Khorchide, sein Interview nimmt zwei Seiten ein. Der Tenor ist positiv, auch die Rolle der Universität Münster wird lobend erwähnt. Dieser "Werbeeffekt" zugunsten der WWU und die Wirkung des Interviews in dieser Region können wohl nicht hoch genug eingeschätzt werden: Die Auflage der Zeitung geht in die Hunderttausende, auf den Webseiten tummeln sich täglich bis zu 50 Millionen Menschen…

Norbert Robers

 

Hintergrund: Al-Azhar

Die Azhar ist eine islamische wissenschaftliche Institution mit Sitz in Kairo, die vom ägyptischen Staat unterhalten und derzeit von Großscheich Mohammad Ahmad al-Tayyeb geleitet wird. Sie umfasst unter anderem die Azhar-Universität (500.000 Studierende), die Akademie für islamische Untersuchungen und die Azhar-Moschee. Der Lehrbetrieb begann im Jahr 988, womit die Al-Azhar eine der ältesten islamischen Hochschulen der Welt darstellt. Ihr Name ist von az-Zahrā' abgeleitet, einem Beinamen von Fatima, der jüngsten Tochter des Propheten Mohammed.

 

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 8, Dezember 2017.

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