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Münster (upm)

Gibt es eine Moral beim Kopieren?

Bei Vervielfältigungen werden Rechtsfragen oft ausgeblendet – ein Gastbeitrag von Philosoph Reinold Schmücker
Papageien wiederholen gern Aussagen von Menschen und kopieren somit deren Sätze. Die Zeichnung bildete das Motiv der Einladung zur Tagung einer interdisziplinären Forschungsgruppe, die sich mit dem Kopieren aus ethischer Sucht beschäftigte.<address>© Stefan Klatt</address>
Papageien wiederholen gern Aussagen von Menschen und kopieren somit deren Sätze. Die Zeichnung bildete das Motiv der Einladung zur Tagung einer interdisziplinären Forschungsgruppe, die sich mit dem Kopieren aus ethischer Sucht beschäftigte.
© Stefan Klatt

Hand aufs Herz: Haben Sie nicht auch schon ein urheberrechtlich geschütztes Foto aus einem Buch herauskopiert oder von einer Webseite heruntergeladen und es als Illustration in eine Power-Point-Präsentation eingebaut, die Sie öffentlich vorgeführt haben? Und darauf verzichtet, den Rechteinhaber um Erlaubnis zu fragen? Oder sich einen Aufsatz, der über die Universitäts- und Landesbibliothek nicht zu bekommen war, kurzerhand über die Internet-Schattenbibliothek "SciHub" besorgt, anstatt ihn für einen dreistelligen Betrag vom Verlag als E-Paper zu erwerben?

Rechtlich ist das nicht erlaubt. Aber ist das geltende Urheberrecht wirklich gerecht? Gibt es gar moralische Gründe, auf die Sie sich berufen könnten, wenn man Sie fragt, warum Sie – und zwar wahrscheinlich ohne das Gefühl, etwas moralisch Verwerfliches zu tun – etwas widerrechtlich kopiert haben?

Die Ethik des Kopierens geht solchen Fragen nach. Sie fragt: Gibt es ethische Kriterien, anhand derer sich legitime Kopierprozesse von illegitimen unterscheiden lassen? Und wenn ja: Decken sich diese mit den Kriterien des Urheberrechts? Dass solche Fragen heute dringlich sind, hat mit dem technischen Fortschritt zu tun. Weil er völlig neuartige Möglichkeiten des Kopierens hervorgebracht hat, können wir heute mit einer bisher ungekannten Mühelosigkeit kopieren – oft sogar ohne irgendeinen Qualitätsverlust. Man denke nur daran, wie einfach und rasch sich digital gespeicherte Texte oder Musikstücke oder Teile davon duplizieren lassen. Auch kann man viele Gegenstände, die sich früher allenfalls von Hand und nur bedingt vorlagengetreu kopieren ließen – zum Beispiel Gemälde –, in einer früher unvorstellbaren Vorlagentreue technisch reproduzieren.

Die Inhaber von urheberrechtlichen Nutzungs- (und diesen verwandten) Rechten haben deshalb in den letzten 200 Jahren mit Erfolg auf eine immer stärkere Erweiterung und Verschärfung des Urheberrechts hingewirkt: Waren literarische und künstlerische Werke in Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts nur bis zum Ablauf von 30 Jahren nach dem Tod des Urhebers geschützt, darf man sie heute erst nach Ablauf von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers ohne die Einholung einer Erlaubnis kopieren.

Kopierverbote können jedoch nicht nur (wie etwa bei patentrechtlich geschützten Medikamenten) den Zugang zu lebensrettenden Gütern erheblich erschweren. Sie reglementieren vielmehr auch die kulturelle Entwicklung einer Gesellschaft, denn Kopieren ist für Lernprozesse konstitutiv und für die Fortentwicklung von Technik und Kultur unabdingbar. Niemals hätten Computer und Smartphone unser Leben binnen so kurzer Zeit so grundlegend verändern können, wenn die ersten dieser Geräte nicht – mehr oder weniger abgewandelt – kopiert und dabei oft auch verbessert worden wären, im Zweifelsfall auch ohne die Erlaubnis ihrer allerersten "Erfinder".

Erst recht ließe sich ohne das Kopieren der Aussprache und Ausdrucksweise von Muttersprachlern keine Fremdsprache wirklich erlernen. Und die Entwicklung der Künste wäre ohne eine Vielzahl von Kopierhandlungen völlig undenkbar; das Werk von Künstlern wie Andy Warhol oder Elaine Sturtevant oder Musikformen wie das Sampling machen das unmittelbar deutlich.

Vielen rechtlichen Kopierbeschränkungen fehlt es deshalb an Akzeptanz: Sie werden nicht als "richtiges" Recht wahrgenommen. Doch an welchen Maßstäben ließe sich das Recht des geistigen Eigentums überhaupt messen? Und wie lässt sich die kaum zu überschätzende Bedeutung der Kulturtechnik des Kopierens gegenüber der Auffassung zur Geltung bringen, dass zum Schutz von Rechteinhabern vor "Enteignung" weitreichende Kopierverbote nötig seien?

Am Bielefelder Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) hat eine Forschungsgruppe darauf Antworten gesucht. Zum ersten Mal in der 49-jährigen Geschichte des ältesten deutschen "Institute for Advanced Study" war damit ein an der WWU vorbereiteter Antrag auf Einrichtung einer ZiF-Forschungsgruppe im dreistufigen Auswahlprozess erfolgreich. Neben philosophischen "Berufsethikern" gehörten der Gruppe Urheberrechtler, Kunst-, Literatur-, Sozial- und Medienwissenschaftler an.

In vielen Punkten erzielten sie einen Konsens. Zum Beispiel darüber, dass es keine überzeugenden moralischen Gründe dafür gibt, die Zulässigkeit von Kopierhandlungen auch dann an die Zustimmung von Rechte-Inhabern zu knüpfen, wenn durch das Kopieren gar keine Gegenstände erzeugt werden, die das kopierte Objekt im Hinblick auf eine seiner zentralen Funktionen ersetzen könnten. Der Gesetzgeber kann zwar festlegen, dass ein Konditor kein Schokoladen-Smartphone herstellen darf, ohne dem Hersteller des von ihm kopierten Smartphone-Modells Lizenzgebühren zu zahlen. Moralisch gut begründet ist eine solche Festlegung aber nicht. Denn es käme wohl niemand auf die Idee, das Kopieren des Blumenbeets im Nachbargarten von der Erlaubnis dieses Nachbarn abhängig zu machen und ihm sogar Tantiemen in Aussicht zu stellen.

Manchen Ergebnissen der Forschungsgruppe hat sich auch das Justizministerium nicht verschlossen. Ein Vorschlag der Gruppe zur Ausweitung und Präzisierung des Zitatrechts wurde in § 51 Urhebergesetz aufgenommen und wird ab März 2018, wenn das im Sommer reformierte Urheberrecht in Kraft tritt, in Deutschland das Zitieren von Bildern beispielsweise in wissenschaftlichen Werken erleichtern.

Prof. Dr. Reinold Schmücker<address>© Peter Sauer</address>
Prof. Dr. Reinold Schmücker
© Peter Sauer
Reinold Schmücker ist Professor für Philosophie am Philosophischen Seminar der WWU und Mitglied der Kolleg-Forschergruppe "Theoretische Grundfragen der Normenbegründung in Medizinethik und Biopolitik". Von 2015 bis 2017 leitete er mit dem Karlsruher Urheberrechtler Prof. Dr. Thomas Dreier die Forschungsgruppe "Ethik des Kopierens".

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 8, Dezember 2017.

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