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Münster (upm)

Mit Mathe durch Münsters Innenstadt

Mathematik-Didaktiker schicken Schüler mit dem Smartphone auf „Rechen-Tour“
Auf "Mathe-Rundgang": Doktorandin Johanna Rellensmann, Studentin Lisa Triphaus und Prof. Dr. Stanislaw Schukajlow (v. l.) an der Station "Bronzestadt".<address>© WWU/Peter Leßmann</address>
Auf "Mathe-Rundgang": Doktorandin Johanna Rellensmann, Studentin Lisa Triphaus und Prof. Dr. Stanislaw Schukajlow (v. l.) an der Station "Bronzestadt".
© WWU/Peter Leßmann

Scharen von Passanten strömen täglich am Bronze-Relief der Stadt Münster am Domplatz vorbei. Viele werfen einen flüchtigen Blick auf die als Orientierungshilfe für Blinde gedachte Skulptur, manche inspizieren sie eingehend – aber wohl kaum jemand denkt bei ihrem Anblick an Mathe.

Das soll sich ändern, meinen Mathematik-Didaktiker der WWU. Das Team um Prof. Dr. Stanislaw Schukajlow vom Institut für Didaktik der Mathematik und der Informatik hat einen „Mathe-Rundgang“ durch die münstersche Innenstadt ausgearbeitet, der sich per Smartphone mit der an der Universität Frankfurt am Main entwickelten „MathCityMap“ erkunden lässt. „Das Modell der Bronzestadt ist im Maßstab 1:500 angefertigt. Wie hoch müsste der ‚echte‘ Südturm des Doms dann sein? Gib das Ergebnis in Metern an“, fragt die App an der Station „Bronzestadt.“ Nun heißt es überschlagen. 50 Meter? 60 Meter? Beides ist o.k. – eine jeweils mäßige Lösung zwar, so die Rückmeldung der App, aber immerhin … Mit einer Zahl zwischen 52 und 58 liegt man dagegen genau richtig: „gute Lösung“.

Tatsächlich ist der Turm 55,5 Meter hoch. Dass die Lösung jedoch gar nicht so exakt sein muss, um als gut bewertet zu werden, ist gewollt. „Mathematik begegnet uns im Alltag überall, allerdings oft nicht diese exakte Mathematik, die im Schulunterricht vermittelt wird. Im täglichen Leben reicht es häufig, ein ungefähres Ergebnis zu bestimmen“, meint Stanislaw Schukajlow. Außerdem würden im Schulunterricht Probleme oft auf einen Lösungsweg reduziert. „Im realen Leben und in der Mathematik gibt es aber häufig unterschiedliche Möglichkeiten, ein Problem zu lösen.“

Der Alltagsbezug sei im Mathematikunterricht oft gar nicht gewollt, sagt Dr. Matthias Ludwig. Der Professor für Didaktik der Mathematik in der Sekundarstufe an der Frankfurter Goethe-Universität hat die „MathCityMap“ mit seinem Team entwickelt. „Mathematik wird in der Schule als eine Kulturtechnik vermittelt, ähnlich wie Lesen und Schreiben. Doch im Gegensatz zu Deutsch ist bei Mathe für die Schülerinnen und Schüler oft nicht ersichtlich, wofür man den Stoff im Leben benötigt. Das schwächt die Akzeptanz.“ Von der „Mathe-Unlust“ betroffen seien Jugendliche ab der Sekundarstufe, Grundschüler dagegen kaum.

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Am Brunnen auf dem Domplatz: die Station "So viel Regen!"
© WWU/Peter Leßmann
Sich der Lebenswelt der Schüler anzunähern, ist eine didaktische Herangehensweise, um das Interesse an dem Stoff zu erhöhen. „Mein persönlicher Ansatz dabei ist: machen, tun. Die Bewegung ist ein wichtiger Aspekt“, sagt Matthias Ludwig. „Um die App zu nutzen, müssen die Schüler den Klassenraum verlassen. Draußen werden alle Sinne angesprochen – wir erhoffen uns, dass das Gelernte länger erhalten bleibt.“ Projektbegleitende Studien zeigten bereits jetzt, dass die Motivation der Jugendlichen, mit „MathCityMap“ zu arbeiten, bei wiederholter Nutzung steigt und auch langfristig erhalten bleibt.

Auch die Nutzung des Smartphones trage dazu bei, das Interesse der Schüler zu wecken. „Was Kindern und Jugendlichen besonders entgegenkommt, ist die Nutzung der App als Spiel. Wenn der Lehrer möchte, kann er seine Schüler gegeneinander antreten und Punkte sammeln lassen“, berichtet Matthias Ludwig.

Die münsterschen Mathematik-Didaktiker haben mit dem Rundgang durch die Innenstadt bereits den zweiten Mathespaziergang entworfen – nach einem Aasee-Lehrpfad, der Rechenstationen rund um den Aasee beinhaltet, beispielsweise die „Aasee-Kugeln“. Wie die Forscher aus Frankfurt sind die Münsteraner von dem didaktischen Wert des Projekts überzeugt. „Dadurch, dass die Schüler bei unseren Aufgaben eigene Lösungswege entwickeln, erleben sie sich kompetenter – das steigert die Motivation“, sagt Stanislaw Schukajlow. Außerdem sei wichtig, dass die App anzeige, wie gut oder schlecht eine Lösung ist, ergänzt Doktorandin Johanna Rellensmann. „Unsere Studien zeigen: Eine Aufgabe muss lösbar sein – aber mit einer gewissen Herausforderung, sonst ist sie für Schüler nicht interessant. Außerdem fordern die Schüler eine Rückmeldung ein.“

Die App bietet sich für Exkursionen im Matheunterricht an und ist daher nicht nur für Schüler interessant, sondern auch für Lehrer. Die münsterschen Mathedidaktiker haben aber auch eine andere Zielgruppe im Hinterkopf, betont Stanislaw Schukajlow. „So viele Touristen spazieren durch Münster und schauen sich die Sehenswürdigkeiten an. Vielleicht möchte der eine oder andere die Stadt bei einem Mathe-Rundgang erkunden.“


Christina Heimken

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 8, 13. Dezember 2017

MathCityMap

Die „MathCityMap“ ist kostenlos für Android- und iOS-Betriebssysteme erhältlich. Die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Matthias Ludwig am Institut für Didaktik der Mathematik und Informatik der Goethe-Universität Frankfurt am Main begleitet das von der Europäischen Kommission geförderte Projekt mit mathematikdidaktischer Forschung. Lehrer und andere Nutzer können eigene Lehrpfade in der „MathCityMap“ anlegen. Die Software steht in zehn Sprachen zur Verfügung.

 

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